Innerhalb einer Generation wird Konstanz um ein Viertel größer. Im übernächsten Jahrzehnt rückt die Großstadt-Grenze von 100 000 Einwohnern in greifbare Nähe. Die Zahl der Hochbetagten über 84 Jahren steigt in weniger als 20 Jahren um fast 40 Prozent.

Bis 2035 braucht Konstanz bis zu 362 zusätzliche Plätze in der Kleinkind-Betreuung, viele weitere Kindergarten-Gruppen, und viele hundert zusätzliche Plätze an Schulen.

Die Aussagen einer neu für die Stadtverwaltung angefertigten Statistik-Auswertung haben erhebliche politische Sprengkraft. Einige Kernaussagen aus dem Gutachten des Statistikers Tilman Häusser:

  1. Konstanz wird auf jeden Fall wachsen – nur das Ausmaß ist offen. Das neue Gutachten zur Bevölkerungsentwicklung fußt im Kern auf Annahmen, wie viele neue Wohnungen gebaut werden. Gelingt es, die von der Verwaltung vorgeschlagenen 7900 neuen Wohneinheiten zwischen 2017 und 2035 komplett zu errichten, hätte Konstanz im Jahr 2035 eine Einwohnerzahl von 98 520. Wird das Ziel nur zu 85 Prozent erreicht und kommt es bei einigen Großprojekten zu Verzögerungen, wären es 93 284. Das wäre gegenüber heute auf jeden Fall ein bedeutsames Wachstum. Ende 2016 hatte Konstanz 85 478 Einwohner.
  2. In den vergangenen Jahren lag das Wachstum über den Erwartungen. Statistiker Tilman Häusser hatte schon 2008 eine Prognose bis 2012 errechnet, deren oberer Wert in der Wirklichkeit sogar um mehr als 1000 Einwohner übertroffen wurde.
    Noch deutlicher ist das Bild für die Prognose 2013, gemessen an den Echt-Zahlen von 2016: Selbst das Maximal-Szenario von damals wurde klar überschritten. Ein wesentlicher Treiber war das starke Wachstum der Hochschulen. Die Zahl der Studenten wuchs zwischen dem Wintersemester 2000/2001 und dem Wintersemester 2012/2013 um 48 Prozent. Auch nach 2012 gab es laut der neuen Auswertung "weiter angestiegene Studentenzahlen". Eine verstärkte Zuwanderung aus dem Ausland, auch von Flüchtlingen, trug ebenfalls zum raschen Bevölkerungswachstum bei.
  3. Von Krippe bis Pflegeheim: Die soziale Infrastruktur ist vom Wandel besonders betroffen. Je nach Bautätigkeit wohnen im Jahr 2035 (so weit blickt die Prognose) die Zahl der unter Dreijährigen um 27 bis 362. Bei den Kindergartenkindern zwischen drei und sechs Jahren rechnet die Analyse mit einem Plus von 212 bis 451. Auch die Zahl der Einwohner im Grundschulalter und zwischen zehn und 18 Jahren wächst demnach um jeweils mehrere hundert. Den größten und vor allem schnellsten Anstieg erwartet die Analyse für die Gruppe der Menschen ab 85 Jahren. Weil in dieser Altersgruppe der Zuzug nur eine geringe Rolle spielt, hängt die Entwicklung kaum von der Neubautätigkeit ab. Die Zahl über 84-Jährigen steigt demnach um rund 38 Prozent oder in absoluten Zahlen um 811 bis 832 Personen.
  4. Im Mittelpunkt aller Szenarien steht die Entwicklung am Hafner. Für fast alle Stadtteile erwartet die neue Analyse ein Wachstum.
    Die größte Veränderung ist demnach zu erwarten für Wollmatingen. Von 6876 Einwohnern wächst der Stadtteil demnach auf 11 025 bis 13 162 Einwohner, was fast eine Verdoppelung wäre. Ein starkes Wachstum wird auch für Petershausen-West, Dettingen und Egg erwartet. Größter Einflussfaktor ist aber die Entwicklung des Gebiets nördlich Hafner. Wenn es bis 2035 abgeschlossen ist, wohnen allein dort mehr Menschen als heute in Dettingen, Litzelstetten oder Allmannsdorf.
  5. Die Entwicklung der Konstanzer Wirtschaft ist kaum vorherzusehen. Wo all die neuen Einwohner ihr Geld verdienen und wie Konstanz die Kosten für öffentliche Aufgaben schultern soll, darüber sagt die Statistik-Studie nicht viel: Prognosen seien durch den Wandel in der Wirtschaft und durch die Abhängigkeit von Konzern-Entscheidungen schwierig. Allerdings spreche für Konstanz die hohe Zahl von Hochschul-Absolventen als Fachkräfte. Und das scheint auch ein Blick zurück zu belegen. So schrumpfte von 1999 bis 2016 das produzierende Gewerbe zwar um 47,2 Prozent (3677 Arbeitsplätze weniger), doch die starken Steigerungen bei Handel, Gastgewerbe und Verkehr (2871 neue Arbeitsplätze, plus 44,8 Prozent) und bei den sonstigen Dienstleistungen (5755 neue Arbeitsplätze, plus 51 Prozent) sorgten dafür, dass die Zahl der sozialversicherungspflichtig Beschäftigten um 18,2 Prozent oder 4702 anwuchs.

Öffentliche Debatte

Am Dienstag, 10. Oktober, diskutiert der Technische und Umweltausschuss das Papier mit dem etwas sperrigen Titel "Kleinräumige Bevölkerungsvorausrechnung der Stadt Konstanz bis zum Jahr 2035" erstmals öffentlich (16 Uhr, Untere Laube 24).