Wenn Marius Vollmer aus dem Urlaub zurückkommt, spürt er erst so richtig, wie schnell sich die Kinderwelt dreht.

Tilda kennt plötzlich so viele neue Worte.

Sina ist ein paar Zentimeter gewachsen.

Mara interessiert sich für ganz neues Spielzeug.

"In dem Alter zwischen ein und drei Jahren ist es wahnsinnig, wie schnell sie sich entwickeln", sagt Marius Vollmer, während er in seinem Wohnzimmer auf dem Spielteppich sitzt und mit Sina Holzklötze stapelt.

Bild: Pfanner, Sandra

Um ihn herum liegen Kinderbücher und Hüpftiere, hinter ihm raschelt Mara durch das Spielzelt. Marius Vollmer lächelt. "Ich hätte nie gedacht, dass das mal mein Job sein wird, Tagesvater. Aber es war genau die richtige Entscheidung".

Marius Vollmer ist gelernter Koch, arbeitete am Bodensee und in den USA. Dort lernt er auch seine heutige Frau Sarah kennen. Verliebt hat sie sich damals nicht nur in ihn, sondern auch in seine Heimatstadt. Gemeinsam zogen sie deshalb zurück nach Konstanz und Sarah Vollmer fing als selbstständige Tagesmutter an zu arbeiten.

Das könnte Sie auch interessieren

"Ich kam immer von der Arbeit nach Hause, hab mitgespielt, und irgendwann festgestellt, dass mir das unheimlich Spaß macht", sagt Vollmer. "Klar ist es auch mal anstrengend. Und laut. Aber die meiste Zeit ist es lustig, bunt und aufregend. Man bekommt so viel von den Kindern zurück." Auch die Selbstständigkeit habe ihn gereizt.

"Ich sehe keinen Grund, warum man sich als Paar die Erziehung nicht teilen sollte"

Im Sommer 2017 beschließt Marius Vollmer, die Qualifikation zum Tagesvater zu machen. Als er auf dem Weg zum Kurs eine ältere Frau nach dem Weg fragt, blickt sie ihn ungläubig an. Nach dem Motto: Was will der beim Tagesmutter-Kurs?

"Früher dachte ich auch: Das Kind ist am besten bei der Mutter aufgehoben. Heute weiß ich: Es ist wichtig, auch andere Bezugspersonen zu haben", sagt Vollmer.

Hat er selbst einmal Kinder, will er ganz bewusst Erziehungsaufgaben übernehmen. "Ich sehe keinen Grund, warum man sich das nicht teilen sollte". Gerade jene Momente, in denen die Kinder einen Sprung machen, neue Dinge ausprobieren und lernen – "diese Momente gibt dir niemand zurück. Wer es als Vater kann, sollte sich die Zeit nehmen, dabei zu sein", sagt Vollmer.

Regeln ja – aber keine Anleitungen

Inzwischen hat er eine Pflegerlaubnis, wird im Herbst die Abschlussprüfung machen und will sich danach für eine Weiterbildung in der Pikler-Pädagogik anmelden. Ein Erziehungskonzept, das davon ausgeht, dass das Kind sich nach seinem eigenen Rhythmus die Welt erschließt, und sich auch ohne die aktive Hilfe und Anleitung entwickeln kann.

Für Marius Vollmer heißt das schon jetzt im Alltag: Die Kinder sollen beispielsweise versuchen, ihre Jacken selbst anzuziehen. Das Essen wird nicht gefüttert, und auf dem Spielplatz sollen sie sich erst mal selbst ausprobieren.

Regeln ja – aber keine Anleitungen.

"Mit den Kindern auf Augenhöhe zu kommunizieren ist wichtig", sagt Vollmer.

Bild: Pfanner, Sandra

"Kinder brauchen auch männliche Vorbilder"

Schon jetzt ist seine Warteliste lang. Etwa ein Jahr müssen Eltern warten, die ihr Kind bei ihm und seiner Frau Sarah betreuen lassen wollen.

Das könnte Sie auch interessieren

Dass die Vollmers als Tageseltern gemeinsam arbeiten, komme bei vielen gut an. "Kinder brauchen auch männliche Vorbilder", sagt Vollmer. Gerade in Konstanz beobachte er aber immer wieder, dass sich da langsam etwas wandelt. Es gibt mehr Erzieher, und auf dem Spielplatz sieht er auch mehr Väter. "Auch, wenn das Verhältnis noch eher 1 zu 5 ist", sagt Vollmer und lächelt.

Von seinen eigenen Eltern und Freunden bekomme er viel Zuspruch für seine neue Arbeit. "Klar gibt es auch Männer, die sich das nicht vorstellen können, als Tagesvater zu arbeiten. Aber es kommen immer wieder Freunde auf mich zu, die mich ausfragen, wie das alles so läuft."