Jörg-Peter Rau: Herr Burchardt, drehen wir den Spieß mal um. Welche Frage möchten Sie gerne uns Lokalredakteuren stellen?

OB Uli Burchardt: Konstanz 2018 ist das beste Konstanz, das es je gab. Teilen Sie meine Einschätzung?

Philipp Zieger: Ich teile Ihre Einschätzung insoweit, als dass sich in Konstanz in den vergangenen Jahren baulich sehr viel getan hat. Aber diese Entwicklung ist meines Erachtens etwas anderes als das, wie es sich für viele Konstanzer anfühlt. Ich glaube, dass die Stadt vielen Konstanzern zunehmend fremder wird, dass viele sagen: Das ist nicht mehr meine Stadt. Das hängt vor allem mit den Themen Verkehr, Wohnen und der Entwicklung der Innenstadt zusammen. Zumindest sind das die Punkte, die ich immer wieder von Nachbarn, Freunden oder Bekannten höre.

Jörg-Peter Rau: Konstanz steht heute sicher besser da als vor 15 Jahren, und in vielen Bereichen gab es Verbesserungen: bei der Kinderbetreuung, in den Schulen, im öffentlichen Nahverkehr. Ich glaube aber, dass es viele Bürger gibt, die mit der Geschwindigkeit der Veränderungen in dieser Stadt zunehmend Schwierigkeiten haben und sich fragen: Wo ist eigentlich mein Platz?

OB Burchardt: Die Geschwindigkeit ist heftig, das gestehe ich zu. Aber das ist kein spezielles Konstanzer Thema. Das ist ein Thema unserer Zeit. Und um das einzuordnen, muss man über die Stadtgrenzen hinausschauen. Es ist eine atemlose Zeit, getrieben durch Digitalisierung und Negativzins-Politik. Das sind die zwei Haupttreiber, die für eine große Verunsicherung im sozialen und familiären Lebensumfeld, in der Arbeit und insgesamt in der Gesellschaft sorgen.

Jörg-Peter Rau: Da lege ich Widerspruch ein. Für die Konstanzer ist die Veränderung ihrer Stadt natürlich in erster Linie ein Konstanzer Thema.

OB Burchardt: Das stimmt ja auch. Aber die Erwartung, dass diese Entwicklung jetzt jemand ändern soll, ist nicht erfüllbar. Die übergeordneten Rahmenbedingungenn können wir nicht ändern. Aber wir können die Kräfte, die hier wirken, klug lenken. Ein Beispiel sind Hotels. Wir können uns hinsetzen und sagen, welche Art von Hotels wir wo haben wollen. Oder wir lassen es bleiben. Aber dann werden eben irgendwo irgendwelche Hotels gebaut, Baurechte gibt es genügend. Sie können morgen zehn, fünfzehn Hotels in Konstanz bauen und wenn wir es nicht anders steuern, wird es auch so kommen.

Andreas Schuler: Ich höre immer wieder folgenden Satz von Urkonstanzern: „Für mich wird hier nicht mehr viel getan, sondern nur noch für die Schweizer“. Eine subjektive Wahrnehmung, ja. Aber damit sehen Sie sich wahrscheinlich auch jeden Tag konfrontiert, oder?

OB Burchardt: Ich rede auch täglich mit Urkonstanzern und würde das nicht stehen lassen als die pauschale Äußerung des Urkonstanzers. Es gibt manchmal eine Gereiztheit gegenüber Besuchern aus der Schweiz, die teilweise nachvollziehbar ist, wenn es um das Verhalten im Straßenverkehr geht,manchmal auch um das Verhalten von Personen in Läden. Das hat aber nichts damit zu tun, dass sie Schweizer sind. Sondern damit, dass diese Personen schlechte Umgangsformen haben. Wir sind Nachbarn und es gab auch schon die umgekehrte Situation. 2012 sind alle in die Schweiz zum Tanken gefahren. Jeden Winter stauen sich die deutschen Kennzeichen auf dem Weg ins Skigebiet in irgendwelchen Schweizer Dörfern, die daran keinen Rappen verdienen. Kurz gesagt: Ich kenne natürlich die Kritik und werbe immer wieder dafür, auch den Nutzen dessen zu sehen. Als Stadt profitieren wir vom Schweizer Einkaufstourismus. Von dem Geld, das wir mit Gästen aus der Schweiz verdienen, können wir uns viel leisten und das kommt allen zugute. Zudem weiß auch jeder, wann es ruhig ist in der Stadt und wann sie überfüllt ist. Wann eher der Tag von Touristen und wann der Tag von Einheimischen ist. Man richtet sich darauf ein. Das ist letztlich in allen Städten so, die so attraktiv sind wie Konstanz.

Sandra Pfanner: Wie genau profitieren wir alle denn vom Einkaufstourismus? Es profitieren die Händler, Gastronomen und Hoteliers.

OB Burchardt: Sie profitieren zum Beispiel davon, dass enorm in die Substanz dieser Stadt investiert wird. Es mag nicht Ihr Haus sein, aber es ist Ihre Lebensumgebung, vielleicht die Ihrer Kinder. Das bedeutet auch, dass jeder, der hier eine Immobilie besitzt, irgendwann gekauft hat oder noch abstottert, davon profitiert. Das sind viele. Dann gibt es viele, die profitieren davon indirekt. Die profitieren als allererstes von den sogenannten weichen Standortfaktoren. Wir haben beispielsweise in der Kinderbetreuung ein tolles Niveau. Gleiches gilt für die Kultur oder unsere Bäder und vieles mehr. Davon profitiert jeder.

Benjamin Brumm: Sie sprechen oft die Investitionen in die Stadt an. Ich bin in Konstanz geboren, aufgewachsen und nach einer zehnjährigen Pause wieder hierher zurückgekommen. Verbessert hat sich sicherlich vieles. Nur: In welche Bereichen wird investiert? Die Profite kommen längst nicht bei allen an. Und auch beim Thema Kultur muss ich widersprechen. Es gibt für eine Stadt, die bald 100 000 Einwohner hat, wenig Möglichkeiten für jüngere Menschen.

OB Burchardt: Aber wir sind uns schon einig, dass das Angebot erheblich besser ist als noch vor zehn oder zwanzig Jahren?

Benjamin Brumm: Da bin ich mir tatsächlich nicht sicher.

Andreas Schuler: Also ich wohne seit 27 Jahren hier. In der Zeit von 1991 bis 1998 war gefühlt zehn Mal so viel los hier an jungem Leben. Da hat die Stadt pulsiert. Es gab viel mehr Kneipen und Kulturangebote.

OB Burchardt: Das kann ich nicht teilen. Meine Wahrnehmung ist eine völlig andere.

Jörg-Peter Rau: Schauen wir noch einmal auf die die grundsätzliche Frage, die Sandra Pfanner und Benjamin Brumm angesprochen haben. Sind die Chancen und Risiken in der Stadt gerecht und klug verteilt?

OB Burchardt: Nein. Chancen und Risiken sind ganz gewiss nicht gleich verteilt in unserer Gesellschaft. Aber auch das ist kein spezielles Konstanzer Thema, sondern es ist zunächst einmal eines unserer politischen Rahmenbedingungen. Innerhalb von Konstanz geben wir uns große Mühe, den Mechanismen entgegen zu wirken. Wenn wir jetzt nichts tun würden, dann würde sich die Stadt dem Geld entsprechend entwickeln. Da sind wir uns einig. Mir ist klar, dass viele Leute lange noch nicht das haben, was sie gerne hätten. Da arbeiten wir daran und ich hätte es auch gerne schneller. Aber schneller geht es nicht. Wenn ich unsere kommunalpolitischen Spielräume ansehe, machen wir in der Gesamtschau einen guten Job. Wenn es Menschen gibt, die das anders sehen, können sie sich mit ihren Anliegen an mich oder eine Fraktion wenden. Davon höre ich aber wenig.

Jörg-Peter Rau: Liegt es vielleicht daran, dass bestimmte Menschen sich schon gar nicht mehr artikulieren oder den Glauben daran verloren haben, dass ihre Themen überhaupt noch ein Echo finden?

OB Burchardt: Ich versuche jeden Brief, jede Mail und jede Frage konstruktiv und gut zu beantworten und glaube nicht, dass es eine Resignation gibt. Wir erleben immer lebhafte und gute Beteiligung. Die ist sicher dann stärker, wenn die Menschen direkt betroffen sind. Wir sind aus meiner Sicht eine sehr lebhafte Stadtgesellschaft und ich begegne sehr vielen Leuten, die total stolz sind. Die sagen: „Ich lebe hier sehr gerne, bin stolz auf Konstanz und auch darauf, dass die Stadt so beliebt ist.“

Andreas Schuler: Aber es gibt auch die Angst, dass es irgendwann mal nicht so mehr so schön sein könnte wie es jetzt ist. Stichwort Drogeriemärkte. Die Menschen haben die Befürchtung, dass nur noch große Ketten eröffnen und Konstanz eine Ramschstadt wird.

OB Burchardt: Es ist sicher ein wichtiger Punkt, wie es in Zukunft weitergeht und welche Optionen wir als Stadt haben. Denn wir können nicht alles beeinflussen. Ob irgendwo ein Drogeriemarkt eröffnet, läuft nicht über meinen Schreibtisch, solange das Gebäude nicht der Stadt gehört. Ich finde, dass wir nach wie vor eine der attraktivsten Innenstädte in ganz Deutschland haben, mit einem tollen Mix und vielen kleinen Läden. Aber auch ich verstehe nicht, dass direkt neben einem Drogeriemarkt ein Drogeriemarkt aufmacht.

Benjamin Brumm: Die meisten Konstanzer, die ich kenne, fahren nach Radolfzell oder Singen zum Einkaufen. Denn in Konstanz gibt es auch zunehmend Läden im Hochpreissegment, wie Bogner oder Joop. Da schlucke ich schon und denke mir: „Eine Jacke für 500 Euro, das ist selbst in Konstanz fast eine Miete.“ Solche Geschäfte ziehen auch ein bestimmtes Klientel an.

OB Burchardt: Dass es Geschäfte wie Bogner hier gibt, können sie von zwei Seiten sehen. Sie können sich darüber ärgern, dass Sie sich das nicht leisten können. Oder Sie sehen Läden wie diese als etwas, das Konstanz als Oberzentrum auszeichnet. Das ist etwas, das es nicht in jeder Stadt gibt. Und in Konstanz gab es schon immer sehr hochpreisige Modeläden. Die Frage ist, was wir dafür verlieren und ob es sich die Waage hält. Ich sehe nach wie vor Konstanz als eine Stadt, die wahnsinnig viele Familienbetriebe, kleine, charmante Läden hat. Es ist zum Teil teuer, zum Teil ist es ganz bezahlbar. Ähnlich ist es in der Gastronomie, wir haben zwei Sterne-Restaurants. Ich finde es gut, dass es die in Konstanz sind. Auch wenn mir klar ist, dass es für die meisten Leute undenkbar ist, dort essen zu gehen. Gleichzeitig gibt es hier Lokale wie den Sedir. Da war ich schon, als ich 15 Jahre alt war. Der kleine Nudeltopf kostet, glaube ich, 5 Euro. Wir haben in sehr vielen Bereichen ein breites Angebotssprektrum, und das ist gut so.

Jörg-Peter Rau: Sie haben vorher über Bürgerstolz gesprochen. Glauben Sie, dass Projekte wie das Bodenseeforum oder Schänzle-Nord die Konstanzer mit Bürgerstolz erfüllen?

OB Burchardt: Das Bodenseeforum hat einen unglücklichen und schwierigen Start gehabt und ich hätte mir einen besseren Start gewünscht. Jetzt ist es so, aus vielen verschiedenen Gründen. Ich bin sicher, dass das Bodenseeforum seinen Platz haben wird, wie ihn heute das Konzil hat. Und ich glaube, dass die Gesamtentwicklung in dieser Ecke der Stadt mit Stolz gesehen wird. Wir müssen es schaffen, einen nennenswerten Teil des Verkehrs dorthin zu bringen. Das Schänzle-Nord und Süd wird ein wichtiger Verkehrsknotenpunkt sein, unter anderem mit einem Fernbusterminal und einem Mietradsystem. Das Mietradsystem, das wir jetzt schon haben ist auch etwas, auf das wir stolz sein können. Jeden Tag kommt mir ein TINK-Fahrrad entgegen. Auf jedem sitzt einer und grinst, hat einen Grill oder zwei Kisten Bier dabei oder zwei Leute vorne drin, da darf man gar nicht so genau hinschauen. Ich denke dann: denen geht es gut, die freuen sich und haben Spaß in dieser Stadt.

Herr Burchardt, wenn Sie in die Zukunft von Konstanz schauen – was gibt Ihnen Grund zum Optimismus und was macht Ihnen Sorgen? Treten Sie noch mal als Oberbürgermeister an? Die Antworten lesen Sie hier, im zweiten Teil des großen Sommer-Interviews. Ein Teil vorab: "Mir bereitet Sorgen, ob wir in der Lage sind, die notwendigen Entwicklungen in der richtigen Geschwindigkeit einzulösen. Damit es sich jeder leisten kann, hier zu leben", sagt Burchardt.