So, jetzt mal ganz in Ruhe und ohne Ideologie. Erstens: Die Zahl der Schüler nimmt in Konstanz zu – weil die Stadt wächst und weil wieder mehr Kinder auf die Welt kommen. Zweitens: Die Vorstellungen, wie diese Jungen und Mädchen zu ihrem Schulabschluss kommen sollen oder wollen, haben sich stark verändert. Das vermitteln die vorläufigen Anmeldezahlen für die weiterführenden Schulen in diesem Jahr sehr deutlich. Drittens: Weil die Grundschulempfehlung nicht mehr verbindlich ist, waren die Familien so frei in der Schulwahl und die Stadt in der Bereithaltung von Kapazitäten noch nie so sehr herausgefordert. Das zeigt sich gerade im Moment wieder: Die Gemeinschaftsschule verzeichnet mehr Zulauf als die beiden Realschulen und einzige verbliebene Werkrealschule zusammen. All diese Erkenntnisse mögen nichts oder nicht viel über die Qualität der Arbeit an den einzelnen Schulen aussagen. Aber sehr viel sagen sie aus über das, was die Familien wünschen. Und genau deshalb braucht Konstanz einen neuen und mutigen Anlauf in der Schulentwicklung.

Trotz vieler Zweifel am Konzept: Der Zuspruch für die Gemeinschaftsschule ist eine Tatsache

Die Gemeinschaftsschule mit dem gemeinsamen Lernen von Kindern von Gymnasiums- bis Hauptschulniveau in einer Gruppe kann man gut finden – man muss es aber nicht. Das Prinzip, dass niemand durchfällt und Noten in freundlicher Prozent-Wertung vergeben werden, mag als Vorbereitung auf ein von Wettbewerb geprägtes Arbeitsleben kritikwürdig sein – attraktiv für viele Eltern und Kinder ist es dennoch. In unterschiedlichen Fächern gleichzeitig auf unterschiedlichen Niveaus zu lernen, kann man merkwürdig finden – es gibt aber kluge Leute, die sagen, dass dies den Schülern eher gerecht wird. Will heißen: In Konstanz ist der große Zuspruch für die Gemeinschaftsschule eine Tatsache. Sie mag in der besonderen Verfasstheit der Stadt begründet liegen, hat ihre stärksten Wurzeln aber sicher in der Innovationskraft der Schule selbst. Lange bevor die Gemeinschaftsschule nach Baden-Württemberg kam, setzte die Gebhardschule Marksteine bei neuen Konzepten und Ideen.

Zwei-Säulen-Modell mit Gymnasium und Gemeinschaftsschule: Elter schaffen längst Fakten

Auf der anderen Seite strafen die Anmeldezahlen das wohlfeile Bekenntnis zum guten alten Schultyp Werkreal- und Realschule Lügen. Das Angebot, dass auch an der Realschule neben der Mittleren Reife wahlweise der Hauptschulabschluss erlangt werden kann, scheint weniger attraktiv als erwartet. Wie auch, wenn in der gleichen Stadt eine modern ausgestattete Gemeinschaftsschule ein im Bildungsziel vergleichbares Angebot macht. Man kann es bedauern – aber Konstanzer Familien bringen allein schon durch ihr Verhalten das voran, was wahlweise als Verheißung oder als Schreckgespenst durch die Bildungspolitik im Südwesten geistert. Es ist das Zwei-Säulen-Modell, in dem es, die beruflichen Schulen sträflich ignorierend, irgendwann nur noch Gymnasien und Gemeinschaftsschulen gibt.

Aber Achtung: Klassenzimmer sind nicht grün oder schwarz – Ideologie hilft also nicht weiter

Wie gesagt: Ohne Ideologie. Klassenzimmer sind nicht grün oder schwarz oder rot. Sondern im besten Fall nicht allzu dicht besetzt mit motivierten Kindern und geprägt von tüchtigen Pädagogen. Vor diesem Hintergrund muss Konstanz eine Antwort auf den Ansturm auf die Gemeinschaftsschule finden. Wer insgeheim gehofft hatte, das gehe schon wieder weg, sieht sich getäuscht. Da die Gebhardschule nicht weiter wachsen kann, braucht die Stadt eine zweite Gemeinschaftsschule. Nicht, weil das politischer Wille wäre, sondern weil die Eltern und Kinder diesen Weg vorgeben. Und nachdem die – zugegebenermaßen unglücklichen – Versuche der Stadtverwaltung scheiterten, bestehende Schulen auf den neuen Weg zu drängen, scheint es nur eine Option zu geben: einen Neustart.

Die wichtige Chancen sind bereits vertan – was an Optionen bleibt, muss gut geprüft werden

Eine Chance in dieser Richtung ist bereits vergeben. So verquer die Idee des damaligen Sozialbürgermeisters Claus Boldt, ein weiteres Gymnasium in Dettingen zu errichten, gewesen sein mag: Im größten Teilort standen jahrelang Klassenzimmer leer. Jetzt ist die Nachnutzung als Gemeinschaftshaus festgelegt, und Konstanz kommt in die merkwürdige Lage, dass gleichzeitig am einen Ort bestehende Schul-Infrastruktur abgebaut und an anderem Ort neue geschaffen wird. Vielleicht wäre ja die bald leerstehende Wessenbergschule als linksrheinische Option trotz ihrer baulichen Probleme einen Gedanken wert? Vielleicht könnte an der Geschwister-Scholl-Schule doch noch eine inhaltliche Neuausrichtung die bauliche Sanierung begleiten? Vielleicht hätte die Berchenschule als Option im Westen der Stadt das Potenzial, ein neues Schwergewicht in der Schullandschaft zu werden?

Natürlich hätte neben dem Erfolgsmodell Gebhard auch eine zweite Gemeinschaftsschule eine Chance

Wo auch immer, wie auch immer: Eine zweite Gemeinschaftsschule könnte sich von der so erfolgreichen bestehenden durchaus abheben. Auch ohne gymnasiale Oberstufe und die Option aufs Abi im gleichen Haus könnte sie eigene Stärken entwickeln. Zum Beispiel Überschaubarkeit, Konzentration auf einen einzigen Standort. Sie könnte sich im Stadtraum durch eine besondere Lage profilieren und inhaltlich, in Kooperation mit den beruflichen Gymnasien, einen besonderen Schwerpunkt auf den Schritt in die Arbeitswelt legen. Oder den Sprachen ein besonders Gewicht geben. All das und noch viel mehr werden Experten erarbeiten müssen – und zwar nicht in einem jahrelangen zähen Prozess, sondern schnell und zielorientiert.

Und nicht vergessen: Eltern haben ein Rechtsanspruch auf den Schultyp ihrer Wahl

Ob Weiterentwicklung einer bestehenden oder Aufbau einer ganz neuen Schule: Die Stadt – und mit ihr die Verwaltung unter dem zuständigen Bürgermeister Andreas Osner sowie gleichermaßen der Gemeinderat – stehen unter Druck. Nicht nur, weil es einen Rechtsanspruch auf einen Platz am Schultyp der Wahl gibt. Sondern vor allem, weil es sich diese Gesellschaft nicht leisten kann, auch nur ein einziges Kind auf dem Bildungsweg zu verlieren. In genau einem Jahr, voraussichtlich am 26. Mai 2019, wird ein neuer Gemeinderat gewählt. Es wäre schön, wenn der Wahlkampf zum Wettlauf um die besten Ideen für die Schulentwicklung würde. Mutig, aber bitte ohne Ideologie.