Konstanz Online einkaufen mit gutem Gewissen: Wie ein Konstanzer Start-up Amazon und Co. Konkurrenz machen will

Serie Gründerzeit: Valentin Uhrmeister, Moritz Simsch und Anna Pfeifer wollen mit ihrem Start-up "nemms" eine Alternative zu den großen Online-Händlern aufbauen und den lokalen Handel stärken. Ihre Idee findet viel Unterstützung in Konstanz.

Es gibt nicht wenige Konstanzer, denen es graust, in der Stadt einkaufen zu gehen. Und so fahren inzwischen weniger Konstanzer in die Stadt, dafür umso mehr Paketdienste direkt vor die Haustüre oder zur Lieferzentrale für Schweizer Shopper. Internethändler locken mit einem charmanten Angebot: Vom Sofa aus die neue Jeans auf Amazon oder Zalando zu bestellen, bedeutet weniger Stress als das Parkplatzsuchen, das Tütenschleppen, das Warten an der Kasse...Wäre da nicht irgendwann das schlechte Gewissen, die Fernsehdoku „Die Macht von Amazon – günstig aber gnadenlos“ und die Frage, wie eigentlich die Innenstadt aussehe, wenn es dort keine Einzelhändler mehr gibt.

In der aktuellen Konstanzer Bürgerbefragung gaben die Konstanzer an, sie wünschen sich weniger internationale Ketten in den Einkaufstraßen. Natürlich hat die Konstanzer Altstadt mehr Charme, wenn statt dm und Co. mehr kleine, schnuckelige Läden zu finden sind. Aber die müssen sich oft nicht nur die Konstanzer Mietpreisen leisten können – sondern auch ein so gutes Angebot haben, dass die Leute zu ihnen in den Laden kommen. Es gibt nichts, was es nicht auch im Internet gibt, aber die persönliche Beratung bleibt vielen wichtig. Warum also nicht beides miteinander verbinden? Lokales Geschäft und Online-Handel?

Den Sprung ins Haifischbecken wagen?

Valentin Uhrmeister, Moritz Simsch und Anna Pfeifer sind nicht die ersten, die auf diese Idee gekommen sind. Es gibt zahlreiche Dienstleister, die lokalen Händlern beim Sprung ins Netz helfen und damit selbst Geld verdienen wollen, darunter Locafox, Simply Local, Atalanda oder Buy Local. „Natürlich haben wir lange überlegt, ob wir uns in das Haifischbecken trauen, in dem Amazon und Co. schwimmen“, sagt Anna Pfeifer. „Der E-Commerce-Markt ist riesig, aber es gibt noch keine Lösung, die Einzelhändlern Onlinehandel mit persönlicher Produktberatung ermöglicht“, sagt Anna Pfeifer. „Zudem denken immer mehr Konsumenten um und wollen Nachhaltigkeit leben”, ergänzt Moritz Simsch. „Ja“, meint Anna Pfeifer, „warum werden täglich tausende Pakete nach Konstanz gekarrt“?

In den vergangenen Jahren und Monaten haben die drei viele Gespräche geführt: Mit dem Konstanzer Einzelhandelsverband, mit Händlern, der Wirtschaftsförderung, mit Freunden und Experten, mit der Gründerinitiative Kilometer 1 von Universität Konstanz und der Hochschule HTWG. Die schließlich bewerteten die Geschäftsidee als positiv: „nemms“, so heißt ihr Unternehmen, konnte an den Start gehen. Seit Anfang Februar erhält das Team das Gründerstipendium „Exist“, das dem Trio für ein Jahr ein festes Einkommen sichert, Weiterbildungen ermöglicht und den Kontakt zu Investoren eröffnet. Mentor des Teams ist Markus Eiglsperger, Professor an der HTWG für Webtechnologien und Mobile Anwendungen in der Fakultät Informatik. „Meine Aufgabe ist, die Gründer wissenschaftlich zu begleiten und ihnen mit meinen Erfahrungen im Bereich Softwareentwicklung und E-Commerce zur Verfügung zu stehen, erläutert Eiglsperger.

Pilot-Projekt startet in Konstanz

Die App für das Smartphone ist entwickelt, ab Juni kann sie heruntergeladen werden. Dann soll jeder Kunde per Klick bei lokalen Händlern einkaufen können. Interessiert sich ein Kunde zum Beispiel für Schuhe einer besonderen Marke und möchte wissen, welcher Händler in Konstanz die Schuhe zu welchem Preis anbietet, kann er per Smartphone, Tablet oder PC eine formlose Anfrage versenden, bei Wunsch auch mit einem Foto.

Die App leitet die Anfrage dann an geeignete Händler in Konstanz weiter, die sich bei nemms registriert haben. Die Händler können dann per Chat und mit einem oder mehreren Angeboten Kontakt mit dem Interessenten aufnehmen. Rückfragen können über die App persönlich mit dem Einzelhändler geklärt werden. Ist der Kunde überzeugt, kann er sich die Schuhe reservieren lassen und abholen. Nach der Testphase soll es auch möglich sein, die Produkte per Fahrradkurier an jeden Ort in der Stadt geliefert zu bekommen. Der Unterschied zu anderen Anbietern: Der Händler zahlt kein Abo für die Dienstleistung, sondern pro angenommener Anfrage. „Ein Betrag in Höhe einer SMS“, sagt Anna Pfeifer. Damit ist klar: Das Projekt kann nur erfolgreich sein, wenn es viele nutzen. Am besten deutschlandweit.

Langfristiges Ziel der drei Unternehmensgründer ist es deshalb, das Konzept auch auf andere Städte zu übertragen. 48 Städte in Deutschland haben die Gründer ausgemacht und abtelefoniert. „Gerade Uni-Städte sind sehr interessant. Da ist die Klientel der Idee – kurze Lieferwege und wenig Ressourcenverbrauch – gegenüber offen. Und es gibt Studierende, die als Fahrradkuriere jobben möchten“, sagt Valentin Uhrmeister.

Alle drei haben sichere Jobs aufgegeben

„Wir bieten einen weiteren, neuen Weg an, der neben dem anonymen Online-Shopping auch den persönlichen Kontakt und eine langfristige Kundenbindung ermöglicht“, sagt Moritz Simsch, der nach einer Ausbildung zum Bankkaufmann an der HTWG Maschinenbau studiert hat und sich nun ganz dem Thema Unternehmensgründung widmet. Für nemms haben alle drei sichere Jobs aufgegeben. Anna Pfeifer hat als Beraterin für digitale Produkte gearbeitet, Valentin Uhrmeister arbeitete als Web-Entwickler in der Schweiz. Warum gehen sie ein solches Risiko ein und verzichten gerade auf ein Gehalt? „Ich will morgens aufstehen, nicht weil die Pflicht ruft, sondern weil ich mein eigenes Ding umsetzen kann“, antwortet Valentin Uhrmeister und schaut zu Vento, seinem Hund: „Und ich kann ihn unkompliziert ins Büro mitnehmen.“

Moritz Simsch lächelt. „Es ist schwer, jemanden zu finden, der gut ist, das Risiko eingeht und nicht in die Schweiz geht.“ Allerdings ist das Risiko überschaubar: Web-Entwickler sind heiß begehrt auf dem Arbeitsmarkt. Einen Job findet Uhrmeister sicher schnell wieder, falls es mit nemms nicht klappt.

Auch Anna Pfeifer dürfte keine Probleme haben, genießt aber ersteinmal die Start-up-Kultur: „Es ist die Freiheit, Dinge auf einer grünen Wiese ausprobieren zu können, die einfach enorm motiviert“, sagt sie. „Ich kann mich hier entfalten und lerne unglaublich viel, auch außerhalb meines Bereichs.“ Vor allem könne sie jetzt auch an ihrem Wohnort arbeiten, muss nicht mehr zwei Stunden täglich in die Schweiz pendeln. „Das ist auch Lebensqualität“, sagt Pfeifer – trotz der gerade anstrengenden Phase. Haben die drei noch einen Tipp für andere Unternehmensgründer? „Mit ganz vielen Leuten reden“, antwortet Moritz Simsch. „Und keine Angst haben, dass die Idee geklaut wird.“

Weitere Informationen unter: www.nemms.de

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