Georg Maret hat sich entschlossen, reinen Tisch zu machen. Seit mehr als einer Woche steht der rennommierte Physiker der Universität Konstanz im Fokus der Kritik von Schweizer Tierschützern. Sie werfen ihm "Tierquälerei" und "fahrlässiges Handeln" vor, weil sie eine von Marets Versuchstauben vermeintlich erschöpft und gezeichnet vom Tierversuch aufgefunden haben wollen. Der Fall sorgte vor allem in der Schweiz für große Schlagzeilen. Am Montag hat sich nun auch noch der Verein Ärzte gegen Tierversuche gemeldet. "Quälerisch" und eine immense Steuerverschwendung seien die Tauben-Experimente. Maret sieht seinen guten Ruf als Wissenschaftler auf dem Spiel. Auch deshalb nun der reine Tisch. Georg Maret lädt zum Besuch des unieigenen Taubenschlages auf dem Dach der Tierforschungsanlage.

Hinter Metallgittern gurren die Tauben, sie sehen aus wie Tauben eben aussehen. Tierpfleger und Tierärzte kümmern sich regelmäßig um die Brieftauben, erklärt Georg Maret. Im Hintergrund dudelt ein Radio. Irgendein SWR-Sender. "Damit sich die Tiere an die menschliche Stimme gewöhnen", erläutert der Physik-Professor. Die Vorwürfe aus der Schweiz haben ihn getroffen. Wohl auch deshalb nimmt er sich jede Zeit, um jedes Detail zu erklären. Zum Beispiel zu den Kontrollen: "Es gibt regelmäßig auch unangekündigte Kontrollen durch die Aufsichtsbehörden. Die Mitarbeiter lassen sich dann stichprobenartig zeigen, was in dem Projekt gelaufen ist. Eine solche eingehende Prüfung hat erst am Freitag bestätigt, dass es nichts zu beanstanden gibt", sagt Maret.

Die Tierforschungsanlage der Universität: Hinter diesen Mauern wird an rund 20 verschiedenen Labortierarten geforscht. Wie viele Versuche im Jahr stattfinden, ist laut Hochschule nur schwer zu beziffern. <em>Bild: Universität</em>
Die Tierforschungsanlage der Universität: Hinter diesen Mauern wird an rund 20 verschiedenen Labortierarten geforscht. Wie viele Versuche im Jahr stattfinden, ist laut Hochschule nur schwer zu beziffern. Bild: Universität

Eigentlich könnte jetzt alles gut sein. Und trotzdem hat der Fall Fragen aufgeworfen. Fragen danach, in welcher Form und an welchen Arten an der Konstanzer Hochschule Tierversuche durchgeführt werden. Neu sind die Tierexperimente für die Wissenschaft hier nicht. Seit der Gründung der Biologie Ende der 1960er Jahre wird auch am Bodensee an Tieren geforscht. Seit Juli 1985 gibt es dafür ein eigenes Gebäude – die Tierforschungsanlage mitten auf dem verschlungenen Campus der Universität. "Die Tiere werden nach europaweit anerkannten Haltungs- und Hygieneempfehlungen gehalten beziehungsweise gezüchtet", erklärt Julia Wandt, Sprecherin der Universität. Geforscht wird hier an Mäusen, Ratten, Tauben, Raben, Krallenfröschen, verschiedenen Fischarten, Fruchtfliegen, Bienen, Heuschrecken und Kakerlaken, insgesamt werden 20 verschiedene Labortierarten gehalten. Zwei Tierärzte sowie 15 Pflegerinnen und Pfleger kümmern sich um die Tiere. Und es gibt sehr klare Regeln: "Die Tierschutzbeauftragten überwachen sämtliche Versuchsvorhaben der Universität Konstanz nach den Vorgaben des deutschen Tierschutzgesetzes und der artgerechten Haltung", bestätigt Julia Wandt.

Das Spektrum der in Konstanz durchgeführten Versuche ist breit. Neben Verhaltensexperimenten oder Beiträgen zur Evolutionsforschung geht es auch um die Erforschung von Krankheiten. Prominentes Beispiel sind hier die Arbeiten des vielfach ausgezeichneten Immunologen Marcus Groettrup. An Mäusen untersucht er beispielsweise Krankheiten wie Diabetes, rheumatoide Arthritis oder Multiple Sklerose. Oder auch die Versuche des Neurobiologen Giovanni Galizia. Im Januar 2014 konnte er erstmals nachweisen, dass Fruchtfliegen Krebszellen und gesunde Zellen über ihren Geruchssinn unterscheiden können.

Der Anti-Forscher: Marcel Leist forscht an der Universität Konstanz, um Tierversuche möglichst zu vermeiden. Er sucht nach Ersatzmethoden, auch um präzisere Ergebnisse zu erhalten. <em>Bild: Universität Konstanz</em>
Der Anti-Forscher: Marcel Leist forscht an der Universität Konstanz, um Tierversuche möglichst zu vermeiden. Er sucht nach Ersatzmethoden, auch um präzisere Ergebnisse zu erhalten. Bild: Universität Konstanz

In eine andere Richtung gehen die Arbeiten von Jasminca Behrmann-Godel. Die Wissenschaftlerin forscht am Limnologischen Institut der Universität. Es liegt direkt am Ufer des Bodensees. Von hier aus betrachtet Behrmann-Godel das Ökosystem See und schaut, was es mit Fischen oder Krebsen macht. "Wir untersuchen, wie Fische miteinander und mit ihrer Umwelt zurechtkommen und nach welchen Kritierien sie Schwärme bilden. Verwandtschaftsgrade zwischen manchen Arten wie den Kretzern oder Egli (Flussbarschen) im Bodensee können zum Beispiel die Wahrscheinlichkeit erhöhen, dass die Tiere einen gemeinsamen Schwarm bilden. Neueste Untersuchungen haben gezeigt, dass heranwachsende Fische ihr äußeres Erscheinungsbild ändern können, um sich ihren Schwarmpartnern anzpassen. Das schützt den Schwarm vor Räubern, da sich diese schlechter auf einzelne Beutetiere fokusieren können wenn alle gleich aussehen", erläutert die Privatdozentin.

Auch sie hat immer wieder mit Behörden zu tun, wenn es um Genehmigungen für Tierversuche geht. "Selbst die einfachsten Versuche, wenn es beispielsweise darum geht das Wachstum zu kontrollieren, sind genehmigungspflichtig. Denn: Will ich den Fisch wiegen und vermessen, muss ich ihn vorher betäuben, und dafür brauche ich eine entsprechende Genehmigung. Im Vorfeld muss man alles minutiös auflisten, der bürokratische Aufwand ist immens“, erklärt Behrmann-Godel. Aktuell forscht sie zudem an einer australischen Krebsart. Ziel ist es, diese neue Art für die Zucht in Aquakultur in Deutschland attraktiv zu machen und Grundlagenforschung zu betreiben.

Klar ist für Behrmann-Godel wie auch Georg Maret – die Versuche bedeuten Stress für die Tiere. Man bemühe sich aber darum, ihn möglichst geringzuhalten – schon aus Eigeninteresse. Denn, dass sei es ja, was man letztlich wolle – das Tier in seiner natürlichen Umgebung zu beobachten. Die Alternative, auf Tierversuche komplett zu verzichten, ist für beide kein gangbarer Weg. "Würde man von heute auf morgen Tierversuche verbieten, wäre das eine ziemliche Katastrophe für die menschliche Gesundheit", ist Georg Maret überzeugt.

Die andere Seite der Forschung: Wie die Uni versucht, Tierexperimente zu vermeiden

Der Toxikologe Marcel Leist steht für die andere Seite der Forschung an der Universität. Sein Forschungsansatz lautet, nach Alternativen für Tierversuche zu suchen. Dafür wurde der Wissenschaftler bereits mehrfach ausgezeichnet.

  • Die Ausgangslage: Kein Wissenschaftler benutzt Tiere als Forschungsobjekte aus reiner Freude daran. In vielen Fällen gibt es bislang allerdings kaum Alternativen. Marcel Leist forscht, damit der Tierversuch zur Ausnahme wird. Im September 2016 hat er vom Land erneut eine Förderung von 400.000 Euro für seine Forschung erhalten.
  • Die Forschung: Marcel Leist arbeitet an der Frage, inwiefern Chemikalien Schädigungen über eine Generation hinaus verursachen. Ein Beispiel dafür – das inzwischen verbotene Arzneimittel Contergan. Marcel Leist entwickelt tierversuchsfreie Testverfahren, um Chemikalien auf ihre Schädlichkeit am Nervensystem zu untersuchen. Sein Ziel ist, über kombinierte Testsysteme ganze tierfreie „Testbatterien“ für chemische Substanzen aufzubauen, die über Einzeltests hinaus eine umfassendere Charakterisierung von Chemikalien erlauben, und diese tierfreien Methoden in der Wissenschaft und Anwendung durchzusetzen. „Rund 80 Prozent der heute relevanten Chemikalien sind nicht ausreichend klassifiziert. Um eine einzige Substanz zu untersuchen, braucht man über 1.000 Tiere“, kritisiert Leist. In einem anderen Fall hat er ein Modell beschrieben, das es ermöglicht ohne Tierversuche Interaktionen im Gehirn zu untersuchen.
  • Präziser als Tierversuche: Noch einen Schritt weiter geht Marcel Leist mit seinen Zellkultur-Chips auf denen Organsysteme heran gezüchtet werden. Dieser Chip – zwischen drei und 15 Zentimeter lang sowie zwei Zentimeter breit – wird geschaffen, um an ihm die Auswirkung von Chemikalien und Medikamenten auf echte menschliche Organe zu testen. "Chips haben ein hohes Potenzial, Tierversuche zu einem sehr großen Teil zu ersetzen", ist Leist überzeugt. Schließlich erlaubten die Chips eine artspezifische, sogar eine personenspezifische Chemikalientestung – echte Zellen eines Menschen bilden schließlich die Basis.
  • Der Mensch: Marcel Leist ist Inhaber der Doerenkamp-Zbinden-Stiftungsprofessur für In-Vitro-Toxikologie und Biomedizin an der Universität Konstanz. Gemeinsam mit Thomas Hartung (Johns Hopkins Bloomberg School of Public Health, USA) gründete er das Zentrum für Alternativen zum Tierversuch (CAAT).