Haben Sie in der Gemeinderatssitzung vom Donnerstag für den Kompromiss in Sachen Theatertage und Intendanz geworben, den Sie selbst am 7. Februar öffentlich ins Gespräch gebracht hatten?

Ich habe den Kompromiss am Anfang befürwortet, weil ich ihn für einen guten Weg hielt, die Baden-Württembergischen Theatertage 2019 doch noch zu retten. Unsere Zusage war ja, den angedeuteten Weg zu prüfen und genauer auszuloten. Seither gab es viele Gespräche mit internen und externen Experten. Sie haben mir gezeigt, dass eine sechsmonatige Verlängerung der Einrichtung Stadttheater mehr schaden als nutzen würde. Diese Erkenntnisse hatte ich zunächst nicht, es war ja ein wahnsinniger Zeitdruck, zwischen dem Aussprache-Termin am 7. Februar 2018, dem Versand unserer Sitzungsvorlage und der Gemeinderatssitzung. Das ist in der Tat völlig ungewöhnlich, denn Sitzungsvorlagen von größerer Bedeutung haben normalerweise einen Vorlauf von mehreren Wochen. Ich fühlte mich in der Sitzung dann aber dem Gemeinderat gegenüber verpflichtet, den innerhalb von vier Tagen entwickelten Sachstand weiterzugeben. Deshalb habe ich nicht für den Kompromiss geworben.

Welche Erkenntnisse waren das genau? Mit welchen Personen haben Sie gesprochen? Und mit welchen Argumenten haben Sie gegen die Vertragsverlängerung geworben?

Ich habe mit ausgewiesenen externen Theaterfachleuten und Mitgliedern meines Arbeitskreises Kultur gesprochen, in dem meine Amts- und Betriebsleiter vertreten sind. Auch die hatten sich zu dem Zeitpunkt ja schon eine Meinung gebildet. Ich hatte Gesprächsbedarf, und die hatten Gesprächsbedarf. Wir haben sehr gewissenhaft abgewogen, was spricht im Interesse der Kultur und dem Theater dafür, und was spricht dagegen? Da stand am Ende dann die ganz klare Auffassung, dass eine halbe Spielzeit vor einem Intendantenwechsel nicht funktionieren kann und die Funktionsfähigkeit des Hauses im laufenden Betrieb praktisch lähmt. Ich habe mit sehr vielen und ganz verschiedenen Personen gesprochen, zum Beispiel war ich auch im Austausch mit den Vertretern des Bühnenvereins Baden-Württemberg.

Haben Sie auch die Stadträte eingebunden und sie über Ihren Sinneswandel informiert?

Glauben Sie mir, ich befand mich in einem wirklich heftigen Zielkonflikt. Auch mit einigen Gemeinderäten habe ich Gespräche geführt. Am Ende war klar: Hier ging es um Verantwortung für einen der wichtigsten Kulturbetriebe der Stadt. Ich hatte eine Entscheidung zu treffen, von der ich sicher sein kann, dass sie gut für das Theater ist.

Im Januar hatten noch 13 Stadträte für die Vertragsverlängerung gestimmt, nun waren es 17. Haben Sie Ihre Argumente nicht in die Politik tragen können?

Ich habe eine Pflicht als Bürgermeister, Informationen, die bis zur Entscheidung vorliegen und die die Stadträte noch nicht haben, für deren Entscheidung aber wichtig sind, mitzuteilen, sei es auch noch so kurzfristig. Die Zeit war wahnsinnig kurz, an so einem wichtigen Thema arbeitet man sonst mehrere Wochen.

Wusste Herr Nix vor der Sitzung am Donnerstagabend, dass Sie nicht mehr für die Verlängerung sein würden?

Nein, das habe ich nicht mit ihm abgestimmt. Es ging hier einfach um zwei völlig konträre Positionen.

Wir können uns immer noch nicht vorstellen, dass das Argument einer halben Spielzeit allein Ihre Neubewertung ausgelöst haben soll. Gab es auch andere Gründe, die zum Beispiel in der Person des Intendanten liegen oder im Theater und seinem Umfeld?

Ich habe mich natürlich auch mit dem Bühnenverein, der die Theatertage vergibt, eng abgestimmt. Das Vertrauen des Bühnenvereins in die Stadt war angekratzt. Ich muss für die Glaubwürdigkeit der Stadt geradestehen. Und ich hatte guten Grund zu zweifeln, ob eine halbjährige Verlängerung für Herrn Nix die Theatertage für Konstanz wirklich gerettet hätte. Es gab schließlich keine Garantie, dass der Bühnenverein seine Zusage aufrechterhält. Damit war ein wesentlicher Punkt für den zunächst angedachten Kompromiss entfallen.

Als der Gemeinderat über die Baden-Württembergischen Theatertage entschied, war nie die Rede davon, dass diese von einer Vertragsverlängerung von Herrn Nix abhängen. Müssen Sie es sich zurechnen lassen, die Stadträte nicht vollständig informiert zu haben?

Genau umgekehrt. Ich war ja selbst überrascht von dieser Absage des Theaters. Und ich habe es schriftlich vom Bühnenverein: Die waren genauso überrascht. An diesem 19. Dezember hätte der Intendant natürlich sagen können: Stopp, ich sehe Probleme, ich ziehe das zurück. Und es steht ja im Raum, dass er und ich persönlich darüber gesprochen hätten. Damals sagte Herr Nix zu mir, dass er Bauchschmerzen mit den Theatertagen habe und mit dem Bühnenverein nochmals sprechen wolle. Das ist dann am 8. Dezember 2017 erfolgt. Ich habe schriftlich ein Protokoll von dem Treffen: "Das Ergebnis war, dass bei allen Beteiligten eine hohe Motivation für die Durchführung der Theatertage festgestellt wurde." Vorbedingungen wurden demnach "in der Besprechung nicht kommuniziert". Ich hatte also keinen Grund, von einer Gefährdung der Theatertage auszugehen.

Herr Nix hat Sie und den gesamten Gemeinderat also ins Messer laufen lassen?

Ich will keine Vorwürfe erheben. Ich glaube einfach, dass er es sich sehr, sehr gewünscht hat, hier noch etwas länger zu machen. Man merkt doch, dass das für ihn eine sehr emotionale Situation war.

Sie haben jüngst erklärt, das Theater sei ein städtisches Amt und dessen Chef sei anderen Amtsleitern gleichgesetzt. Wir weil geht Ihr Weisungsrecht?

Formal ist der Intendant der Leiter eines Amts. Aber Intendanten haben besondere Verträge, die ihnen die völlige künstlerische Freiheit gewähren. Ich glaube, wir brauchen gar nicht über Weisungsrechte reden. Es geht doch darum, inwiefern sich ein Theater als Teil der städtischen Kultur verstehen und inwiefern ein Intendant ein Teil des Teams sein will. Wenn ich nur noch mit Weisungen arbeiten könnte, wären wir hier alle verloren.

Es gibt Situationen, in denen eine gute Führungskraft von ihrem Weisungsrecht selbstverständlich Gebrauch macht. Wollen oder werden Sie anordnen, dass das Theater die Theatertage ausrichtet?

Nein, das ist völlig undenkbar. Das ist auch die Einschätzung des Bühnenvereins. Der hat mir geschrieben: "Dass die Theatertage an ein Theater vergeben werden, dessen Leitung dazu gezwungen werden muss, ist meines Erachtens nicht denkbar." Ja, ich wollte prüfen lassen, ob das Theater eine solche Absage vornehmen darf. Aber es macht keinen Sinn.

Sie wollen auf Weisungen verzichten. Wie stellen Sie sicher, dass Herr Professor Nix seine arbeitsvertraglichen Pflichten erfüllt?

Das ist eine gute Frage, ich kann sie Ihnen im Moment nicht beantworten. Ich hoffe, dass wir zu einer guten Zusammenarbeit zurückfinden. Ich glaube, dem Theater täte es gut, wenn es zu Ruhe käme. Aber dazu gehören immer auch zwei.

Wie soll es weitergehen, nachdem so viel Porzellan zerschlagen wurde?

Ich arbeite gerne mit jedem zusammen, der sich engagiert und bin immer bereit zu einem Neustart. Ich gehe davon aus, dass von dieser Haltung auch die weitere Zusammenarbeit mit Herrn Nix geprägt sein wird.

Wenn es um die Stimmung in Teilen der Bevölkerung geht, sitzt Herr Nix am längeren Hebel...

Vollkommen richtig. Ich glaube, dass ein Intendant bessere Möglichkeiten hat, für seine Positionen einzutreten. Auch was Kampagnen betrifft.

Wenn Herr Nix sagt, dass Sie gegen die Kultur arbeiten und erklärt, dass der Volksfeind im Rathaus sitze, gibt es da wirklich gegenseitiges Vertrauen?

Natürlich hat das Verhältnis einen Knacks erlitten. Ich trete für die Kultur ein, für die gesamte Kultur der Stadt. Das Theater ist ein Teil davon. Dafür trage ich Verantwortung. Das Theater ist 400 Jahre alt und hat eine Zukunft, die weit über meine Amtszeit und die des Intendanten hinausreichen wird. Für diese Zukunft zu arbeiten, ist hier meine Aufgabe. Wenn ein Intendant aus seinem Interesse heraus so agiert, wie es geschehen ist, muss man sich entscheiden.

Machen es die jüngsten Vorgänge schwerer, für die Zeit ab 2020 eine gute neue Intendantin oder einen guten neuen Intendanten für das Theater Konstanz zu finden?

Ich hoffe nicht. Ich glaube, wir haben jetzt Klarheit.

Fragen: Andreas Schuler und Jörg-Peter Rau

Andreas Osner

Zur Person: Seit 1. Juli 2013 ist Andreas Osner Dezernent für Soziales, Bildung, Jugend, Kultur und Sport der Stadt Konstanz. Zugleich ist er als Erster Bürgermeister Stellvertreter von OB Uli Burchardt. In sein Fachressort fällt unter anderem das Stadttheater. Bei der Wahl im Gemeinderat setzte er sich unter anderem gegen die heutige Singener Sozialbürgermeisterin Ute Seifried durch. Der 49-Jährige studierte Volkswirschaftslehre in Dortmund, Dublin und Würzburg. Zuvor arbeitete er bei der Stadt Detmold sowie bei der Bertelsmann-Stiftung. Osner ist Mitglied der SPD.

Zum Interview: Am Donnerstagabend entschied sich der Gemeinrat in nicht-öffentlicher Sitzung gegen eine Vertragsverlängerung des Theaterintendanten Christoph Nix. Damit hat die Absage der Baden-Württembergischen Theatertage durch das Stadttheater Bestand. Das weit über Konstanz hinaus beachtete Votum war mit 17 zu 17 Stimmen denkbar knapp. Überraschend setzte sich auch Osner gegen die Verlängerung ein, obwohl er am 7. Februar auf einer Pressekonferenz noch dafür plädierte. (aks)