1998: Nach 16 Jahren endet die Regierung Helmut Kohl. In den USA bringt eine Praktikantin namens Monica Lewinsky Präsident Bill Clinton in höchste Bedrängnis. Schüler, Lehrer und Eltern verzweifeln an der Rechschreibreform. In München gibt Bayern-Trainer Giovanni Trapattoni seine historische Flasche-leer-Pressekonferenz. Und Frankreich wird Fußball-Weltmeister.

Der lange Arm (und lange Atem) des Rechts

Das zumindest ist eine Parallele zu 2018. Dem Jahr, in dem sich ein heute 41-Jähriger vor dem Landgericht Konstanz für seine Drogengeschäfte von vor 20 Jahren rechtfertigen muss. Und wegen denen er vom Vorsitzenden Richter Joachim Dospil zu zwei Jahren und sechs Monaten Haft verurteilt wird.

Im großen Stil, so lautete der Vorwurf der Staatsanwaltschaft, habe er in Konstanz vornehmlich mit Heroin gehandelt. Einmal waren es knapp 500 Gramm. Allein diese Menge entspricht laut einer Analyse der Wirkstoffmenge knapp 6600 Konsumeinheiten.

Aus dem Gewahrsam vor 20 Jahren kann der Drogenhändler noch fliehen

Im Labor untersucht wurden die Drogen nur deshalb, weil der 41-Jährige bereits 1998 festgenommen wurde. Denn er realisierte zu spät, wem er das halbe Kilogramm Heroin verkaufen wollte: dem Vertrauensmann eines verdeckten Ermittlers der Kriminalpolizei. Als es zum Geschäft in der Nähe eines Lokals in der Konstanzer Altstadt kommen sollte, griff die Polizei zu.

Einer der damals beteiligten Beamten, inzwischen ist er im Ruhestand, wirkt im Zeugenstand erleichtert: "Denn Fall werde ich nicht vergessen, weil es der einzige war, der offenblieb." Jetzt haben all seine großen Ermittlungen ein Ende gefunden. Ein Kollege, inzwischen ebenfalls pensioniert, fügt an: "Wir kriegen sie eben doch alle."

Offen blieb der Fall deshalb, weil es dem damals 21-Jährigen gelang, während der Erfassung seiner Daten aus dem sechsten Stockwerk des Polizeireviers zu springen – in Strümpfen und ohne Schuhe. Anschließend verschwand er für Jahre von der deutschen Bildfläche.

"Ich entschuldige mich"

Bis zum Jahr 2007 sei er zwischen Spanien und seiner Heimat Kosovo gependelt, gibt er an. Nach Konstanz war er über Karlsruhe Anfang der 90er-Jahre als Kriegsflüchtling gekommen. Ein Asylgesuch sei damals abgelehnt worden.

Die Tat, vor der er hauptsächlich vor Gericht steht, wird er in gebrochenem Deutsch gestehen. Die Sprache habe er während der langjährigen Abwesenheit verlernt. Was er damals gemacht habe, sagt er mehrfach, tue ihm leid. Ein Dolmetscher übersetzt schließlich: "Ich entschuldige mich, das war rechtswidrig und falsch gegenüber der deutschen Gastfreundschaft."

Der Verteidiger des Mannes wird im späteren Plädoyer argumentieren, sein Mandant sei heute ein anderer Mensch als 1998. Ein Mensch außerdem, der bereits eine lange Haft verbüßte.

In Spanien saß er bereits im Gefängnis

Denn auch in Spanien hielt er sich nicht ans Gesetz. Wegen mehrfachen räuberischen Diebstahls wurde er in Madrid zu elf Jahren Freiheitsstrafe verurteilt. Angerechnet auf Straftaten in Deutschland werden diese Vergehen nicht, wohl aber wird der Mann über all die Jahre weiter per Haftbefehl gesucht.

Weil die Fahndung immer wieder neu ausgeschrieben wurde, erklärte Richter Joachim Dospil dem Angeklagten und den zahlreichen interessierten Jura-Studierenden, verschiebt sich die Verjährungsfrist für den Handel mit Drogen bis in die heutige Zeit und darüber hinaus.

Als der 41-Jährige im April dieses Jahres dann schließlich den Weg aus Spanien in den Kosovo nehmen will, greift die deutsche Justiz zu. Weil er in Frankfurt zwischenlandete, sitzt der Mann nun in Untersuchungshaft.

Ausreisen oder ins deutsche Gefängnis? Der Richter entscheidet

Sein Verteidiger regte an, ihn nicht länger in Deutschland einzusperren und stattdessen rasch in den Kosovo ausreisen zu lassen. "Dort ist er bereits gemeldet und hat einen Arbeitsvertrag in einer Bar", sagt der Rechtsanwalt. Sein Vorschlag vor Gericht: Die Strafe möglichst unter zwei Jahren halten, sie zur Bewährung auszusetzen und diese mit der Auflage zu verbinden, dass er das Land binnen einer Woche verlassen muss.

Richter Joachim Dospil folgt zwar auch dem durch die Staatsanwalt deutlich höher angesetzten Strafmaß von vier Jahren nicht. Seine Taten lässt Dospil den 41-Jährigen jedoch auch 20 Jahre später in Deutschland verbüßen – sofern das Urteil rechtskräftig wird. Denn mit einem Strafmaß von zweieinhalb Jahren urteilt er über das für eine Aussetzung zur Bewährung festgesetzt Maximum von 24 Monaten.