Das ist er also, der vorläufige Höhepunkt meines Lebens als junger Papa in Konstanz. „Sie machen das aber schon noch weg?“, frage ich die Dame gesetzteren Alters. Ich meine damit den Haufen, den ihr Hund gerade auf einem Spielplatz platziert hat – ins Rindenmulch unter die Schaukel. Meine Tochter schaukelt auch.

Allerdings, während ich meinen strengen Blick immer noch abwechselnd in Richtung der zwei- und vierbeinigen Übeltäter richte, in ihrer Babytrage vor meiner Brust. Die Dame kann froh sein, dass sie nicht auch noch zu nah mit ihrer dampfenden Zigarette in unsere Nähe kam – nicht auszudenken, was außer strengen Blicken sonst passiert wäre.

Bin ich schon im Leben der Spießer angekommen?

Einige Schritte später – ich kontrolliere noch, ob das kleine Köpfchen auch wirklich nicht zu warm oder kalt, die Beinchen auch sicher an der richtigen Stelle vor mir baumeln – denke ich über meine eigenen Worte nach: Wow, bist du ein Spießer geworden.

Und überhaupt: Bis meine Tochter auch nur aktiv in die Nähe der Schaukel am Seeuferweg kommen wird, wird dieser Hundehaufen das Zeitliche gesegnet haben. Und doch beweist diese kleine Episode aus etwa sechs Wochen Leben mit einer Neugeborenen, wie schnell sich Prioritäten doch ändern können – und mit ihnen der Blick auf die eigene Heimatstadt.

Wo ist hier nur der Aufzug?

Ein nicht abgesenkter Bordstein, am Ende noch zugeparkt oder von einem Fahrrad verstellt? Gerade noch völlig egal, jetzt dank Kinderwagen ein mittelschwerer Skandal, mindestens aber Ausweis rückständiger Stadtplanung.

Die Suche nach einem Aufzug, der uns sicher und sauber über die Gleise am Bahnhof zum Hafen bringt: eine Farce, die erst nach langem auf- und abfahren im Lago-Einkaufszentrum und ungewolltem Versteckspiel aufgelöst wurde. Selbst das kürzlich noch als besonders sehenswerte Konstanzer Kopfsteinpflaster ist plötzlich nur noch dort besonders schön, wo es bereits ordentlich herunter getreten ist.

Dabei ging der Stress schon lange vor der Geburt los

Eine kleine Auswahl: Namensuche für Mädchen oder Junge; Baby-Erstausstattung in Kinderbasaren besorgen; Kindersitz ins zu kleine Auto einbauen; Kinderwagen nach Beratung und Studium von Test-Ergebnissen kaufen; Familie, Bekannten und Freunden erklären, dass unser Kind nicht zwangsläufig auf Pink oder Blau stehen wird; Elternzeit und Elterngeld beantragen (ja, in Deutschland sind das zwei Paar Schuhe).

Babyzeit = Mamazeit?

Wo wir schon dabei sind: Elternzeit. Die aufgezählten Hürden oder Problemchen treffen so ja Frau wie Mann in ziemlich ähnlicher Weise. Bis auf die Elternzeit eben. Da hört der Spaß beim Papa doch nach wie vor auf. Oder er beginnt erst richtig. Gesetzliche Möglichkeit seit einigen Jahren hin, statistisch wachsende Bereitschaft von Vätern für eine berufliche Auszeit her: Babyzeit ist und bleibt in Deutschland Mamazeit.

Der Vater hat für volle Teller, Windeln im Schrank und einen gefüllten Tank zu sorgen – er hat das Geld ranzuschaffen. Versorgung ja, aber eben vor allem finanzieller Art. Verbunden ist das mit dem für viele Papas wohligen Nebeneffekt, dass sie sich zeitig nach der Geburt wieder anderen Dingen als den drei Ws widmen können: Wickeln, Wiegen, Waschen.

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Was über Papas in Elternzeit gedacht wird, über Mamas aber nicht

Mir wurde es ermöglicht, dass ich nach der Geburt Zeit mit meiner Tochter verbringen kann. Weil es mir und uns als Familie wichtig ist. Und ich werde das in ihrem ersten Lebensjahr noch wiederholen, auch zwei Monate mit der Kleinen allein sein. „Ach, du nimmst so lange Elternzeit als Mann. Am Anfang gleich sechs Wochen, das ist ja toll, dass du dich auch kümmern willst.“

Es ist interessant, was hinter diesen Sätzen steckt. Sehr häufig schwingen Verwunderung und Bedenken mit, innerlich scheint der ein oder die andere nach wie vor mit dem Kopf zu schütteln über eine Papazeit: Was das wohl für die Karriere bedeuten wird? Was will er mit einem Säugling denn anfangen? Ist das nicht total eintönig und unproduktiv irgendwann? Verblüffend, dass das erstens im Jahr 2019 noch (mitunter auch laut) gedacht wird im vermeintlich zukunftsgewandten Konstanz. Und zweitens eine Mama Sätze wie diese wohl kaum zu hören bekommt.

Sollen Sie sich doch wundern, denke ich, während ich gerade mit Wichtigerem beschäftigt bin: Das rechte Beinchen baumelt vielleicht nicht ganz so, wie es für das kleine Wesen vor mir bequem ist. Und ich glaube, die Windel müsste auch bald mal wieder gewechselt werden.