Ein abgedecktes Hallendach, hunderte zerrissene Zelte, wie Legosteine umgefallene Toilettenhäuschen und Matsch überall – es waren dramatische Bilder, die man in den vergangenen Tagen vom Gelände des Southside-Festivals in Neuhausen ob Eck sehen konnte. Sturm, Regen und Gewitter hatten die Hochebene in ein Schlachtfeld verwandelt. Diese Bilder haben sich auch Dieter Bös ins Gedächtnis gegraben. Rund zehn Freiluft-Veranstaltungen betreibt er mit seiner Agentur Koko & DTK Entertainment im Jahr und nicht erst seit dem Wochenende fragt er sich, wie man künftig noch große Festivals unter freiem Himmel veranstalten kann, wenn die Wetterkapriolen immer mehr zunehmen.

"Als Veranstalter wird man vor immer größere Herausforderungen gestellt. Einerseits wollen wir natürlich die Festivals ordentlich durchführen, andererseits hat die Sicherung von Menschenleben immer Vorrang", sagt Bös, der in Konstanz unter anderem Rock am See im Bodenseestadion organisiert. In diesem Jahr findet das Festival zum 30. Mal statt. Der Anspruch an das Thema Sicherheit sei seither in jedem Jahr gewachsen. Spätestens seit der Katastrophe von Duisburg, als bei der Loveparade auch wegen gravierender Sicherheitsmängel 21 Menschen ums Leben kamen, seien die Anforderungen für Veranstalter in diesem Bereich deutlich erhöht worden. 

Rock am See ist in diesem Jahr auf den 20. August terminiert, die Besprechungen zum Thema Sicherheit mit Behörden, Polizei, Feuerwehr und Rettungsdiensten dazu laufen seit Wochen. Es gibt ein umfangreiches Sicherheitskonzept, das sehr genau beschreibt, was auch im Notfall zu tun ist. Der Sicherheitsexperte Daniel Schlatter hat es erstellt. Seine Analyse zum Bodenseestadion: "Grundsätzlich ist die Lage in der Senke und in einem Gebäude etwas geschützter als auf einer freien Fläche wie beim Southside. Aber auch hier kann es natürlich komplexe Wetterlagen wie Hagel oder starke Windböen geben, die das Stadion bedrohen."

Bei Großveranstaltungen wie Rock am See lässt Schlatter einen Mitarbeiter rund um die Uhr das Wetter am Bildschirm beobachten. Zudem ist er im Kontakt mit Meteorologen, die ihn schnell über mögliche Unwetter informieren können. Drei Dinge sind für den Sicherheitsexperten wichtig für den ordentlichen Ablauf einer Großveranstaltung: "Man muss solide bauen, einen guten Reaktionsplan für alle denkbaren Szenarien haben und man braucht zuverlässige Prognosen zur Wetterlage", erklärt Schlatter.

Schub für Regen-Versicherungen

Künftige Profiteure der unsicheren Wetterlagen könnten Versicherungen sein. Es gibt immer mehr Spezial-Anbieter, die Veranstaltern so genannte Regen-Versicherungen anbieten. "Das sind maßgeschneiderte Produkte, die sehr unterschiedliche Schäden abdecken können", sagt Kathrin Jarosch, Pressesprecherin vom Gesamtverband der Deutschen Versicherungswirtschaft. Von einem boomenden Markt will sie noch nicht sprechen, aber die wetterbedingte Absage gleich dreier Großfestivals (Rock am Ring, Southside, Hurricane) in diesem Jahr könnte der Branche einen Schub verleihen.

Auch Dieter Bös kennt solche Versicherungen, er nennt sie allerdings eher Wetten. "Die funktionieren oft nach dem Prinzip: Wenn zwischen 18 und 22 Uhr mehr als drei Liter Niederschlag pro Quadratmeter fallen, bekomme ich so und so viel Geld dafür als Veranstalter", erklärt Bös. Solche Deals habe er noch nie abgeschlossen. So genannte Ausfall-Versicherungen gibt es aber auch bei Rock am See. Wieviel Geld er hier investiert, wollte Bös nicht sagen.

Regenversicherungen sind übrigens kein ganz neues Phänomen: Zu Beginn des 20. Jahrhunderts wurden sie in England eingeführt. Sie waren besonders bei den Krönungsfeierlichkeiten 1902 und 1911 erfolgreich, als sich die Inhaber teurer Tribünenplätze gegen schlechtes Wetter versicherten.

So bereiten sich andere Veranstalter auf schwierige Wetterlagen vor

Das Festival "Rock am See" ist längst nicht das einzige Großereignis in Konstanz. Auch für die Veranstalter von Seenachtfest, Weinfest und Konzilfestspielen wird das Wetter ein immer schwerer zu berechnender Faktor.

 

  • Seenachtfest: Mit bis zu 50.000 Besuchern ist das Seenachtfest immer noch die größte Veranstaltung in Konstanz. Seit 2005 wird das Fest von dem privaten Veranstalter Event- und Festivalmanagement GmbH aus Stuttgart organisiert. Chris Wünsche begleitet die Veranstaltung schon seit Jahren, 2013 hat er ein umfangreiches Sicherheitskonzept erstellt. Das Wetter spiele eine immer größere Rolle dabei, sagt Wünsche. Grundsätzlich sei das Gelände beim Seenachtfest wegen der Innenstadtlage schon mal besser gegen Blitze geschützt als ein Festival auf freiem Feld. Dennoch gelte: Ob die Veranstaltung nur unterbrochen, oder komplett abgebrochen wird, entscheide eine rund 25-köpfige Koordinierungsgruppe. Darin sitzen Vertreter von Feuerwehr, Polizei, Rettungsdiensten, Veranstalter und auch ein Meteorologe. "Sollte sich etwas zusammenbrauen am Himmel wird die Koordinierungsgruppe in der Regel 30 Minuten vor Eintreffen des Unwetters einberufen", erklärt Wünsche. Gemeinsam werde dann entschieden, ob ein Abbruch notwendig ist. Ist die Lage so bedrohlich, dass das Festgelände evakuiert werden muss, greift der Notfallplan, der in dem Sicherheitskonzept detailliert hinterlegt ist. Das Sicherheitskonzept werde jedes Jahr überarbeitet, die Mitarbeiter entsprechend informiert. "Wir sind vorbereitet auf alle Eventualitäten, aber 100-prozentige Sicherheit kann es nie geben", sagt Wünsche.
  • Konzilfestspiele auf dem Münsterplatz: Auch die Premiere des Freilufttheaters "Der Name der Rose" musste wegen Dauerregens im zweiten Teil ins Münster verlegt werden. Nach Angaben des Theaters gelte hier: "Bei einer Wettersituation, die den ganzen Tag Dauerregen verspricht und bis 12 Uhr Mittags hält, wird um 12 Uhr abgesagt. Bei unsicherer Wetterlage vor der Vorstellung beraten und entscheiden Inspizient, Abendregie und Abenddienst 20 Minuten vor Beginn über eine mögliche Absage." Sollte der Regen während der Vorstellung einsetzen gibt es zwei Möglichkeiten: Regenpause oder Abbruch. Im konkreten Fall des Stücks "Der Name der Rose" kann die zweite Hälfte auch ins Münster verlagert werden. Nur bei Abbruch oder Absage vor der Pause erhalten die Zuschauer ihr Geld zurück.
  • Flohmarkt: Auch beim grenzüberschreitenden Flohmarkt steht die Sicherheit der Besucher an oberster Stelle. "Im Zweifel brechen wir eher vorzeitig ab, bevor wir Menschen gefährden", sagt Sabine Zufahl vom Stadtmarketing. Das Wetter wird rund um die Uhr beobachtet. 2015 wurde der Flohmarkt wegen eines Unwetters eine Stunde früher beendet. (lün)