Konstanz Mangelware bezahlbarer Wohnraum: Ein Betroffener berichtet von seiner Suche nach einer Unterkunft in Konstanz

Der Bedarf an Sozialwohnungen ist in Konstanz nach wie vor hoch. Klaus Krischel erzählt, wie schwer es ist, eine bezahlbare Wohnung zu finden.

Klaus Krischel hat nicht mehr viel Zeit. Fünf Monate noch, dann muss er aus seiner Wohnung in der Brückengasse ausziehen. Wegen einer Eigenbedarfskündigung. Die Hiobs-Botschaft für viele Mieter. Wer auf den angespannten Wohnungsmarkt in Konstanz geworfen wird, hat es schwer. Für Menschen wie Klaus Krischel ist es noch ein bisschen schwerer.

Denn die Liste, auf der die Bewerber für eine Sozialwohnung stehen, ist lang. 2864 Namen stehen dort. Davon sind allein rund 250 Notfälle, zum Beispiel schwangere Frauen oder Kranke. Die könnten gut versorgt werden, sagt Hans-Joachim Lehmann, Sprecher der Geschäftsführung der städtischen Wohnungsbaugesellschaft (Wobak). Aus dem laufenden Geschäft vermittelt die Wobak außerdem 250 bis 300 Wohnungen pro Jahr, mehrere Projekte sind im Bau. Trotzdem: Die Zahl derer, denen eine Sozialwohnung vermittelt werden kann, hat sich kaum verändert. 2014 waren es zum Stichtag 31. Dezember 2726 Menschen.

Klaus Krischel steht irgendwo hinten. Und ist sauer. Auf die Politik, die immer von sozialem Wohnungsbau spricht, ihm aber keine Unterkunft vermitteln kann. Zumindest hat er bisher nur vorläufige Absagen bekommen – auch von anderen wie der Baugenossenschaft Hegau, bei er sich für eine 35 Quadratmeter- Wohnung in Singen beworben hatte, die 320 Euro warm gekostet hätte. Krischel sieht sich schon längst außerhalb von Konstanz, im Hegau, auf der anderen Seeseite, in anderen Bundesländern um. Die Antwort sei immer dieselbe: "Leider können wir sie nicht berücksichtigen. Wir wünschen Ihnen viel Erfolg bei der weiteren Suche."

Die Begründung auch: "Wir vermieten nicht mit einer negativen Schufa-Auskunft." Mit der Geschichte dazu geht Krischel offen um: Mit 16 fängt er als Automechaniker an zu arbeiten, dient vier Jahre als U-Boot-Maschinist bei der Bundeswehr, macht später eine Umschulung zum Erzieher und betreut Kinder mit Behinderung. 2011 wird ihm gekündigt, weil er Probleme mit seiner Chefin hatte, erklärt er. Trotz eines Stapels an Bewerbungen findet er keine neue Stelle im sozialen Bereich und beschließt, sich mit einem veganen mobilen Imbiss selbstständig zu machen. Bis er 2013, mit 47 Jahren, einen Schlaganfall hat und frühberentet wird. Krischel ist zu 30 Prozent schwerbehindert, hat Gleichgewichts – und Wortfindungsstörungen. 2015 meldet er Privatinsolvenz an. "So ging es bergab", erzählt Krischel und zeigt die Unterlagen. "Dass ich jetzt noch die Wohnung verliere, ist die Krönung."

Auf dem freien Wohnungsmarkt hat er kaum eine Chance, etwas zu bekommen. Jeder verlange inzwischen vorab die Unterlagen inklusive Schufa-Auskunft, bevor man sich überhaupt vorstellen kann. "Danach melden die sich nie wieder." Hans-Joachim Lehmann von der Wobak sieht in der Privatinsolvenz "eigentlich kein Problem". Krischel erhält eine monatliche Rente, der Rest für den Lebensunterhalt wird aufgestockt. "Wäre das ein Problem, wären wir an unserem sozialen Auftrag ja komplett vorbei", sagt Lehmann. Der Wohnungsbestand werde in vier Teams verwaltet, die alle wissen, "dass hinter jedem Fall ein persönliches Schicksal steckt". Lehmann weiß aber auch: "Es kann mehrere Jahre dauern, bis man in dem Punktesystem nach oben rutscht."

Klaus Krischel ist einer von vielen in Konstanz, die immer näher an die akute Notlage rücken. Ein Problem, auf das kürzlich auch Jürgen Geiger von der Linken Liste aufmerksam machte. Er verweist darauf, dass es zwar neue Projekte zur Behebung des Problems gebe – diese aber bei Weitem nicht ausreichten. Er fordert: Die Aufgabe der Stadt und ihrer Wohnungsbaugesellschaft müsste es sein, den Fokus ihrer Baupolitik weit mehr als bisher auf den unteren und untersten Einkommenssektor auszurichten. Die Linke Liste wolle sich in der anstehenden Haushaltsdebatte dafür stark machen.

Projekt Wohnraumakquise

  • Die Idee: Um für Menschen, die in prekären Verhältnissen wohnen oder von Wohnraumverlust bedroht sind, zusätzliche Quartiere zu finden, hat das Sozial- und Jugendamt im Jahr 2014 das Projekt Wohnraum-Akquise gestartet. Dafür wurde ein Etat von 40 000 Euro für Sanierungszuschüsse und Mietausfallgarantien geschaffen – als Entgegenkommen an die Eigentümer, die ein leer stehendes Objekt wieder auf den Wohnungsmarkt bringen.
  • Der Ertrag: Seit November 2015 konnten drei neue Projekte umgesetzt werden, weitere Anfragen seien noch in der Klärung, berichtet Alfred Kaufmann, Leiter des Sozial- und Jugendamtes. Die Anzahl der Anfragen sei in der Regel höher; aus unterschiedlichen Gründen komme jedoch nicht jedes Objekt zum Abschluss. "Gründe dafür können zum Beispiel überhöhte Vorstellungen bezüglich Miete oder Renovierungs-Zuschüssen sein oder es kann keine Einigung hinsichtlich der Belegung der Wohnung herbeigeführt werden. Oft werden auch derart marode Gebäude oder Wohnungen angeboten, welche eher Fragen bezüglich Sanierung als Renovierung auslösen, welche das Budget bei weitem überschreiten." Vermittelt wurden bisher in erster Linie Familien und Alleinerziehende. Das Projekt wird als Ergänzung zum bestehenden Hilfesystem gesehen, welches sicherlich nicht die Wohnraum-Problematik in Konstanz lösen kann, jedoch für einzelne Betroffene eine Befriedung der Notlage ermöglicht.

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