Dingelsdorf-Oberdorf Mann mit Gesichtstattoo und einer faszinierenden Familiengeschichte: David Heinkel aus Dingelsdorf ist der Sanfte mit harter Schale und großem Herz

Samoaner, Italiener, Pole, Schwabe und Konstanzer. David Heinkel hat viele Facetten, zahlreiche Talente – und packende Anekdoten zu erzählen.

David Heinkel wirkt wie ein harter Hund. Wie ein hartgesottener Kerl. Jemand, dem man nachts nicht begegnen möchte. Das Gesichtstattoo; die großen Hunde, die auf dem Grundstück Streife laufen; die schnellen Autos vor seinem Haus in Oberdorf; die schnittigen Motorräder. Doch, David Heinkel muss ein harter Hund sein. Wie schnell tappen wir Menschen doch in diese Falle. Teure, ungewöhnliche Fortbewegungsmittel, große Haustiere, Tattoo im Gesicht – Schublade auf, hinein damit, Schublade wieder zu. Doch dieser David Heinkel möchte so ganz und gar nicht in eine Schublade passen. Er macht sich seine Welt viel lieber so, wie sie ihm gefällt. Und seine Welt ist faszinierend.

David Heinkel auf seinen Motorrädern Foto: Oliver Hanser
David Heinkel auf seinen Motorrädern Foto: Oliver Hanser

Große Hunde als Schmusekatzen

Das beginnt bei der ersten Begegnung mit Gretl und Dante. Gretl ist eine Phodalaner, Dante ein Malaklisi. Hirtenhunde. Von Eleganz und Schönheit, aber auch sehr groß und Respekt einflößend. "Meine zwei Schmusekatzen", sagt David Heinkel und herzt die beiden Vierbeiner. Denen gefällt das offenbar sehr gut, sie schmiegen sich liebevoll an ihr Herrchen. "Tiere sind etwas Wundervolles", erzählt der Zweibeiner. "Wer Tiere quält, hat kein Herz." Er unterstützt mit seinen Film-Projekten Tierschützer. Er möchte, dass wehrlose Lebewesen nicht den Launen der Menschheit ausgesetzt sind.

Tattoo als Reminiszenz an den samoanischen Großvater

Das Tattoo. Martialisch wirkt es. "Ich habe mir das stechen lassen, als klar war, dass ich mich nirgendwo mehr bewerben muss", erklärt David Heinkel und lacht herzhaft. "Nein, nein", fügt er hinzu. "Das hat einen spirituellen Hintergrund und ist eine Reminiszenz an meine Vorfahren." Der Großvater war Samoaner. In dem Pazifikstaat war das Tätowieren noch nie eine Modebewegung wie hierzulande. Während sich europäische Fußballer oder andere Halbwüchsige mit ausgefallenen Hautgemälden zuweilen verunstalten, hat des Samoaners Tätowierung einen tieferen Hintergrund. Das Wort tattaw tauchte erstmals 1769 im Reisebericht von Joseph Banks auf, der mit Captain Cook in der Südsee war. Die Menschen hier zeigen ihre kulturelle Identität gerne mit Gesichtstätowierungen, den Moko. "Mein Tattoo soll mich vor Bösem beschützen", erzählt David Heinkel. Er weiß, dass er damit auffällt. "Das ist in Ordnung", sagt er lächelnd. "Ich stehe zu dem Tattoo und die Personen, die mich kennen und mögen, ebenfalls. Das ist wichtig."

Virtuos: Obwohl er keine Noten lesen kann, spielt David Heinkel hervorragend Klavier. Beigebracht hat er sich das nach eigenen Angaben selbst. Bilder: Oliver Hanser
Virtuos: Obwohl er keine Noten lesen kann, spielt David Heinkel hervorragend Klavier. Beigebracht hat er sich das nach eigenen Angaben selbst. Bilder: Oliver Hanser

Prominente als Stammgäste

Via Russland kam der Großvater nach München, wo er ein chinesisches Restaurant mit hervorragendem Ruf besaß. Die High Society Deutschlands traf sich beim chinesischen Samoaner in der Lindwurmstraße, noch heute zeugen Fotos und Sprüche von illustren Gästen des Restaurants. Die Kessler-Zwillinge, Loriot, Seldmayer. Sie alle waren Stammgäste. "Damals war es in, schwachsinnsdeutsch zu sprechen", erzählt David Heinkel, der lebhafte Erinnerungen an seinen Großvater aus der Südsee hat.

97 Jahre wurde der alt. "Er ist einen fast schon tragi-komischen Tod gestorben", erzählt David Heinkel. "Wie üblich in der Gastronomie, hat er sehr viel getrunken. Mit seinen 97 Jahren wollte er eine Kiste Bier aus dem Keller holen und ist dabei schwer gestürzt. Im Krankenhaus ist er am trockenen Entzug gestorben." Im Wohnzimmer in Dingelsdorf-Oberdorf hängt ein großes Bild des legendären Opa aus Samoa. "Ich war noch nie in seiner Heimat", sagt der Enkel. "Bisher nicht. Ich habe große Flugangst. Aber irgendwann werde ich nach Samoa reisen." Es würde sich lohnen.

Erfinder des Düsenfliegers

Wurzeln in Samoa also. Aber auch in Italien durch die Mutter des Vaters. Und in Polen durch die Mutter der Mutter. Und, das verrät der Nachname, in Stuttgart. Heinkel. Ein legendärer Name in Deutschland. Wer im Geschichtsunterricht aufgepasst hat, dem wird irgendwann einmal dieser Name begegnet sein. Am frühen Sonntagmorgen des 27. August 1939 hebt in Rostock-Marienehe das erste Düsenflugzeug der Welt ab. Konstrukteur ist ein gewisser Ernst Heinkel aus Stuttgart, Großvater von David Heinkel. "Eine neue fliegerische Welt hat begonnen", jubiliert der damals 51 Jahre alte Unternehmer nach der sicheren Landung auf dem Werksflugplatz.

Filmemacher David Heinkel auf seinen Motorrädern Foto: Oliver Hanser
Filmemacher David HeinkelFoto: Oliver Hanser

Antreten bei Göring

Fünf Tage später beginnt der Zweite Weltkrieg. Die Nazis versuchen, den Mann für ihre Zwecke zu missbrauchen. Doch Heinkel will das böse Spiel nicht einfach so mitspielen. Er stellt jüdische Mitarbeiter ein, lässt sie am Firmensport teilnehmen, entfernt die Hakenkreuzfahne auf dem Firmengelände. Er muss bei Göring antreten, den Ariernachweis erbringen. Wegen seiner großen Nase wird er als Jude beschimpft. "Diese war jedoch schwäbisch", erzählt David Heinkel. "Er war ein großer Idealist, aber gewiss kein Nazi." Die Technikbesessenheit hat David Heinkel vom Großvater geerbt. Geld nicht. "Mein Onkel hat alles erhalten, mein Vater nichts. Damals gab es keinen Pflichtanteil", sagt er. "Und dann hat der Onkel das Vermögen durchgebracht. Alles, was ich besitze, habe ich selbst erarbeitet", berichtet er und tritt Gerüchten entgegen, er wäre in ein gemachtes Nest gesetzt worden. "Ich habe stets auf den Rat meiner Eltern gehört, jedes überschüssige Geld in Immobilien zu investieren." Mittlerweile vermietet er einige eigene Wohnungen.

Uhren als Lebensphilosophie

Seine größte Leidenschaft sind offensichtlich seine Uhren. Es klingt wie Poesie, wenn er darüber redet. "Wenn ich eine Uhr verkaufe, tut mir das ein bisschen weh", erzählt er. "Wenn sich die Unruhe dreht, dann ist es so, als habe ich etwas Lebendiges erschaffen." Dann fühle er sich wie ein kleiner Frankenstein. "Die Spirale pumpt wie ein Herz, das ist ein wunderschönes Gefühl." Sein Faible für Uhren entwickelte er vor rund 20 Jahren. Er liebte schon damals die Zeiteisen – aber er fand keines, was ihm wirklich gefiel.

Akribisch: David Heinkel veredelt mit Hingabe seine Uhren.
Akribisch: David Heinkel veredelt mit Hingabe seine Uhren.

"Also beschloss ich, meine eigenen Uhren zu bauen." Er erstand eine Firma in der Schweiz, die sich auf die Herstellung von Lagerschalen für Kurbel- und Nockenwellen spezialisierte. Ohne grosse Umstellung liessen sich dort auch die Uhrengehäuseteile herstellen "Ich hatte eigentlich keine Ahnung vom Uhrenbau. Mit Hilfe meines Cousins in Tuttlingen, der Juwelier ist, habe ich losgelegt", erklärt er seine Anfänge. Heinkel Chrono-Uhren klappert nicht, die Unruhe schwingt leicht mit. Das hat etwas von klassischer Musik, vereint mit Swing. "Mein Großvater wollte immer das beste und schönste Flugzeug. Ich will immer die beste und stabilste Uhr." Heute gehen Heinkel-Uhren auch schon mal für über 100000 Euro über den Ladentisch. Es ist faszinierend, den Mann beim Veredeln seiner Werke zu beobachten; wie er eine Schraube, kaum größer als ein Staubkorn, mit Akribie und Hingabe an der richtigen Stelle positioniert. Gretl und Dante immer an seiner Seite.

Ein Uhrengehäuse wird entgratet Foto: Oliver Hanser
Ein Uhrengehäuse wird entgratet Foto: Oliver Hanser

Am Ende des Gesprächs setzt sich David Henkel ans Klavier. "Ich kann keine Noten lesen", sagt er und spielt virtuos. "Selbst beigebracht." Seine Lebenspartnerin lächelt. Kinder haben die beiden nicht. "Ich fühle mich nicht reif genug, um Kinder in diese Welt zu setzen", erzählt David Heinkel. Damit meint er die Welt da draußen, die zuweilen böse Dinge parat hat. Seine eigene hingegen – die ist wirklich faszinierend.

Heinkel Chrono

Das Material der HE-111 Uhren stammt aus einer Maschine, die 1940 über Großbritannien angeschossen wurde. Trotz schwerwiegender Schäden und schwerer Schussverletzungen des Piloten Moldenhauer schaffte es die Crew, den über 400 Kilometer entfernten Heimatflughafen anzufliegen. Später erhielten die Überlebenden der Crew zur Erinnerung Teile aus dieser HE-111. Der Rest verblieb in den Heinkel-Werken. Und ein Stückchen dieser Legende lebt heute in Heinkel-Chrono-Uhren.

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