Konstanzer mögen ihre Stadt. Außer an Samstagen. Und vor Feiertagen. Und an Brückentagen. Dann kommen die Schweizer. Verstopfen mit ihren aufgemotzten Autos die Straßen und Parkhäuser, sorgen für lange Schlangen an den Kassen von Super- und Drogeriemärkten und treiben die Preise nach oben. Ein Klischee, natürlich gibt es ebenso wenig DIE Schweizer wie DIE Deutschen. Klischees liefern schöne Bilder, sind aber für redliche Diskussionen selten geeignet. Fakt ist: Konstanzer Einzelhändler jubeln über den Einkaufstourismus, Otto-Normal-Bürger sind von ihm genervt. Das Stimmungsbild auf der anderen Seite der Grenze ist umgekehrt. Dort freuen sich die Kunden über die Schnäppchenjagd in Deutschland, die Händler – allen voran jene aus Kreuzlingen – sind von der Einkaufsflucht umso weniger angetan.

Die eidgenössische Allianz

Konstanz geht es auch dank der Schweizer Nachbarn sehr gut. Würden sie nicht mehr zum Einkaufen kommen, gäbe es zwar mehr freie Parkplätze, aber deutlich weniger Geschäfte, in die auch Konstanzer gerne gehen. Von der wirtschaftlichen Bedeutung der rund 300 Millionen von Schweizern in die Stadt getragenen Euro ganz abgesehen. Kreuzlingen kann ein Lied von dieser Bedeutung singen: Geschäfte schließen, Arbeitsplätze verschwinden, weil die Straßen zwar voll sind, aber nur zum schnellstmöglichen Transport Richtung Grenze dienen. Inzwischen wird die Beseitigung des Problems zur patriotischen Pflicht erklärt. Rechtskonservative Politiker schalten sich mit der Forderung nach einer Senkung des Freibetrags von 300 auf 50 Franken pro Person ein, Handelsketten wollen die faktische Befreiung der Mehrwertsteuer gleich ganz abschaffen, mehrere Grenzgemeinden schließen sich als Lobbygruppe zusammen.

Würden wir es anders machen?

Die Kritik an den Nachbarn, sie wollten sowohl mehr auf dem Gehaltszettel, als auch weniger bezahlen, trifft zu. Doch diese Einstellung zum schweizerischen Alleinstellungsmerkmal zu verhöhnen, ist scheinheilig und vom Neid getrieben. Die wenigstens Menschen hier würden anders handeln, würden Politik, Zollverordnung und Europäische Zentralbank ihnen hierfür die Möglichkeit geben. Warum sonst fahren sie an den Wochenenden durch Deutschland auf der Suche nach den schönsten Schnäppchen in Outlet-Zentren oder springen auf die Geiz-ist-Geil-Mentalität an? Es ist nicht lange her, als es in Konstanz völlig normal war, zum Tanken in die Schweiz zu fahren. Das Benzin war dasselbe, der Preis ein anderer. Tanktourismus und Einkaufstourismus haben nicht nur den zweiten Teil des Wortes gemeinsam.

benjamin.brumm@suedkurier.de