Der Bodensee. Eines der schönsten europäischen Reviere für Wassersportler. Schwimmen, paddeln, tauchen, segeln, Motorboot fahren – hier ist alles erlaubt, was Spaß macht.

Jede Menge Kraft unter der Motorhaube. Allerdings gilt für jeden auf dem Bodensee: Maximalgeschwindigkeit 40 Stundenkilometer.
Jede Menge Kraft unter der Motorhaube. Allerdings gilt für jeden auf dem Bodensee: Maximalgeschwindigkeit 40 Stundenkilometer. | Bild: Schuler, Andreas

Motoren mit 100 PS und mehr – obwohl nur 40 km/h erlaubt sind

Die grenzenlose Freiheit. Wer die nötigen Scheine in Form von Geld, Erlaubnissen und Zulassungen hat, darf im Rahmen der Gesetze nahezu alles. Für manche Menschen ist dies im Bereich der motorisierten Schifffahrt jedoch ein Graus – weil sie dadurch hier und da ihre eigenen Freiheiten und die anderer Menschen eingegrenzt sehen.

Hart am Wind: Wer mit seinem Motorboot über den See fährt, muss einige Regeln beachten – nur die Anzahl der PS ist nicht reguliert.
Hart am Wind: Wer mit seinem Motorboot über den See fährt, muss einige Regeln beachten – nur die Anzahl der PS ist nicht reguliert. | Bild: Schuler, Andreas

Eine Mann stellt die entscheidende Frage

Peter Helm, einige Jahre Schatzmeister des Yacht Club Dettingen, stellt, wie er es selbst ausdrückt, die entscheidende Frage: „Warum haben Menschen am Bodensee Motorboote mit 100 PS und mehr, wenn sie doch nur 40 Stundenkilometer fahren dürfen?“

Vor wenigen Wochen brannte ein Motorboot im Konstanzer Hafen. Der Rauchkegel war sehr weit zu sehen.
Vor wenigen Wochen brannte ein Motorboot im Konstanzer Hafen. Der Rauchkegel war sehr weit zu sehen. | Bild: Feuerwehr Konstanz

Der im Konstanzer Hafen verpuffte Tank mit anschließendem Brand des Motorbootes vor wenigen Wochen hat ihn nachdenklich gemacht.

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„Man muss sich schon mal fragen, warum so etwas überhaupt zulässig ist“, sagt er und schüttelt den Kopf. „Das sind ja eigentlich schwimmende Bomben.“

Die Beamten erklären dem Schiffsführer, dass das Beiboot im Seerhein eng geführt werden muss. Eine Strafe gibt es nicht. „Man kann ...
Die Beamten erklären dem Schiffsführer, dass das Beiboot im Seerhein eng geführt werden muss. Eine Strafe gibt es nicht. „Man kann ja miteinander reden“, sagt Andreas Dummel, der Leiter der Wasserschutzpolizei Konstanz. | Bild: Schuler, Andreas

Er zieht einen interessanten Vergleich: „Bei jedem Festival werde ich mittlerweile kontrolliert, ob ich ein Liter Flüssigkeit dabei habe wegen der Anschlagsgefahr. Und auf dem Bodensee sind 450 Liter hochexplosives Benzin auf einem Schiff in Ordnung?“

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Ein Boot als fahrende Bombe?

Er wolle es ja nicht herbeireden, „aber so ein Boot lässt sich bequem in einen Hafen fahren und dort in die Luft jagen. Darüber hat offenbar noch niemand nachgedacht“.

PS-Treffen: Diese zwei Flitzer sind bei herrlichem Sommerwetter unterwegs.
PS-Treffen: Diese zwei Flitzer sind bei herrlichem Sommerwetter unterwegs. | Bild: Schuler, Andreas

„Die meisten Motorbootfahrer sind diszipliniert“

Peter Helm möchte sich als leidenschaftlicher Segler keinesfalls mit allen Motorbootfahrern anlegen, „denn die meisten sind sehr diszipliniert und anständig. Aber es gibt auch einige, die rücksichtslos fahren und dicke Wellen fabrizieren, die kleineren Segelbooten echte Probleme bereiten. Das ist, höflich ausgedrückt, nicht sehr anständig.“

Hier kreuzen sich jede Menge PS. Im Seerhein dürfen selbst die größten Boote maximal zehn Stundenkilometer fahren, auf dem See maximal 40.
Hier kreuzen sich jede Menge PS. Im Seerhein dürfen selbst die größten Boote maximal zehn Stundenkilometer fahren, auf dem See maximal 40. | Bild: Schuler, Andreas

Das, was Peter Helm damit anspricht, beobachtet auch Andreas Dummel zunehmend: „Die Ellenbogengesellschaft gibt es mittlerweile auch auf dem Wasser“, sagt der Leiter der Wasserschutzpolizei Konstanz.

Große Freiheit für die einen, großes Ärgernis für die anderen: Ein schnelles Motorboot auf dem Obersee.
Große Freiheit für die einen, großes Ärgernis für die anderen: Ein schnelles Motorboot auf dem Obersee. | Bild: Schuler, Andreas

„Dieses schnell, schnell will niemand auf dem See“

Er plädiert: „Es wäre doch schön, wenn das Miteinander wieder mehr in den Mittelpunkt gerückt werden würde. Dieses ständige schnell, schnell und immer Erster sein müssen – das wollen wir auf dem Wasser nicht.“

Wasserschutzpolizei auf Streife. Die Beamten suchen den freundlichen Kontakt mit den Schiffsführern. Das hilft in der Regel, um gute ...
Wasserschutzpolizei auf Streife. Die Beamten suchen den freundlichen Kontakt mit den Schiffsführern. Das hilft in der Regel, um gute Stimmung zu erzeugen. „Die Bootsfahrer sind ja in ihrer Freizeit unterwegs und wollen Spaß haben“, sagt Andreas Dummel. „Den wollen wir ihnen nicht verderben. Aber an die Vorschriften muss sich jeder halten.“ | Bild: Schuler, Andreas

Er kennt Yachten, die werden vielleicht ein- oder zweimal pro Jahr bewegt, „ansonsten liegen die nur im Hafen“. Bei Kontrollen auf dem See versucht die Wasserschutzpolizei stets den kameradschaftlichen Weg, wie Andreas Dummel sagt: „Wir nehmen uns Zeit für die Menschen und weisen sie auf Vorschriften hin.“

In die Rolle des anderen versetzen

Der Rollentausch sei ein probates Mittel, um Einsicht zu erlangen: „Stellen sie sich vor, sie wären jetzt in dem kleinen Boot gesessen und hätten mit diesem Wellenschlag zu kämpfen gehabt.“ Das ziehe immer, weiß der Polizist.

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In den vergangenen Jahrzehnten gab es immer wieder Vorfälle mit brennenden Booten im Zuständigkeitsbereich der Wasserpolizei Konstanz.

Bild 9: PS-Riesen auf dem Bodensee: „Das sind schwimmende Bomben“
Bild: Wasserschutzpolizei
Bild 10: PS-Riesen auf dem Bodensee: „Das sind schwimmende Bomben“
Bild: Wasserschutzpolizei
Bild 11: PS-Riesen auf dem Bodensee: „Das sind schwimmende Bomben“
Bild: Wasserschutzpolizei

Immer wieder begegnen Andreas Dummel und seinen Kollegen auf dem Wasser diese fast schon Angst einflößenden PS-Monster. „Neulich hatten wir ein Boot mit 1100 PS“, erinnert er sich. „Das ist dann wie mit dem Auto: Da kaufst du nicht nur das Fahrzeug an sich, sondern auch ein Image, das mitgeliefert wird.“

Ankern verboten: Hier darf selbst außerhalb der 25-Meter-Zone nicht geankert werden. Wer es doch macht, muss mit 40 Euro Bußgeld rechnen.
Ankern verboten: Hier darf selbst außerhalb der 25-Meter-Zone nicht geankert werden. Wer es doch macht, muss mit 40 Euro Bußgeld rechnen. | Bild: Schuler, Andreas

Entsprechend groß sind dann auch die Benzintanks der Boote. „Man sollte sich immer vor Augen halten, dass wir mit Verbrennungsmotoren auf einem riesigen Trinkwasserreservoir unterwegs sind“, sagt er. „Die Risiken sind nicht unerheblich.“

Bayern als Vorbild

Dummel hat eine Hoffnung: „Vielleicht gibt es ein Umdenken in der Bevölkerung und in zehn, fünfzehn Jahren kommt eine Beschränkung für den See.“ Bayern sei in seinen Augen vorbildlich – aus Gründen des Naturschutzes sind Motorboote im Nachbarbundesland entweder verboten oder es existieren Einschränkungen.

Starnberger See mit knallharten Vorschriften

Für die Motorbootgenehmigungen am Starnberger See zum Beispiel gibt es ein festes Kontingent von 255 privaten Lizenzen. Alle Bewerber müssen sich vorab in eine Vormerkliste eintragen lassen. Die Wartezeit beträgt im Moment rund zehn Jahre.

Und was ist mit der Natur?

Der Leiter der Wasserschutzpolizei versteht sowieso nicht, warum sich Menschen rasend schnell auf dem See fortbewegen. „Es sollte doch darum gehen, die Natur und unsere herrliche Region zu genießen.“ Auch die laute Beschallung sei rücksichtslos gegenüber der Mitmenschen.

Die Wassersportgemeinschaft wehrt sich

Hans-Dieter Möhlhenrich, der bei der Internationalen Wassersportgemeinschaft Bodensee für die Pressearbeit zuständig ist, möchte den Satz, dass es eine PS-Beschränkung auf dem Bodensee nicht gebe, nicht unkommentiert stehe lassen. Er sagt: „Die Abgasvorschriften implementieren auch eine PS-Beschränkung. So müssen Benzinmotoren die Bodensee-Abgasvorschriften der Stufe II erfüllen, bzw. die Abgasvorschriften der EU-Sportbootrichtlinie, die als gleichwertig anerkannt werden. Diese sind nur mit einem Katalysator zu erreichen, die Motoren sind also auf dem Stand der Technik und sauber.“

„Eine Art PS-Beschränkung“

Möhlhenrich weiter: „Gleichzeitig werden mit den Abgasvorschriften Massenemissionen festgelegt. Das sorgt für eine Art PS-Beschränkung. Derzeit erreichen nur Benzin-Motoren unter 360 PS diese Grenzwerte. Die Massenemissionsgrenzen gelten auch für eine Doppelmotorisierungen. PS-Zulassungen ohne Grenze gibt es am Bodensee also definitiv nicht.“