Knappe Flächen und große Wohnungsnot: Eine neue Untersuchung sowie ein Konstanzer Architekt machen einen konkreten Vorschlag, wie eines der größten Probleme in der Stadt gelöst werden könnte. Im Zentrum steht die Idee, bestehende Gebäude wo immer es möglich ist um ein Geschoss aufzustocken. Manfred Derschka benennt wesentliche Vorteile: „Es werden keine zusätzlichen Grundstücke benötigt, und es müssen auch keine neuen Leitungen oder andere Infrastruktur errichtet werden.“ Weitere Punkte sind laut dem Architekten, der über Jahrzehnte als Experte im Gutachterausschuss der Stadt Konstanz wirkte, dass solcher Wohnraum vergleichsweise schnell und preiswert geschaffen werden könne - ohne den langen Vorlauf, den zum Beispiel ein ganz neues Stadtquartier wie etwa am Hafner braucht.

Technisch, sagt Manfred Derschka, sind Aufstockungen ein viel kleineres Problem als viele Laien glauben. Darin wird er durch eine neue Studie Technischen Universität Darmstadt gestützt, die in der Bau- und Stadtentwicklungsbranche für viel Aufsehen gesorgt hat. Demnach sind leichte Konstruktionen in Holzständerbauweise auf vorhandenen Fundamenten und Mauern in aller Regel statisch einfach zu lösen. „Viele Gebäude sind so solide gebaut und großzügig dimensioniert, dass sie ein weiteres Geschoss im Wortsinn leicht tragen können“, sagt Manfred Derschka. Die Darmstädter Forscher kommen in ihrer Studie zu dem Schluss, dass in Deutschland bis zu 1,5 Millionen neue Wohnungen entstehen könnten, ohne dass neue Grundstücke gebraucht werden. Auch Bundesbauministerin Barbara Hendricks hat sich bereits für eine groß angelegte Nachverdichtung nach oben ausgesprochen.

Für den Konstanzer Baubürgermeister Karl Langensteiner-Schönborn sind Aufstockungen in der Stadt ebenfalls „oben auf der Agenda“, wie er am Montag auf SÜDKURIER-Anfrage sagte. In der Tat hat der Technische und Umweltausschuss bereits in der Februar-Sitzung beschlossen, dass es eine „Überprüfung der Dichtewerte der bisher geplanten Wohnflächen“ im Rahmen des Handlungsprogramms geben soll. Im Bestand seien solche Überlegungen ohnehin an der Tagesordnung, so Langensteiner. „An vielen Orten in der Stadt ist bereits durch Aufstockung oder Dachausbau neuer Wohnraum geschaffen worden.“ Deshalb schätzt er das Potenzial auch etwas zurückhaltender ein als Manfred Derschka: „Das ist sicher nicht das allein selig Machende.“

Langensteiner-Schönborn wie Derschka räumen ein, dass das Planungsrecht dem Ausbau oft entgegensteht. Derschka kritisiert, dass es in Konstanz oft Bebauungspläne aus den 1960er-Jahren gebe, als weder die heutige Größe noch das aktuelle Wachstum der Stadt absehbar waren. Gebäudehöhen und Nutzungsdichten zu ändern, kann Jahre dauern. Der Baubürgermeister nennt ein weiteres Problem: Für jede neue Wohnung müssen Auto-Stellplätze nachgewiesen werden. Doch sobald Tiefgaragen errichtet werden müssten, werde aus potenziell preiswertem schnell wieder teurer Wohnraum. Abhilfe könnte hier das Teilen eines Autos bieten, ist Langensteiner überzeugt: „Ein Carsharing-Stellplatz ersetzt zehn normale.“

Mit dem vorhandenen Platz cleverer umzugehen - das ist nochmals aktueller geworden, seit auch zahlreiche Flüchtlinge unterzubringen sind, ist Manfred Derschka überzeugt. Sein Vorstoß für großflächige Aufstockungen sei aus der Beschäftigung mit dem vorerst gestoppten Schwaketenwald-Projekt entstanden, sagt der Architekt. Er lehne den vorerst auf Eis gelegten Plan ab, betont er: Die Anlage eines neuen Stadtviertels auf dem Moränenhügel sei ökologisch unvertretbar und viel zu teuer, so die Überzeugung des Architekten.

Nachverdichtung nach oben statt in die Fläche: Leonhard Schenk, Professor für Städtebau an der HTWG, und Vorstand Ralph Buser vom Spar- und Bauverein haben sich intensiv mit dem Thema befasst.

  • Der Spar- und Bauverein hat zum Beispiel in der Gartenstraße zahlreiche Dächer ausgebaut. Das lohnt sich, sagt Ralph Buser, der Vorstandschef der Genosschenschaft. Während ein Quadatmeter Wohnraum im Neubau inklusive Grundstückskosten in Konstanz derzeit rund 4000 Euro koste, sei ein Dachausbau für 2000 bis 2500 Euro zu machen. Der Spar- und Bauverein prüfe derzeit alle seine 110 Mehrfamilienhäuser auf die Möglichkeit, zusätzlichen Wohnraum unter dem Dach zu schaffen. Die Statik sei meist kein Problem, es gebe aber andere Hürden wie Denkmalschutz, Fluchtwege und Schallschutz. Dennoch rechneten sich auch die im Vergleich zum Dachausbau meist aufwendigeren Aufstockungen, "weil der Grund und Boden so teuer ist in Konstanz." Die Stadtverwaltung sei bei Ausbau-Vorhaben stets aufgeschlossen, so Buser.
  • An der Hochschule für Technik, Wirtschaft und Gestaltung hat Städtebau-Professor Leonhard Schenk zum Thema Aufstocken und Dachausbau geforscht. Auch er sieht großes Potenzial, doch mit der Umsetzung sei es oft nicht so einfach. Auch bei der "extremen Wohnungsnot, die wir in Konstanz haben" müssten das Stadtbild gewahrt, die vohandenen Wohnungen berücksichtigt und Denkmalschutz sichergestellt werden. "Solche Ausbauten können ein wichtiger Baustein sein, aber sie müssen gewissenhaft geprüft werden", mahnt Schenk. Konstanz habe ein "sensationelles Stadtbild", das es zu erhalten gelte: "Auch die Leute, die vor Jahrzehnten Bebauungspläne gemacht haben, haben sich dabei etwas gedacht."