Felix Braun fühlt sich verschaukelt, als er eine Mitteilung der Stadt Konstanz liest. Dort wird über „eine verstärkte Staubbildung“ im Zuge der Abrissarbeiten auf dem Gelände des Vincentius-Krankenhauses an der Laube informiert.

Dazu der Hinweis: „Das Landratsamt hat auf Hinweise des städtischen Baudezernats inzwischen angeordnet, dass unverzüglich mehr Staubbindeanlagen einzusetzen sind.“

In der Aufnahme vom 11. April ist der inzwischen abgerissene Kamins des Vincentius-Krankenhauses im Hintergrund noch zu sehen.
In der Aufnahme vom 11. April ist der inzwischen abgerissene Kamins des Vincentius-Krankenhauses im Hintergrund noch zu sehen. | Bild: Oliver Hanser

Seit 16. Mai setze die für den Abriss zuständige Firma eine sogenannte Wasserdispersionsanlage ein. Vereinfacht gesagt wird dabei Wasser als feiner Nebel versprüht, um Staub zu binden und seine Ausbreitung über die Luft zu minimieren.

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Der Inhaber eines Radgeschäfts ist über den Zeitpunkt verwundert

„Jetzt ist das zu spät, das größte Problem liegt hinter uns, der Abriss ist fast beendet“, sagt Felix Braun, „aktiv werden müssen hätte man am 24. April.“

Felix Braun, Inhaber des Geschäfts Jester Sports in Konstanz, sorgt sich wegen der Abrissarbeiten am Vincentius-Krankenhaus um eine mögliche Belastung durch gesundheitsschädlichen Staub.
Felix Braun, Inhaber des Geschäfts Jester Sports in Konstanz, sorgt sich wegen der Abrissarbeiten am Vincentius-Krankenhaus um eine mögliche Belastung durch gesundheitsschädlichen Staub. | Bild: Benjamin Brumm

Der Inhaber eines Fahrrad- und Sportgeschäfts in der Schottenstraße nahe der Vincentius-Baustelle hatte sich damals an die Stadt gewandt. Nicht nur einmal und nicht nur an sie, sondern auch an die Polizei und die Gewerbeaufsicht. Er frage sich, warum man Anwohner erst mehrere Wochen nach der stärksten Staubbildung informiert habe und nicht davor. „Wir hätten den Laden zum Beispiel einfach für zwei oder drei Tage geschlossen“, erklärt Braun.

Der mehrere Meter hohe Kamin wurde bereits kurz nach Ostern abgerissen

Hintergrund war der Abriss des mehrere Meter hohen Kamins an jenem sonnigen, windigen Tag kurz nach Ostern. Damals wurde bereits versucht, den frei werdenden Staub mit Wasser aus Schläuchen zu binden. Bilder und Videoaufnahmen zeigen jedoch, dass dies nicht vollständig gelang.

Video: Felix Braun

Gestaubt habe es bereits seit Beginn der Abrissarbeiten, erklärt Braun. Was ihn und seine Mitarbeiter jedoch irritiert habe: „Unsere Augen waren plötzlich gereizt und wir mussten durchgehend husten.“ Als seine Kunden von denselben Problemen berichteten, habe er sich zum Handeln gezwungen gefühlt.

Felix Braun: Keiner wollte oder konnte mir weiterhelfen

Sein erster Anruf erfolgte bei der Polizei, der zweite ging an das Baurechts- und Denkmalamt der Stadt, der dritte schließlich an die Gewerbeaufsicht. „Weiterhelfen wollte oder konnte mir aber niemand, ich wurde von der einen zur nächsten Stelle weitergereicht“, ärgert sich Braun, der betont, er wolle mit seiner Kritik niemanden „persönlich ankreiden“.

Video: Reinhardt, Lukas

Ihm ging und gehe es um drei Dinge. Erstens darum, eine Gefahr für die Gesundheit seiner Kunden, Mitarbeiter und ihn selbst auszuschließen; zweitens darum, sicherzustellen, wer die Kosten für die Reinigung der durch den Staub verschmutzten Fahrräder, die sonst vor dem Geschäft stehen, sowie den Umsatzausfall durch fehlende Kunden übernehme.

Felix Braun macht sich Gedanken, ob er die durch den Staub in Mitleidenschaft gezogenen Fahrräder noch verkaufen kann, oder ob ihm bei einer gesundheitsgefährdenden Belastung rechtliche Konsequenzen drohen.
Felix Braun macht sich Gedanken, ob er die durch den Staub in Mitleidenschaft gezogenen Fahrräder noch verkaufen kann, oder ob ihm bei einer gesundheitsgefährdenden Belastung rechtliche Konsequenzen drohen. | Bild: Felix Braun

Denn weil er sich mit seinen Bedenken alleingelassen gefühlt habe, verschloss er die Türen seines Geschäfts und holte die sonst im Freien stehenden Fahrräder in sein Lager. Drittens sorgt er sich um rechtliche Konsequenzen, wenn er über den Verkauf seiner Fahrräder belastetes Material an seine Kunden verbreite.

Was sagt der Schulleiter des nahen Humboldt-Gymnasiums?

Auf die Schüler und Lehrer des benachbarten Humboldt-Gymnasiums haben die Abrissarbeiten laut Schulleiter Jürgen Kaz bislang insgesamt keine Auswirkungen. „Durch die vielen Bäume an der Grenze des Grundstücks haben wir davon bislang wenig mitbekommen“, erklärt er. Eine Einschätzung zur Situation wegen des Kamin-Abbruchs sei nicht möglich. „Das war in den Schulferien“, sagt der Schulleiter.

Während des Abbruchs des Kamins am Vincentius-Krankenhaus hat es stark gestaubt – nicht immer scheinen die Versuche, einer Ausbreitung durch Wasser zu entgegnen, geglückt zu sein.
Während des Abbruchs des Kamins am Vincentius-Krankenhaus hat es stark gestaubt – nicht immer scheinen die Versuche, einer Ausbreitung durch Wasser zu entgegnen, geglückt zu sein. | Bild: Felix Braun

Gewerbeaufsicht stuft Menge der verbauten Mineralwolle als unkritisch ein

Einen Tag nach Felix Brauns Hinweisen habe sich eine Streife der Polizei ein Bild von der Situation gemacht und ihm geraten, möglichst alles zu dokumentieren. Zudem erschien ein Mitarbeiter der Gewerbeaufsicht an der Baustelle. Dies bestätigt Katrin Roth, Sprecherin des Landratsamts Konstanz, zu dem die Gewerbeaufsicht gehört.

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„Während diesem Termin fanden auch noch die Abbrucharbeiten an dem noch verbliebenen, etwa noch 15 Meter hohen Kamin statt. Dabei wurden keine auffälligen Belastungen festgestellt“, erklärt sie auf Anfrage des SÜDKURIER. Dass dort Mineralwolle verbaut wurde, sei bemerkt worden. „Die festgestellte Menge beziehungsweise dessen Potenzial, entstehenden Staub in relevantem Maße zu belasten, ist jedoch als unkritisch einzustufen“, fasst die Landratsamts-Sprecherin zusammen.

Interpretation von Gewerbeaufsicht und anderen Fachleuten weichen voneinander ab

Auch die Analyse einer Staubprobe, die ein Anwohner – hierbei handelt es sich um Fahrradladen-Inhaber Felix Braun – privat in Auftrag gegeben habe und dessen Ergebnis der Gewerbeaufsicht vorliege, lasse keine Gesundheitsgefährdung vermuten. „Im Übrigen wurden auch keine weiteren gesundheitsgefährdenden Stoffe, wie Asbest oder PAK (polycyclische aromatische Kohlenwasserstoffe werden als krebserzeugend eingestuft, die Redaktion), festgestellt.“

Auch dem SÜDKURIER liegt das Analyseergebnis vor, mit dem Hinweis: Es sind künstliche Mineralfasern gefunden worden, die nach Einschätzung der Weltgesundheitsorganisation nachweislich krebserzeugend sein können, wenn sie eingeatmet werden. Auch dass in der Probe, die Felix Braun in Auftrag gab, kein PAK gefunden worden sei, sei laut eines Mitarbeiters des zuständigen Analysezentrums nicht präzise. So sei lediglich nicht zu beziffern, wie hoch deren Anteil im Staub war, bevor er von der Luft auf den Boden rund um die Baustelle niederging.

Auch die Bebauung wird wieder zum Thema

Nicht nur der nahezu abgeschlossene Abriss der Vincentius-Gebäude beschäftigt Konstanz. Gegen den geplanten Neubau regte sich jüngst Widerstand der umtriebigen Konstanzer Fridays-for-Future-Bewegung.

  • Protestaktion: So protestierten laut einer Mitteilung der Klima-Aktivisten Ende vergangener Woche Schüler und Studierende mit einer Menschenkette gegen den geplanten Neubau. Hintergrund ist eine der Maßnahmen, den Fridays-for-Future als Folge des ausgerufenen Klimanotstands vorlegte: der nahezu komplette Verzicht auf Beton bei Neubauten.
  • Kritikpunkt Tiefgarage: Für Unmut bei den Fridays-for-Future-Aktivisten sorgt unter anderem die geplante Tiefgarage unter dem künftigen Wohnkomplex. Da dort mehrere Busse direkt vor der Haustür hielten, komme ein „so zentraler Neubau ohne Tiefgarage aus“, lässt dich Manuel Oestringer zitieren. Bei den bisherigen Planungen seien Lösungen wie Car-Sharing, Fahrräder und Busse nicht berücksichtigt worden. Deshalb müsse „jetzt nachhaltig geplant werden“, so die Einschätzung von Fridays-for-Future, die hierbei auch das Land Baden-Württemberg in die Pflicht nehmen. Diesem gehören knapp 25 Prozent der Anteile der Landesbank Baden-Württemberg, dessen Immobilien-Zweig Eigentümer und Bauherr des Wohnprojekts ist.