Der erste Tag an der Uni Konstanz. Erstsemesterbegrüßung, danach das erste Gespräch mit den anderen Studierenden. Mittendrin ist Timucin Talay. Er hat sich seine blonden Haare zu einem Zopf gebunden. Auf der Stirn trägt er ein dunkles Haarband mit Muster. Er wirkt nett, lächelt viel, ist neugierig. Es sind die üblichen Gespräche, die an diesen Tagen geführt werden – Name, Alter, Hobbies. Alle wollen sich kennenlernen, neue Freunde finden. "Und wo wohnst du so?", wird Timucin Talay schon bald gefragt. "Ich habe noch nichts" muss er dann antworten.

Einen Rucksack und eine kleine Reisetasche hat der 22-Jährige gepackt. Mehr nicht. Aus Renningen bei Leonberg ging es nach Konstanz – in Richtung neue Stadt, in Richtung Studium, in Richtung Ungewissheit. Timucin Talay ist Erstsemester, er hat am Montag sein Studium der Politikwissenschaften begonnen. Einen festen Wohnsitz hat er noch nicht, er ist vorübergehend bei einem Freund untergekommen.

Timucin Talay (links) und Kai Diedrich kennen sich noch aus ihrer Schulzeit. Jetzt hat Diedrich seinen Freund vorläufig bei sich aufgenommen.
Timucin Talay (links) und Kai Diedrich kennen sich noch aus ihrer Schulzeit. Jetzt hat Diedrich seinen Freund vorläufig bei sich aufgenommen. | Bild: Wetschera, Wiebke

Sein neues Leben hier in Konstanz ist ein Leben aus dem Koffer. So wie Talay geht es vielen Studierenden in Konstanz. Nach Angaben vom Studentenwerk Seezeit haben 477 von ihnen eine Absage für den Wohnheimsplatz erhalten. Genaue Zahlen, wie viele Studenten in der Stadt derzeit ohne Wohnung sind, gibt es aber nicht.

Versorgung mit Wohnheimen über Durchschnitt

Die telefonischen Anfragen ergeben alle das Gleiche: Die Studentenwohnheime sind voll. "Ich habe es noch nie erlebt, dass wir noch freie Zimmer übrig hatten", sagt Corinna Santos vom Albert-Magnus-Haus. Das Wohnheim der katholischen Gesamtkirchengemeinde hat Platz für 348 Studierende. Trotzdem gehen weiter Bewerbungen ein. Im evangelischen Wohnheim kommen Studierende vorbei, die noch ein Zimmer suchen. Sie sind verzweifelt. Immer ist die Antwort die gleiche: Wir sind voll.

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Auch alle 13 Wohnheime des Studierendenwerks Seezeit sind voll ausgelastet. Glück gehabt haben damit die 2355 Studenten, die eins der Zimmer im Studentenwohnheim bewohnen. "Die Nachfrage ist im Vergleich zu den Vorjahren leicht gesunken", sagt Elke Scherer vom Studentenwerk. Trotzdem mussten Absagen verschickt werden. Im Laufe des Oktobers sollen erfahrungsgemäß noch kurzfristig Plätze frei werden. Generell sei die Versorgung in Konstanz gut, so Scherer: "Wir haben bundesweit eine der höchsten Versorgungsquoten an öffentlich geförderten Wohnheimplätzen." Laut der Statistik des Verbands der deutschen Studierendenwerke liegt die Versorgungsquote in Konstanz bei 19,9 Prozent. Der bundesweite Durchschnitt liegt bei nur 9,6 Prozent.

Notunterkünfte sind günstige Alternative

Doch trotzdem reichen die Plätze nicht für alle Studierenden. Einige, die abgelehnt wurden, haben mittlerweile eine Alternative gefunden. Andere stehen noch immer ohne Wohnung da. Sie müssen auf Hostels ausweichen oder vorübergehend bei Freunden übernachten. Einige Erstsemester – insgesamt neun Studierende – sind in einer der zwei Notunterkünfte des Studierendenwerks untergekommen. Eine im Jan-Hus-Haus und die andere im Studentenwohnheim Schürmann-Horster-Weg. Diese werden jedes Jahr eingerichtet – als Hilfe für verzweifelte Studierende. Sie finden dort eine günstige Übernachtungsmöglichkeit, bis sie ein Zimmer gefunden haben.

Zehn Euro kostet die Nacht in der Notunterkunft. Für viele Studenten ist sie der letzte Ausweg. "Sie sind einfach dankbar, dass sie hier unterkommen können", sagt Laura Matthäus vom Mieterservice. Die einen bleiben drei Tage, andere drei Wochen lang. "Je nachdem, wie schnell sie eine Wohnung finden." Kapazität gibt es für rund 20 Studierende, doch die Nachfrage sei meist nicht so groß.

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"Vieles funktioniert darüber, dass man jemanden kennt"

Vor drei Monaten hat Timucin Talay das erste Mal nach Wohnungen und WG-Zimmern gesucht. Zu der Zeit hatte er noch nicht einmal die Zusage an der Universität. "Wenn ich sage, dass ich noch nichts habe", sagt Talay, "denken alle, dass ich zu spät mit der Suche begonnen habe." Unzählige Nachrichten auf verschiedenen Portalen, an zahlreiche WGs hat er schon verschickt. Antworten hat er bis zu seiner Abfahrt nach Konstanz keine erhalten. Sein Budget ist begrenzt, bis 400 Euro kann er maximal ausgeben. "Dadurch muss ich natürlich auch einiges ausschließen."

Sein Freund Kai Diedrich kennt das Problem. Auch für ihn war die Wohnungssuche vor einem Jahr nicht einfach. "Es ist schwer, hier eine Wohnung zu finden", sagt Diedrich. "Vieles funktioniert darüber, dass man jemanden kennt." Er kennt Talay noch aus der Schulzeit und bietet ihm gerne sein Sofa an – bis dieser eine neue Bleibe gefunden hat. Der ist trotz der bisher unerfüllten Suche noch recht entspannt: "Ich habe mich daran gewöhnt, wenig zu brauchen", sagt er und lächelt. Das Leben aus der Tasche ist für ihn kein Problem – trotzdem freue er sich auf ein neues Zuhause.

Nach der langen Warterei kam nun auch die erste Antwort auf eine seiner Anfragen. Vor drei Wochen hat er sie abgeschickt, am Dienstagabend war er nun bei der Besichtigung des WG-Zimmers. Ob die zwei Mitbewohner sich für Talay entscheiden, weiß er zurzeit noch nicht. Bis dahin schläft er weiter auf dem ausklappbaren Sofa – und lebt sein Studentenleben aus der Reisetasche.