Der mutmaßliche Köln-Sextäter ist nicht mehr in der Schweiz. Wie das Berner Bundesamt für Justiz auf Anfrage erklärte, ist der 19-Jährige am Vormittag ausgeliefert worden. Er saß seit Mittwoch in einem Gefängnis in Kreuzlingen, der Nachbarstadt zu Konstanz. Weshalb es bis zu seiner Festnahme so lange dauerte, dafür gibt es eine Erklärung: Eine Zeitverzögerung im System.

Viele Worte will Léa Wertheimer nicht verlieren. Die Pressesprecherin des Staatssekretariats für Migration in Bern bezieht sich auf Persönlichkeits- und Datenschutz. Sie sagt lediglich: "Wir haben Kenntnis von der Festnahme einer Person, die in der Schweiz ein Asylgesuch gestellt hat." Konkret handelt es sich um den 19-Jährigen, der einer der maßgeblichen Täter in der Silvesternacht von Köln sein soll. Die Staatsanwaltschaft wirft ihm sexuelle Nötigung in besonders schwerem Fall sowie Raub in Mittäterschaft vor.

19-Jähriger tauchte ab - mit europäischem Haftbefehl gesucht

Opfer ist ein Paar, das der Marokkaner mit weiteren Männern auf der Kölner Domplatte umzingelt haben soll. Der 19-Jährige soll den sexuellen Übergriff auf die Frau erst ermöglicht haben, erklärte Ulrich Bremer, Sprecher der Staatsanwaltschaft Köln. In jener Nacht kam es zu zahlreichen Delikten. 1168 Strafanzeigen waren die Folge, 492 wegen sexueller Übergriff. Zeugen sprachen bei den Tätern von Männern nordafrikanischer und arabischer Herkunft.

Nach einem Diebstahl nur drei Tage nach der Silvesternacht und einer Verurteilung tauchte der 19-Jährige ab, zuvor war er als Flüchtling in Würselen bei Aachen gemeldet. Seitdem suchte ihn die Polizei mit europäischem Haftbefehl. Am Mittwoch nahm ihn die Polizei an einer Einrichtung für Asylbewerber in Kreuzlingen fest, nachdem er laut Polizei im Konstanzer Einkaufszentrum Lago Lebensmittel und Zigaretten im Wert von 24 Euro gestohlen hatte.

Wenn der junge Mann schon international gesucht worden war, weshalb konnte der Marokkaner unbeschwert in die Schweiz reisen, Asyl beantragen und sich in der an Konstanz angrenzenden Schweizer Stadt Kreuzlingen aufhalten? Léa Wertheimer formuliert es so: "Im vorliegenden Fall war beim Eintritt in das Asylverfahren in der Schweiz in den einschlägigen Datenbanken kein internationaler Haftbefehl sichtbar." Mit einschlägiger Datenbank meint sie ein polizeiliches Informationssystem, in dem unter anderem internationale Fahndungen verzeichnet sind und auf das 29 Länder wie die Schweiz Zugriff haben.

Marokkaner nannte in Schweiz Namen, unter dem er von deutschen Behörden gesucht wurde

Informationen des SÜDKURIER zufolge hatte der Marokkaner in der Schweiz einen Namen genannt, unter dem er auch von den deutschen Behörden gesucht wurde. Also wäre im Fahndungssystem grundsätzlich ein Treffer möglich gewesen. Allerdings: Die Abfrage geschah, als der Haftbefehl noch nicht im System war. Das bestätigt Karlo Kreitz, Sprecher der Kölner Polizei. Hätten die Verantwortlichen in der Schweiz nur kurze Zeit später den vom Marokkaner genannten Namen eingegeben, wären sie im Bilde gewesen, seit wann, weshalb und vom wem er gesucht worden war.

Nach dem Diebstahl in Köln war der 19-Jährige bei der Polizei mit Namen, Bild und Fingerabdrücken bekannt. Die sexuell schwer genötigte Frau in der Silvesternacht hatte ihn auf dem Foto als mutmaßlichen Täter erkannt. Eine spätere Abfrage aus der Schweiz in dem Fahndungssystem hat offenbar nicht stattgefunden. Seit 14. April war der Mann im Empfangs- und Verfahrenszentrum Kreuzlingen untergebracht, erklärte das Berner Bundesamt für Justiz auf Anfrage.