Konstanz Neue Zukunftsstudie für den Bodenseeraum: 1000 Experten blicken auf die Region

Die Bodensee-Region ist für die Zukunft gut aufgestellt, wenn es ihr gelingt, über die Grenzen hinweg alte Probleme wie die schlechten Verkehrsanbindungen zu beheben und neue Planungsinstrumente einzusetzen.

Mit diesen könnte sie auf Anforderungen in einer sich rasend entwickelnden Welt reagieren. Zu diesem Schluss gelangt eine neue Zukunftsstudie, für die mehr als 1000 Experten und regionale Entscheidungsträger befragt wurden. Unter Federführung des Instituts Systemisches Management und Public Governance der Universität St. Gallen waren die Universitäten Konstanz, Liechtenstein sowie der Zeppelin-Universität in Friedrichshafen beteiligt. Finanziert wurde die Studie durch die Internationale Bodenseehochschule. Für Projektleiter Roland Scherer ist die Studie der erste Schritt zum Dialog mit Bürgern und Experten über Zukunftsthemen. Ab Januar soll dies ein neuer Denkraum (Think-Tank) übernehmen.

 

Das Problem mit dem Image und das Heile-Welt-Gefühl

  • Die Wirtschaft
    Getriebemontage in Friedrichshafen bei ZF. Software-Produkte werden für das Unternehmen immer wichtiger, um erfolgreich zu sein. Bild: dpa
    Bild: Felix Kästle
    Die Zukunft des Wirtschaftsraums Bodensee wird nach Einschätzung in der Studie stark bestimmt durch die Bereitschaft, über Grenzen hinweg zu kooperieren. Experten befürchten negative Einflüsse, sollte das Kirchturm-Denken eine Renaissance erleben. Sie sehen in der Industrie die weiterhin treibende Kraft in der Wirtschaftsentwicklung, vor allem durch zahlreiche weltweit agierende Unternehmen, die am Bodensee ihren Sitz haben. Die Chancen stünden gut, dass sie den Übergang zur digitalisierten und internationalisierten Wirtschaft meisterten. Als einen der größten Standortnachteile benennen sie das Image als Region für Tourismus, Landwirtschaft und Naturraum, nicht aber für Hochtechnologie. Dies sei schlecht, wenn es um das Anwerben hoch qualifizierter Fachkräfte gehe. Die Region laufe Gefahr, hinter anderen attraktionen Wirtschaftsräumen und vor allem den Metropolen zurück zu fallen. (rin)
  • Der Arbeitsmarkt
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    Bild: katrin binner
    Zu den Pfunden, mit denen die Arbeitsmärkte wuchern können, gehören laut Studie Traditionen für die solide Aus- und Weiterbildung, die kleinen, aber erfolgreichen Hochschulen und Universitäten sowie das Heile-Welt-Gefühl. Denn dieses begünstige die Innovationskraft. Als positiv streicht die Studie auch die kulturelle Vielfalt am Bodensee heraus, welche Toleranz begünstige, sowie die hohe Anzahl von Technologie- und Dienstleistungsbetrieben. Die wissenschaftliche Untersuchung benennt auch Nachteile für die Arbeitsmärkte am See: "Es gibt weltweit keine weitere Region, in der Waren- und Personenströme so sehr vernetzt, und die staatlichen Zuständigkeiten und Verwaltungsstrukturen gleichzeitig so sehr zersplittert sind. Verschärft wird die Zersplitterung durch eine erstaunlich schlecht ausgebaute und unzureichend aufeinander abgestimmte Infrastruktur, sowohl in Luft, Schiene, Straße und auf dem Wasser." (rin)
  • Die Raumentwicklung
    Verdichtung am Metzgerwaidring: Der kleinstädtische Charakter Radolfzells geht unter dem Druck des Wohnungsbaumarktes zunehmend verloren. Bild:Gerald Jarausch
    Bild: Gerald Jarausch
    Die Studie sieht die Notwendigkeit, Kompetenzen grenzüberschreitend zu bündeln, um die Siedlungsentwicklung zu steuern. Sie empfiehlt, die Internationale Bodenseekonferenz und die Raumordnungskommission Bodensee sollten verbindlicher arbeiten. Zwei Szenarien sind dargestellt: Eine Fortsetzung des Trends zur Entwicklung in Richtung Großstadt Bodensee mit wachsenden Raumansprüchen. So entsteht ein extrem dicht besiedeltes Band am See mit überlasteter Infrastruktur und schwindenden Naturräumen. Diesem steht der ländliche Raum mit schrumpfender Bevölkerung gegenüber. Bei einer gezielten regionalen Steuerung könnte die "Vierländer-Metropole – Produktive Stadt der Gärten und Seen" entstehen. Hier dominieren mittelgroße Städte und kleinere Siedlungen, Naturräume bleiben erhalten. Gemeinsam mache sich die Vier-Länder-Region unabhängig von externen Energieträgern. (rin)
  • Der Tourismus
    Bild: Felix Kästle (dpa)
    Der regionale Tourismus werde von den Babyboomern profitieren, die im Jahr 2030 das Ruhestandsalter erreichen, aber noch relativ fit und wohlhabend sind, heißt es in der Studie. Diese neuen Alten verlangten dann aber nach anderen Urlaubsangeboten als die Vorgängergenerationen. So spielten etwa Aktivangebote und die Nachhaltigkeit des Reisens neue Rollen. Anbieter müssten sich zudem auf veränderte Buchungsabläufe durch die Digitalisierung einstellen, und auf das Bedürfnis nach neuen Mobilitätsformen. Ebenso bestehe die Herausforderung, durch Kooperation im Tourismus internationale Märkte zu erschließen. Dazu müssten auch grenzüberschreitend gemeinsame Angebotspakete geschnürt werden. Die regionalen Entscheidungsträger sehen in der grenzüberschreitenden Kooperation die Basis für einen wirtschaftlich erfolgreichen Tourismus in der Region. Diese müsse sich als einheitlicher Raum präsentieren. (rin)

Der Dialog geht weiter


Die Diskussion über die Zukunft der Bodenseeregion soll eine Fortsetzung finden. Die Vorbereitungen dazu laufen.

Die Zukunftsstudie Bodensee 2030 ist für Projektleiter Roland Scherer, Direktor am Institut für Systemisches Management und Public Governance der Universität St. Gallen, nur der erste Aufschlag für weiterführende Dialoge zur künftigen Entwicklung.

Für die 138 Seiten starke Studie wurden mehr als 1000 Experten und Entscheidungsträger unter anderem gefragt, ob und wie sich überregional abzeichende Trends in der Region niederschlagen werden. Zum Erstaunen Scherers deckten sich die Antworten der Befragten grenzüberschreitend. „Es gab keine großen Unterschiede bei der Bewertung. Ich war überrascht, wie positiv sie die Zukunft sehen.“

In einem Denkraum (Think Tank) von Hochschulen und Forschungseinrichtungen soll der Dialog zu Detailfragen, wie etwa die Wohnungsmärkte oder die Grenzen des Tourismus, ab Januar des Jahres 2018 fortgesetzt werden. Dabei sollten vielfältige Interessengruppen – von den Naturschützern bis zu den Wirtschaftsbossen – eingebunden werden. Die Studie ist abrufbar auf: www.zukunft-bodensee.eu

 

Der Quadrocopter kreist


Die Zukunftsstudie beinhaltet auch eine spekulative Geschichte. Sie soll phantasievoll aufzeigen, was alles passieren könnte.

Die Euromark ersetzt den Franken und über dem Bodensee kreisen Drohnen, die Menschen befördern. Der Zukunftsstudie Bodensee 2030 hängt eine Vorausschau an, die zeigen soll, was alles passieren könnte in den nächsten zehn bis 15 Jahren. Sie will demonstrieren, dass die Region möglicherweise unter einem enormen Druck steht, sich komplett neuen gesellschaftlichen und technischen Entwicklungen anzupassen.

Die fiktive Erzählung führt in eine Welt, in der die holographische Projektion in der Weiterbildung und in Konferenzen eine Rolle spielt, in der Photovoltaik vom Bodensee den Strom für den gesamten süddeutschen Raum produziert, und in der die Großdrohne Quadrocopter Menschen durch die Luft befördert. In der Erzählung gehen die Autoren von einer Weltwirtschaftskrise im Jahr 2018 aus. Zentrum ist der Finanzplatz Schweiz.

Das Ende: Deutschland, Schweiz, Österreich, die Niederlande und Luxemburg führen die Euromark ein. Der Franken hört auf zu existieren. Die Region kommt dank der Entwicklung revolutionärer Techniken wirtschaftlich schnell wieder auf die Füße. Am Ende heißt es: "Eines ist 2032 kaum anders als 2016: Nur wenige außerhalb des Bodenseeraums kennen die schnelle Dynamik dieses hochmodernen Technologiestandorts, der sich mit Segelbooten und Apfelbäumen tarnt."

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