Daniela Sum-Blaser und ihre sieben Kolleginnen sind erfinderisch geworden. Seit vielen Jahren betreuen die Damen der Kernzeit an der Grundschule Allmannsdorf rund 140 Grundschüler vor und nach dem Unterricht sowie beim Mittagessen, und zwar auf engstem Raum.

„Wir nutzen die Schulflure und die Sporthalle, wenn der Turnverein sie nicht braucht. Immer, wenn das Wetter nicht ganz schlimm ist, gehen wir nach draußen“, sagt Sum-Blaser.

Daniela Sum-Blaser, Christa Frick und Silvia Moser (hinten, von links) gehören zum Vorstand der Kernzeitbetreuung in Allmannsdorf. Sie kümmern sich unter anderem um (von links) Davide, Eric, Gleb, Ella, Aadhya und Lena.
Daniela Sum-Blaser, Christa Frick und Silvia Moser (hinten, von links) gehören zum Vorstand der Kernzeitbetreuung in Allmannsdorf. Sie kümmern sich unter anderem um (von links) Davide, Eric, Gleb, Ella, Aadhya und Lena. | Bild: Kirsten Schlüter

Die Kernzeit in Allmannsdorf hat nur einen eigenen Raum. „Jedes Huhn hat mehr Platz“, klagte die Vereinsvorsitzende bei einem Bürgergespräch mit Oberbürgermeister Uli Burchardt bereits im Mai 2017.

Damals wurde ihr mitgeteilt, für 2019 sei der Bau weiterer Räume geplant. Doch getan hat sich kaum etwas.

„Wir haben nur wenige zusätzliche Quadratmeter im Medienraum bekommen und dort einen Bautisch hingestellt“, berichtet die Vorsitzende. „2013 haben wir erste Pläne für den Bau neuer Räume gesehen. Seitdem hören wir alle zwei Jahre, dass die Stadt dafür kein Geld hat“, sagt Sum-Blaser.

Im Medienraum der Grundschule Allmannsdorf bekam die Kernzeit einen Drittel des Raumes. Hier können Gleb, Eric, Aadhya, Davide, Lena und Ella (von links) bauen. Um die Kernzeitkinder kümmern sich unter anderem Silvia Moser, Christa Frick und Daniela Sum-Blaser (von links).
Im Medienraum der Grundschule Allmannsdorf bekam die Kernzeit einen Drittel des Raumes. Hier können Gleb, Eric, Aadhya, Davide, Lena und Ella (von links) bauen. Um die Kernzeitkinder kümmern sich unter anderem Silvia Moser, Christa Frick und Daniela Sum-Blaser (von links). | Bild: Kirsten Schlüter

Die Stadt will die Grundschulen ausbauen. Aber wird das auch der Kernzeitbetreuung helfen?

Die Stadtverwaltung hat ein Erweiterungspaket für die Konstanzer Grundschulen geschnürt. Davon soll auch die Schule in Allmannsdorf profitieren.

Da die meisten Konstanzer Grundschulen aber keine Ganztagseinrichtungen nach Definition des Landes sind, erhält die Stadt keine Fördermittel für den Bau von Betreuungsräumen. „Gebaut werden also Klassenzimmer“, erläutert Frank Schädler, Leiter des Konstanzer Amtes für Bildung und Sport. Dadurch erwartet er allerdings auch eine Entspannung bei der Raumnot der Kernzeitbetreuungen.

Frank Schädler, Leiter des Amtes für Bildung und Sport.
Frank Schädler, Leiter des Amtes für Bildung und Sport. | Bild: Kirsten Schlüter

Das glaubt Daniela Sum-Blaser nicht. „Die Lehrer geben ihre Klassenzimmer nachmittags ungern her“, sagt sie. „Für uns bleibt dann höchstens zusätzlicher Platz im Foyer oder im Treppenhaus.“

Vor der ersten Stunde betreuen die Kernzeit-Damen rund 40 Kinder, nachmittags sind es bis zu 80 gleichzeitig

„Die verteilen wir mit ganz viel Ideenreichtum im Haus“, sagt die stellvertretende Vereinsvorsitzende Silvia Moser. Den Frauen geht die Geduld aus:

„Unsere Kinder sind groß, jetzt kämpfen wir schon für unsere Enkel und wollen endlich Taten sehen.“
Silvia Moser

Frank Schädler hat ein offenes Ohr für die Bedürfnisse der Kernzeitbetreuer. Aber er gibt zu bedenken:

„Wir können keine Extra-Gebäude zur Betreuung derselben Kinder bauen, die vormittags im Unterricht sind. Also müssen wir Räume so gestalten, dass dort vormittags moderner Unterricht stattfinden kann und nachmittags gebastelt wird. Da sind wir dran.“
Frank Schädler

Wie soll die Betreuung der Grundschüler künftig überhaupt aussehen? Denn: Die Eltern sind Ganztagesbetreuung aus dem Kindergarten gewohnt

„Wir erwarten, dass die Ansprüche an die Zeiten weiter steigen werden und es auch Angebote nach 16 Uhr geben muss“, so Frank Schädler. Dem Amtsleiter ist klar, dass viele Familien Sorge vor dem Übergang vom Kindergarten in die Grundschule haben. Aus den Kitas sind sie Ganztagsbetreuung gewohnt.

Die Unterschiede der Betreuungsformen

Auch die vielen Ferientage machen Eltern zu schaffen. Beides bestätigt Johanna Vogt, Vorsitzende des Konstanzer Gesamtelternbeirats (GEB).

Der Ausbau der Ganztagsbetreuung an Grundschulen ist also gemeinsames Ziel von Eltern und Stadtverwaltung. Doch beim Wie gibt es noch viele Fragezeichen

Denkbar sind zwei unterschiedliche Wege:

  1. Es könnten sich weitere Schulen auf den Weg machen und zur teilgebundenen Ganztagsschule werden. Dies sind in Konstanz bislang nur die Berchenschule und die Gebhardgrundschule (künftig Grundschule Petershausen). Bei diesem Modell sind die für den Ganztag angemeldeten Kinder verpflichtet, viermal die Woche bis 16 Uhr anwesend zu sein. Der Unterricht wird entzerrt und findet auch nachmittags statt, sodass sich den Tag über Lern- und Entspannungsphasen abwechseln.
  2. Die vorhandenen Kernzeitbetreuungen an den Grundschulen, von Vereinen getragen, würden ausgebaut. Die Eltern können hier für jeden Wochentag entscheiden, wie lang das Kind betreut wird.

Welchen Weg Konstanz verfolgt, ist noch offen. „Es wird eine Erhebung über die Wünsche der Eltern geben müssen“, sagt Frank Schädler. Denn belastbare Zahlen liegen bislang nicht vor. „Viele Eltern sprechen sich ziemlich deutlich für die flexible Variante der Kernzeit aus“, ist sein Eindruck.

Auch Elternvertreterin Johanna Vogt meint: „Was man so hört, sind viele Eltern mit dem Betreuungsangebot an den Grundschulen zufrieden. Inwiefern die Eltern die Flexibilität tatsächlich nutzen, ist uns aber nicht bekannt.“

Schwachpunkte der Kernzeitbetreuung: große Unterschiede, rechtliche Unsicherheit, fehlende Pädagogen

„Die Kernzeit- und Fördervereine sind bei Betreuungszeiten, Personal- und Raumausstattung sehr unterschiedlich aufgestellt“, sagt Johanna Vogt.

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Frank Schädler sieht eine weitere Schwierigkeit: „Die rechtlichen Bedingungen werden für Vereine zunehmend schwer, man denke nur an die Themen Datenschutz oder Kindeswohlgefährdung. Es wäre denkbar, dass wir als Schulträger eine Anlaufstelle aufbauen und den Vereinen bei Bedarf beratend zur Seite stehen.“

Manche Eltern bemängeln außerdem, dass in den Kernzeitbetreuungen überwiegend keine Pädagogen tätig sind.

„Kooperationen mit Vereinen, Studenten oder Müttern sind gut, können aber nur als Ergänzung dienen. Die tragende Rolle im Ganztagsbetrieb müssen die Pädagogen übernehmen.“
Elmar Mosbrugger, Leiter der Berchenschule

In seinem Kollegium ist jeder Lehrer an einem oder zwei Nachmittagen in den Ganztag eingebunden. „Dadurch haben sie am Vormittag etwas mehr Luft und sind auch am Nachmittag nochmals mit ihren Klassen zusammen“, so Moosbrugger.

Das Land will das Netz der Ganztagsgrundschulen weiter ausbauen, doch nur wenige Schulen stellen Anträge.

„So lange wir vom Land keine klaren Vorgaben erhalten, fahren wir mit unserem Modell sehr gut“, sagt Frank Schädler. In Baden-Württemberg setzen nur Konstanz und Reutlingen fast ausschließlich auf Kernzeitvereine.

Das Land überlegt nun, die zuletzt ausgesetzte Förderung von Kernzeitgruppen wieder aufzunehmen. „Wir sondieren in alle Richtungen und gehen auch mit den Schulleitungen ins Gespräch“, so Schädler. Momentan stehen zwar weniger als zehn Kinder auf einer Warteliste für ein Ganztagsangebot an Grundschulen. Aber niemand weiß, wie viele es wären, wenn die Eltern nicht private Lösungen gefunden hätten.

So sagt Johanna Vogt: „Die meisten Eltern stellen sich auf das teils begrenzte Angebot ein.“ Wohl wissend, dass auch die Hortplätze für Grundschüler an Kitas überlaufen sind.

Frank Schädler trifft den Nagel auf den Kopf: „Konstanzer Eltern schaffen es auch so irgendwie, ihre Kinder zu betreuen. Aber wenn man sie nach ihren Wünschen fragte, wären sicher viele dankbar für mehr Unterstützung.“