Mit einem Roboter zusammenzuarbeiten findet Liat Grayver ziemlich gut. Dafür ist die junge Künstlerin aus Berlin nun schon das dritte Mal nach Konstanz gekommen. Mit ihren Malutensilien zieht sie dann immer für mehrere Wochen in ein Labor des Fachbereiches Informatik an der Universität Konstanz. Dort steht E-David. Ein Malroboter, den eine Forschergruppe um den Professor Oliver Deussen vor acht Jahren entwickelte und der gerade deutliche Fortschritte macht.

"Künstler spielen schon lange mit Robotern", sagt Grayver, die nicht nur Meisterschülerin in Malerei, sondern auch in Medienkunst an der Hochschule für Grafik und Buchkunst in Leipzig ist. "Aber dabei handelte es sich bisher eher um Performances, die oft um die Beziehung zwischen Mensch und Maschine kreisen." Das mit E-David hingegen ist für sie etwas völlig anderes.

Denn E-David malt mit ihr zusammen. Mit einem echten Pinsel und echter Farbe, die manchmal auf die Leinwand tropft. Ganz reale Malerei also, aber gesteuert durch den Computer, mit dem E-David zusammenhängt. Auf die 1986 geborene Künstlerin Grayver, die versucht, ein uraltes Handwerk und die digitale Welt ihrer Generation miteinander zu verbinden, wirkt das wie eine Befreiung. "Ich halte eine Revolution der digitalen Bildkunst für möglich", sagt sie. "Malroboter könnten das Potential haben, Computerkunst in die echte Welt zu holen."

Ganz praktisch sieht das dann so aus, dass sie mit Informatiker Thomas Lindemeier einprogrammiert, wie E-David malen soll. Und dass sie am Ende dann noch ein paar Akzente hinzufügt. Robotische Malerei nennt sie das dann. Für Grayver könnte so etwas eine ganz normale Arbeitsweise der Zukunft sein. Der Roboter als Assistent des Künstlers. "Ich sehe E-David als ein Werkzeug wie einen Pinsel", sagt sie.

Ein Pinsel, der einem echten Maler immer ähnlicher wird. Konnte er zu Beginn nur mit kurzen Pinselstrichen Vorlagen abmalen, kann E-David jetzt schon Objekte vom Hintergrund abheben und verschiedene Arten von Linien malen. Das alles haben ihm Lindemeier und Grayver beigebracht. "Wir haben für ihn ein Repertoire erarbeitet, aus dem er sich bedienen kann", so Grayver. Ziel ist, dass E-David irgendwann selbst entscheiden kann, welche Möglichkeit er nutzt, um einen Auftrag auszuführen.

Das wirkt ein bisschen so, als ob da eine Künstlerin ihren eigenen Beruf abschaffen würde. Aber dass Roboter jemals menschliche Künstler überflüssig machen könnten, glaubt Grayver nicht. "Kunst hat immer auch ein spirituelles Element", sagt sie. "Das kann ein Roboter nicht hervorbringen." Während viele Menschen befürchten, Roboter könnten Arbeitsplätze bedrohen, sieht die Künstlerin in der Technik eher Chancen für sich. Einsetzbar wären Malroboter, die selbstständig arbeiten können, aber auch in der Industrie. "Heute lackieren Roboter schon Autotüren", sagt Lindemeier. "Wenn ein Kunde einen Sonderwunsch hat, muss der Roboter aber jedes Mal neu programmiert werden. Wir forschen in die Richtung, dass der Roboter selbst erkennt, was er tun muss, wenn er einen bestimmten Auftrag bekommt."

Dass ganz normale Malermeister in naher Zukunft Konkurrenz durch Malroboter bekommen könnten, vermutet Lindemeier indes nicht. "Es gibt zwar schon Drohnen, die Farbe sprühen können. Aber eine ganze Hausfassade lässt sich damit noch nicht bemalen." Auf längere Sicht aber sei es schon möglich, dass Maler einmal lernen müssten, Drohnen zu programmieren. Auch in der Zahntechnik kann er sich kleine Malroboter vorstellen. Bis solche Dinge möglich sind, ist aber noch viel zu tun. "Ein Computer lernt durch Erfahrung", sagt Lindemeier. Das mehrfache Erleben bestimmter Situationen könne zukünftige Entscheidungen beeinflussen. "Die passende Auswertung der gesammelten Erfahrung durch Mensch und Computer", so Lindemeier, "ist komplex und zeitaufwendig."

"Heutige Computer sind zu kreativen Leistungen fähig"

Oliver Deussen, geboren 1966, ist Professor für Visual Computing an der Universität Konstanz und forscht mit Malroboter E-David.

Herr Deussen, Sie haben 2009 den Malroboter E-David entwickelt, um zu erkunden, wie weit das Malen automatisierbar ist. Welche Erkenntnisse haben Sie bis jetzt?

Wir haben nun ein viel feineres Verständnis für den Malprozess, haben die Mechanismen des Malens zum Teil wirklich auf die Maschine übertragen können. Heutige Computer sind in Teilbereichen zu Leistungen fähig, die auch von Experten als kreativ angesehen werden, also überraschend, nützlich und nicht vorhersehbar sind. Das wollen wir dem Malroboter noch besser beibringen.

Könnten zukünftige Malroboter dem Menschen in Bezug auf Kreativität Konkurrenz machen?

Das ist schon möglich, und wir versuchen auszuloten, wie weit das geht. Uns interessiert aber eines noch mehr: Wie können Malroboter mit dem menschlichen Künstler optimal zusammenarbeiten? Wie kann der Künstler solch einer Maschine vermitteln, was er tun möchte? Hat die Maschine das verstanden, so führt sie die Handwerksarbeiten aus, der Künstler greift nur ein, um die Richtung vorzugeben oder den letzten Schliff zu geben.

Viele Menschen fühlen sich von der Digitalisierung bedroht. Wie beurteilen Sie die Situation?

Wir machen uns keine Vorstellung davon, wie viele Arbeitsplätze in der Zukunft von Maschinen erledigt werden können. Daher muss sich die Gesellschaft schon heute auf ein Zeitalter der Arbeitslosigkeit vorbereiten. Wir sollten tatsächlich ernsthafter über ein bedingungsloses Grundeinkommen nachdenken.

Fragen: Julia Russ

.Eine Langfassung des Interviews mit Oliver Deussen finden Sie im Internet:www.sk.de/exklusiv

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