Alle lächeln. Die Kinder, die vorne in der stabilen Holzkiste sitzen und zum Kindergarten oder ins Strandbad gebracht werden. Die Erwachsenen, die in die Pedale treten und ohne die in Konstanz so häufigen Parkplatzprobleme Getränkekästen nach Hause oder Sperrmüll zum Recyclinghof bringen. Und die Passanten, die die neuen Lastenräder, ihre Fahrer und ihre Fracht halb amüsiert, halb staunend beobachten. Irgendwie scheint diese Neuerung eine eingebaute Gute-Laune-Automatik zu haben.

Kann sein, dass es auch mit den Aufschriften zu tun hat. "Sprudel-Sprinter" steht auf den Gefährten oder auch "Hörnle-Hopper", eine Anspielung auf das herrliche kostenlose Strandbad der Stadt. Nicht bierernst will er die Verkehrswende begleiten, sagt Marco Walter, der Initiator des Systems. Sondern humorvoll und von der Idee geleitet, dass im Stehenlassen des Autos nicht Verzicht, sondern ein Gewinn liegen kann. "Ein toller Beitrag für lebenswerte Städte", lobt dann auch Matthias Gastel, der radverkehrspolitische Sprecher der Grünen im Bundestag. Als er das Ende Juli gestartete System besichtigte, zeigte er sich begeistert.

Weil man nun nicht ständig große Lasten durch die Stadt bringen muss, ist ein Verleihsystem sinnvoll, erklärt Marco Walter seine Idee. Von den ursprünglich 24 Rädern – es gibt flottere, zweirädrige Modelle und stabile, behäbigere Dreiräder – sind noch 23 unterwegs, eines wurde gestohlen. Und sie kurven viel durch die Stadt: Bis zu 40 Entleihungen pro Tag hat der Betreiber des Mietsystems schon registriert, im Schnitt sind es 30. Und die 1500 registrierten Nutzer, die bis Ende der zweijährigen Versuchsphase angepeilt wurden, waren nach fünf Wochen schon zur Hälfte erreicht. Das, sagen Walter und Langer, übersteige alle Erwartungen. Und die Zahlen aus Norderstedt bei Hamburg, das zeitgleich ins neue Transportmittel eingestiegen ist.

Die Nutzer selbst sind mehr als zufrieden. Vor Getränkemärkten, auf dem Weg zu den Kindergärten, entlang der Routen zu den Ufern von Bodensee und Rhein: Man sieht die ökologisch korrekten Lastesel häufiger auf der Straße als an einer der zwölf Verleihstationen. Dort können sich Interessenten nach einmaliger Anmeldung eine SMS mit dem Code des Zahlenschlosses schicken lassen. Die Rückgabe erfolgt an jeder beliebigen Station, man schickt nach dem Anketten wieder eine SMS. Wer weniger als eine Stunde unterwegs war, zahlt gar nichts, ab der zweiten Stunde kostet es einen Euro pro 30 Minuten. Das ist günstiger, als ein ganz normales Fahrrad zu mieten.

Möglich ist das Angebot, weil Konstanz und Norderstedt sich zusammen mit einem Modellversuch beim Bundesverkehrsministerium beworben hatten. Von den 240 000 Euro, die es in Konstanz für zwei Jahre kostet, übernimmt mehr als 190 000 Euro der Bund, den Rest trägt die Stadt. Im Vorfeld gab es allerdings noch einige Zweifel: Für das Geld könne man jedem Konstanzer seinen Einkauf mit dem Taxi nach Hause bringen, hieß es zum Beispiel. Inzwischen hat die Begeisterung von Baubürgermeister Karl Langensteiner-Schönborn um sich gegriffen: "Eine phantastische Idee", lobte er schon früh.

Dass die Lastenräder gerade in Konstanz so gut ankommen, ist kein Zufall. Marco Walter, der die zwei Jahre auch wissenschaftlich begleitet und umweltpsychologische Erkenntnisse über die Bereitschaft zum Umstieg vom Auto gewinnen will, verweist darauf, dass jüngeren Menschen der Besitz des eigenen Autos zunehmend weniger wichtig wird. Das ist in einer Studentenstadt ein wichtiger Punkt, und Joana Holz fährt als lebendes Beispiel durch die Altstadt. Sie hat kein Auto und freut sich, dass sie ihren zweijährigen Sohn Ben nun per Lastenrad durch die Stadt fahren und direkt vor der Haustür parken kann. Eingeladen hat sie überdies ihre Lebensmitteleinkäufe und einen Kasten Mineralwasser. Über allem thront Ben. Und lächelt.


Alles über die Lastenräder in Konstanz: www.tink-konstanz.de

Lastenräder

Die Idee ist alt, und bis in die 60-er Jahre waren sie auch in Deutschland ein gewohnter Anblick: Fahrräder zum Lastentransport zeichnen sich durch einen im Vergleich zum Auto geringen Anschaffungspreis (je nach Modell zwischen 1500 und 4000 Euro), geringen Platzbedarf und minimale Betriebskosten aus. Für Konstanz wurden robuste Modelle mit bis 100 Kilogramm Zuladung in der Transportkiste ausgewählt, die dank bequemer Auslegung des Getriebes auch über kürzere Steigungen gefahren werden können. Denkbar, aber teurer und wartungsintensiver wären Lastenräder mit elektrischem Hilfsantrieb. Mietsysteme für Lastenräder gibt es nur wenige, und keines in Europa erreicht die Dimension des jetzt in Konstanz und Norderstedt gestarteten. Doch die Liste wächst beständig, unter anderem mit Angeboten in Freiburg, Stuttgart, Augsburg, Basel, Zürich und St. Gallen stehen Lastenvelos bereit, zu jeweils sehr unterschiedlichen Bedingungen. (rau)