Im aktuellen Hochsommer ist die Problematik zu beobachten – aber auch in der Vorweihnachtszeit, wenn sich die Marktstätte in ein leuchtend-glänzendes Wunderland verwandelt: In Vorräumen von Banken oder Geschäften verbringen Menschen ohne festen Wohnsitz ihre Nächte und benutzen nicht selten die Räume oder Plätze davor für die Verrichtung ihrer Notdurft. Tagsüber sind sie in den Gassen der Stadt unterwegs und betteln.

Im Sommer sind relativ viele Bettler im Zentrum von Konstanz unterwegs. Viele von ihnen betteln offensiv, gehen also direkt auf Menschen zu.
Im Sommer sind relativ viele Bettler im Zentrum von Konstanz unterwegs. Viele von ihnen betteln offensiv, gehen also direkt auf Menschen zu. | Bild: Claudia Wagner

„Bekannte Konstanzer Obdachlose sind nicht das Problem“, sagt Nadine Fischer vom Restaurant La Piazza neben der Post am Ende der Marktstätte. „Die sind in der Regel nett und freundlich und man kann mit ihnen gut reden. Es sind zumeist Bettler organisierter osteuropäischer Banden, die Ärger machen. Oder zuletzt Gruppen junger Menschen, die offenbar neu sind in der Stadt.“ Wenn sie morgens die Terrasse für Gäste fertig macht, muss sie zunächst einmal jede Menge Müll entsorgen. Schon im vergangenen Winter sei diese Problematik allgegenwärtig gewesen.

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„Mitarbeiter werden nachts angepöbelt“

Barbara Dietzler, seit Herbst 2018 Direktorin des Tertianum, beobachtet ähnliche Szenen. „Mitarbeiter unserer Spätschicht, die nach 21 Uhr durch die Unterführung müssen, berichten immer wieder, dass sie dort angepöbelt werden“, erzählt sie. „Auch werden unsere Gäste auf der Terrasse angebettelt, während sie dort essen. Das ist sehr unangenehm.“ Die kleine Grünfläche neben den Treppen wird immer wieder als Toilette benutzt. Nachts kam es schon vor, dass Obdachlose an der Mauer des Gebäudes ein Feuer machten, um dort zu grillen. Die Brandflecken sind jetzt noch zu begutachten.

Menschen lagern vor dem Tertianum, dem Pano und der Postbank.
Menschen lagern vor dem Tertianum, dem Pano und der Postbank. | Bild: Tertianum

Steffen Frank Olbert von der Postbank berichtet von Menschen, die im Vorraum der Bank schlafen, wo sich die Geldautomaten befinden. In anderen Filialen, erzählt er, sei auch schon gegen Wände und Automaten gepinkelt worden. „Wir könnten den Raum ja abschließen“, sagt er. „Doch das entspricht nicht unseren Vorstellungen von Service für unsere Kunden, die den Zugang zu den Geldautomaten benötigen.“ Der Trick, in den Raum zu kommen, ist einfach: Ein Obdachloser würde warten, bis eine Person die Tür mit einer Bankkarte ganz legal öffnet und dann ebenfalls eintreten, von innen lässt sich die Tür dann per Knopfdruck für die Kameraden öffnen.

„Der OB hat sich lange nicht zurück gemeldet“

Nun haben sich die von der unangenehmen Situation betroffenen Geschäftsleute zu einem runden Tisch vereint und möchten das Problem gezielt angehen – von der Stadtverwaltung fühlen sie sich im Stich gelassen. „Ich habe den Oberbürgermeister angeschrieben und dann lange nichts von ihm gehört“, berichtet Barbara Dietzler und zeigt auf den ausgedruckten Schriftverkehr. „Aber wehe, wir stellen einen Blumenkübel oder Terrassenmöbel zehn Zentimeter zu weit in den Gehweg. Dann bekommen wir sofort eine Strafe aufgebrummt.“

Sie machen sich Gedanken, wie man die Problematik mit den Obdachlosen im Bereich Marktstätte lösen könnte (von links): Sabine Graf vom Stadtmarketing, Nadine Fischer vom La Piazza, Barbara Dietzler vom Tertianum sowie Ekkehard Greis als Vertreter des Handels.
Sie machen sich Gedanken, wie man die Problematik mit den Obdachlosen im Bereich Marktstätte lösen könnte (von links): Sabine Graf vom Stadtmarketing, Nadine Fischer vom La Piazza, Barbara Dietzler vom Tertianum sowie Ekkehard Greis als Vertreter des Handels. | Bild: Schuler, Andreas

Ein anberaumtes Gespräch mit Klaus Holzer vom Ordnungsamt verlief in ihren Augen nicht unbedingt zufrieden stellend. „Da wurde uns nur erzählt, dass die Stadt machtlos sei und auch der Kommunale Ordnungsdienst nicht erhöht werden könne“, sagt Barbara Dietzler. Der Frustpegel steigt. Klaus Holzer vom Ordnungsamt entgegnet: „Machtlos sind wir nur, wenn es um Innenräume von Banken zum Beispiel geht“, erklärt er. „Wenn Personen im öffentlichen Raum schlafen oder aggressiv betteln, dann haben wir die Möglichkeit einzugreifen.“ Der Kommunale Ordnungsdienst habe zuletzt den Auftrag gehabt, verstärkt im Bereich der Marktstätte unterwegs zu sein, „und wir bekommen die Rückmeldung, dass sich die Situation verbessert hat“.

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Stadt empfiehlt einen Sicherheitsdienst

Wenn schlafende Personen angetroffen werden, egal wo im öffentlichen Raum der Stadt, erfolge ein Hinweis, dass dies nicht erlaubt sei. „Aber wir reden dann mit den Menschen und bitten sie, am nächsten Morgen, spätestens 8 Uhr, weiterzuziehen“, erklärt Klaus Holzer. Der Postbank habe er einen Sicherheitsdienst empfohlen, „denn wenn sich die Menschen im Inneren aufhalten, können wir in der Tat nichts machen“.

Bettler in Konstanz: Neben aggressiven Formen des direkt auf die Passanten Zugehens, gibt es auch die Variante des Zurschaustellens vermeintlicher Gebrechen.
Bettler in Konstanz: Neben aggressiven Formen des direkt auf die Passanten Zugehens, gibt es auch die Variante des Zurschaustellens vermeintlicher Gebrechen. | Bild: Scherrer, Aurelia

Am ersten runden Tisch nahmen neben Barbara Dietzler, Nadine Fischer und Steffen Frank Olbert noch Sabine Graf vom Stadtmarketing sowie Ekkehard Greis von Werbe-Greis, Vorsitzender von ‚Treffpunkt Konstanz‚, der Interessengemeinschaft des Handels, teil. Sabine Graf zeigt auch Verständnis für die Sicht der Stadt: „Es fehlt die rechtliche Grundlage einzugreifen, wenn die Menschen einfach nur dort sitzen“, erklärt sie. „Die Frage ist, ob es Hausfriedensbruch sein könnte, wenn sich Obdachlose im abgeschlossenen Vorraum einer Bank aufhalten.“

Handelsvertreter wirft der Stadt vorgeschobene Argumente vor

Ekkehard Greis hat den Verdacht, die Stadt würde immer wieder nur vorgeschobene Argumente benutzen, wenn sie nicht handeln wolle. „Wenn ich mir nur anschaue, dass auf dem Stephansplatz eine Demonstration nicht genehmigt wird, weil man es sich nicht leisten könne, auf die Parkplätze zu verzichten“, sagt er. „Dann darf man sich die Frage stellen: Warum geht das beim Weinfest? Und warum geht das beim Wochenmarkt? Auf dem Döbele geht das ja auch, wenn dort Messe ist.“

Dieser Bettler fragt die Menschen nicht aktiv um Geld – das ist erlaubt.
Dieser Bettler fragt die Menschen nicht aktiv um Geld – das ist erlaubt. | Bild: Tertianum

Die Mitglieder des runden Tisches fordern die Stadt auf zu handeln. „Immerhin kommen diese Menschen über öffentlichen Flächen zu uns“, sagt Nadine Fischer. Barbara Dietzler fügt hinzu: „Das wirft doch auch ein schlechtes Bild auf Konstanz, wenn Touristen angepöbelt werden und die das dann weiter erzählen. Wir möchten einfach nur, dass dieses Problem ernsthaft angegangen und gelöst wird.“ Einen Vorschlag gibt es bereits, wie Barbara Dietzler erklärt: „Warum wird der Kommunale Ordnungsdienst nicht aufgestockt? Es muss doch auch im Sinne der Stadt sein, dass sich diese Dinge nicht ständig wiederholen.“

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Ingo Drews, jahrelang als Obdachloser in der Stadt unterwegs und nach wie vor bestens vernetzt in der Szene, ist sich sicher: „Ich war bei der Obdachloseneinrichtung AGJ und habe dort alle gefragt“, sagt er. „Von den normalen Obdachlosen schläft keiner in den aufgezählten Gebäude. Nach unserem Wissen sind das die osteuropäische Bettler. Das haben sie alles auch am Sea Life gemacht, wie der Hausmeister berichtet.“

Kurz vor der Unterführung von der Marktstätte kommend haben Menschen ihr Nachtlager aufgestellt.
Kurz vor der Unterführung von der Marktstätte kommend haben Menschen ihr Nachtlager aufgestellt. | Bild: Tertianum