Damit hat er sich die Zukunft selbst zerstört: Ein 39-jähriger Arzt aus Konstanz hat seine Stellung als Vertrauensperson schamlos ausgenutzt und Patientinnen sexuell missbraucht. Ein Jahr und acht Monate auf Bewährung lautete das Urteil des Landgerichts Konstanz. Beruflich und privat steht er vor einem Scherbenhaufen. Seinem Berufsstand hat er schwer geschadet.

Als Richter Arno Hornstein das Urteil verkündete, blickte der Mann starr vor sich. Den Blickkontakt mit den Opfern hatte er an beiden Verhandlungstagen stets vermieden, zumindest während der Anwesenheit der Öffentlichkeit. Sie war über weite Strecken des Prozesses hinweg ausgeschlossen. Zu intim die Details, zu aufwühlend das Erlebte für die Opfer, die heute noch darunter leiden. Gerade, weil sie aufgrund ihrer zum Teil chronischen neurologischen Erkrankungen dauerhaft und dringend auf medizinische Hilfe angewiesen sind. Ihr Vertrauen in Ärzte ist seit diesen Erlebnissen schwer erschüttert, seit der 39-Jährige „medizinisch nicht notwendige“ Untersuchungen vollendete mit dem einen Ziel: sich laut Staatsanwaltschaft „sexuell zu erregen“.

Das Tatmuster war in allen sieben Fällen ähnlich. Der Oberarzt an einer Fachklinik im Landkreis Konstanz bat die Patientinnen zu Untersuchungen. Das Ultraschallgerät führte er allerdings an Körperstellen, an denen es nichts zu suchen hatte. Dabei legte der Arzt den Intimbereich der Patientinnen frei. Er ging soweit, dass er mit dem Finger in die Frauen eindrang. „Ich schäme mich dafür aufrichtig“, schrieb der 39-Jährige einer der Frauen und bat um Verzeihung. Er habe als Arzt auch anderen Patientinnen gegenüber versagt. Nicht einmal die ersten Ermittlungen der Polizei konnten ihn von weiteren Missbräuchen abhalten, ebenso wenig die Gegenwehr mancher Patientin. In einer Therapie arbeitet er sein Verhalten derzeit auf.

Vor der vierten Strafkammer des Landgerichts zeigte der Mann tiefe Reue. Im Oktober 2016 sah das noch anders aus, als er vor dem Amtsgericht Konstanz stand. Damals stritt der Mann jede Tat ab. 14 Monate Haft auf Bewährung lautete das Urteil. Der Mediziner wie auch die Staatsanwaltschaft legten Berufung ein. Weil sich aufgrund der Berichterstattung weitere Opfer meldeten, kam er um ein Geständnis nicht herum. Auch gegenüber seiner Frau gab er die Taten zu. Mit dem Ergebnis, erklärte er vor Gericht, dass sie sich von ihm trennte. Nach seiner Entlassung aus dem Fachkrankenhaus im Landkreis Konstanz fand er zwar wieder eine Anstellung als Neurologe, aber nur für kurze Zeit, bis sein Arbeitgeber vom sexuellen Missbrauch am Bodensee erfuhr. Seine Approbation legte der Arzt Ende 2016 nieder. Damit kam er vermutlich einem Entzugsverfahren durch die Ärztekammer zuvor. Heute arbeitet der Mann beratend in einem Unternehmen für Arzneimittelsicherheit. „Das ist keine Herzenstätigkeit. Das dient dem Broterwerb“, sagte er. Herzenstätigkeit, das sei sein Beruf als Arzt gewesen.

27.500 Euro als Schmerzensgeld hat der 39-Jährige den Opfern überwiesen. Das Gericht wertete das als Absicht der Wiedergutmachung, auch wenn manches Opfer in Vergangenheit eine Zahlung ablehnte, damit der Angeklagte keine Strafmilderung erfährt. Zweieinhalb Jahre Haft forderten die Staatsanwaltschaft und Nebenkläger, bei einem Jahr auf Bewährung lag die Verteidigung. Das Gericht habe sich mit einem Urteil schwer getan, sagte Richter Arno Hornstein. Es dürfe dabei nicht nur die Blickwinkel der Opfer berücksichtigen, sondern auch des Täters. Eines geständigen und nicht vorbestraften Täters, der selbst keine Erklärung für sein Verhalten habe, das die Patientinnen heute noch schwer belaste. Drei Jahre hat der 39-Jährige Zeit, um sich zu bewähren. Andernfalls muss er ins Gefängnis. 10.000 Euro muss er an Hilfsvereine bezahlen. Noch ist das Urteil nicht rechtskräftig. Die Staatsanwältin forderte noch Bedenkzeit ein. Der Verteidiger hätte am liebsten schon gleich den Verzicht auf Rechtsmittel erklärt. Um diesem Kapitel wohl ein Ende zu setzen, mit dem sein Mandant sich seine berufliche und private Zukunft verbaut hat.

 

Hilfe für Betroffene

In Hessen gibt es eine Beratungsstelle der Landesärztekammer für Missbrauchsfälle in der Medizin – ein bundesweites Unikum. Betroffene Patienten können sich direkt an Ombudsmann Meinhard Korte wenden, über ihre Erlebnisse sprechen und sich bezüglich weiterer Schritte beraten lassen. Mehr Informationen gibt es unter der Nummer 069/97672 347 oder www.laekh.de. Unter dem Reiter „Bürger und Patienten“ und dem Punkt „Ihr gutes Recht“ verstecken sich weitere Informationen zur Ombudsstelle.