Wie gut, dass wir keine digitalen Suchmaschinen sind. Was Google und seine vielen kleinen Geschwister seit fünf Jahren per Gesetz leisten müssen, gelingt uns Menschen nicht auf Knopfdruck: das Vergessen. So können wir zwar erwirken, von uns ungewünschte Suchergebnisse aus dem digitalen Gedächtnis löschen zu lassen.

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Das Recht auf Vergessenwerden nannten das 2014 die Richter am Europäischen Gerichtshof. Dass wir unsere, auch unliebsamen, Erinnerungen gleichermaßen verschwinden lassen, fällt uns zum Glück schwer.

Es schließt sich kein Kreis, es öffnet sich ein neuer

Wenn am 10. November die Synagoge in Konstanz eröffnet – wenige Meter von dort entfernt, wo ihre Vorgängerin 81 Jahre zuvor angesteckt und schließlich in Schutt und Asche gelegt wurde – schließt sich kein Kreis. Im Gegenteil: Es öffnet sich ein neuer. Wir sollten dankbar sein, dass sich nach der Auslöschung ganzer Familien überhaupt wieder Menschen jüdischen Glaubens in Konstanz und Umgebung ansiedeln wollten. Einige Hundert sollen es inzwischen sein.

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Nach den Grenzen des Sagbaren werden auch die der Handlungen verschoben

Müssen wir denn wirklich dauernd noch erinnert werden an das, was war; an jene abscheuliche Taten vor und nach dem 9. November 1938? Ist der Nazi-Terror nicht selbst für heutige Großeltern höchstens eine verblasste Kindheitserinnerung?

Fragen wie diese werden immer lauter gestellt; vermehrt seit die Grenzen des Sagbaren immer weiter in eine falsche Richtung verschoben werden und längst über respektlose Vogelschiss-Vergleiche hinaus reichen. Es geht schon jetzt nicht mehr nur darum, dass in größer werdenden Kreisen faschistisches und rechtsextremes Geschwafel salonfähig geworden ist; dass Politiker öffentlich eine „erinnerungspolitische Wende um 180 Grad“ herbeiwünschen.

Spätestens seit in Halle eine stabile Tür aus einem zweifachen Mord keinen verheerenden Anschlag mit Dutzenden Toten hat werden lassen, verschieben sich auch die Grenzen der Handlungen.

Auch in Konstanz muss die Synagoge geschützt werden

Was das mit Konstanz zu tun hat? Alles. Um zu dieser Antwort zu gelangen reichte es, am Tag nach Halle einen Blick in die Sigismundstraße zu werfen. Ein Polizeiwagen stand dort, wo bis 1938 jüdische Gottesdienste gefeiert wurden und morgen ein kurzer Festzug zur neuen Synagoge beginnt: eine Sicherheitsvorkehrung der Behörden zum Schutz der jüdischen Gemeinde. Auch für das neue Gebetshaus gibt es ein Sicherheitskonzept – inklusive Wachschutz.

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Es ist ein großes Glück, dass sich nach wie vor Menschen organisiert gegen das Vergessen wehren, im Kleinen wie im Großen. Auch in Konstanz, von der Verlegung von Stolpersteinen bis zum Gedenken an den Widerstandskämpfer Johann Georg Elser am Freitagabend.

Bleiben wir nachdenklich!

Als kürzlich im Kino über dem Lago-Einkaufszentrum Michael Verhoevens fast 40 Jahre alter Film „Die weiße Rose“ über den Widerstand der Gruppe um Sophie und Scholl gezeigt wurde, zitierte der gastgebende Museumsdirektor Tobias Engelsing die deutsch-jüdische Philosophin Hannah Arendt.

Sie nannte das Böse ein Phänomen der Oberfläche und schrieb: „Wir widerstehen dem Bösen nur, wenn wir nachdenklich bleiben.“ Tun wir das!