Herr Köhne, Herr Schlegel, beim Bootsunfall kürzlich auf dem Gnadensee hatten die Feuerwehren Allensbach und Reichenau beide einen größeren Einsatz. Was waren die Aufgaben?

Schlegel: Unsere Aufgabe war es, den Landeplatz für die zwei Rettungshubschrauber einzurichten und abzuwickeln. Und bei der Rettung der Verletzten zu helfen, sie aus dem Boot zu holen und über den Steg zu den Sanitätern zu bringen. Dann haben wir noch den Parkplatz am Jachthafen gesperrt, damit keine anderen Fahrzeuge reinfahren und die Hilfsorganisationen ohne Probleme an- und abfahren konnten. Und wir mussten die Ausrüstung der Taucher vom Klostergarten bis zum Jachthafen tragen. Die waren ganz schön schwer.

Köhne: Wir sollten auch den Hubschrauberlandeplatz sicher stellen. Allensbach hatte dann auch keine weiteren Aufgaben, weil alle Verletzten auf der Reichenau an Land geholt wurden. Den Rest hat die DLRG gemacht.

Gab es Neugierige, die den Feuerwehrleuten oder anderen Rettungskräften im Weg standen und den Einsatz erschwerten?

Schlegel: Es gab tatsächlich Leute, die da gestanden sind, aber in gebührendem Abstand. Die Hilfskräfte sind nicht behindert worden. Es war gut, dass es nicht am Weinfest war, sonst hätte man alles über Allensbach abwickeln müssen. Das wäre schwierig geworden.

Köhne: Die ganzen Rettungskräfte waren beim Bootsanlegeplatz Baumann. Und die Lände war voll von Besuchern und Touristen. Teilweise lagen sie auf der Wiese oder haben gebadet. Direkt behindert geworden sind wir nicht, außer dass die Leute etwas schwergängig den Platz für den Hubschrauber verlassen haben. Man hat sie aufgefordert und musste halt ein bisschen direkt werden. Als der Hubschrauber kam, ist es schneller gegangen. Und es wurden Videos gemacht, wie der Hubschrauber landet und startet. Das ist klar, das ist Attraktion pur.

Das Problem mit Schaulustigen und Gaffern bei Unfällen, Bränden und anderen Rettungseinsätzen wurde jüngst in der Landesregierung thematisiert. Gibt es das Problem auch hier in den kleineren Gemeinden?

Köhne: Bei Bränden gibt's natürlich Schaulustige, aber die halten Abstand. Wir werden nicht behindert, sondern beobachtet. Wenn der Einsatz zu Ende ist, werden die Feuerwehrleute befragt, was passiert ist. Aber das ist okay, da hatten wir bisher keine größeren Schwierigkeiten. Bei Verkehrsunfällen ist die Situation meistens etwas anders. Wir haben ja leider schlimme Einsätze auf der B 33. Da ist es immer dasselbe Spiel. Die ganze Situation wird gefilmt von vielen Menschen, auch unsere Arbeit. Das ist insofern eine Behinderung, weil wir so schnell wie möglich Sichtschutzwände aufbauen müssen, die Persönlichkeitsrechte der Verletzten müssen gewahrt werden. Aber das ist personalraubend. Hin und wieder kommt es vor, dass die so penetrant sind und ganz nach vorn drängen, dass man sie zurückschieben muss. Das ist manchmal sehr anstrengend. Es sind meistens diejenigen, die um den Unfall herum zum Stehen kamen. Es ist schon schwierig, wenn ein Schwerverletzter gefilmt wird und 20 Minuten später ist es in irgendwelchen Netzwerken. Das ist auch Gedankenlosigkeit und Gleichgültigkeit. Ob die Leute das selber auch wollten, stelle ich mal in Frage. Ein Problem gibt es zudem bei der Anfahrt zur Unfallstelle, wenn Stau ist und manche wenden und den Weg versperren.

Schlegel: Auch auf der Reichenau gibt es natürlich immer welche, die angezogen werden, wenn die Feuerwehr kommt. Aber mir ist nicht in Erinnerung, dass wir behindert wurden, dass es störend war. Man kennt natürlich die Zuschauer und wird gefragt, was passiert ist. Es gibt Einsätze, da ist es für den Betrachter nicht so ersichtlich. Dann muss man als Feuerwehrmann selber weit genug wegstehen.

Was könnte der Gesetzgeber gegen Gaffer tun oder wie könnte man sonst dagegen vorgehen?

Schlegel: In erster Linie ist es eine Aufgabe der Polizei, solche Leute auf die Seite zu schaffen. Klar, wir von der Feuerwehr müssen uns auch wehren und Platz schaffen. Es ist immer auch eine Frage, wie viele Einsatzkräfte vor Ort sind. Aber es liegt in der Natur der Menschen, dass er neugierig ist, wissen will, was los ist.

Köhne: Klar ist es Aufgabe der Polizei, Freiräume zu schaffen, aber für die ist das auch schwierig, die haben auch andere Aufgaben. Es gibt ja Strafen genug, die ich aber sehr milde finde – gerade für das Filmen oder Behinderungen im Einsatz. Die Gesetze sollten verschärft und sie sollten dann auch umgesetzt werden. Es geht nur über den Geldbeutel. Aber ich denke, es ist sehr schwierig. Das gibt es ja in ganz Deutschland. Bei der Masse von Filmen ist es schwer, dem Herr zu werden.

Schlegel: In Städten sind die Hilfskräfte eher machtlos gegen die Massen. In den Dörfern ist es weniger ein Problem.

Köhne: In Allensbach und Reichenau sind wir noch im grünen Bereich, man kann mit den Leuten reden. Auf der B 33 sind viele Fremde da, die sind etwas beratungsresistent.

Eine andere gefährliche Unsitte vor allem auf der Reichenau ist das Anzünden von Schilf. Wie ist da die Entwicklung, Herr Schlegel?

Schlegel: Es schwankt von Jahr zu Jahr. Dieses Jahr hatten wir wieder ein paar mehr als im Vorjahr. Die Tendenz ist aber rückläufig. Und die Qualität der Schilfbrände ist schlechter. Früher waren das wohl Leute, die mehr Ahnung hatten, wie man's anzünden muss. Heute sind es vielleicht eher Nachahmer, die das lustig finden. Aber das ist nicht lustig, das kann schwere Folgen haben. Knickt ein Feuerwehrmann um und bricht sich was, kann das auch existenzielle Folgen haben, wenn er lange ausfällt. Wir haben viele Selbstständige in der Feuerwehr.

Denken Sie, dass die Zahl der Unfälle auf der B 33 durch den vierspurigen Ausbau geringer wird? Die neue Kindlebildbrücke erscheint manchen Verkehrsteilnehmern und der Gemeinde Reichenau ja eher problematisch.

Schlegel: Gerade auf der Brücke gibt es Kreuzungsverkehr, der von der Bevölkerung kritisch gesehen wird. Das Ein- und Abbiegen ist durch die Kuppenwirkung nicht ganz so übersichtlich. Da wird sicher noch der eine oder andere Unfall folgen. Rechtlich ist es alles richtig, aber nicht praktisch. Besonders kritisch ist es beim Abbiegen Richtung Radolfzell und wenn man von Konstanz kommt und Richtung Reichenau will.

Köhne: Das ist schwer zu sagen. Wir haben jetzt Begegnungsverkehr auf der B 33. Von daher ist die Zahl der schweren Verkehrsunfälle hoch wegen des frontalen Aufpralls. Aber es bleibt abzuwarten, ob die Unfallzahlen zurückgehen. Wenn man sich die A 81 zwischen Singen und Engen anschaut, wie viele Verkehrsunfälle es da gibt, wird die Zahl der Unfälle auf der B 33 wohl gleich bleiben. Ob die dann weniger schwer sind, kann ich nicht einschätzen.

Schlegel: Ein hohes Verkehrsaufkommen ist da, und da passieren halt Unfälle.

Köhne: Zum hohen Verkehrsaufkommen kommen die vielen Lkws – auch ausländische, die meistens technisch mangelhaft sind, worauf manche Unfälle zurückzuführen sind zum Beispiel wenn ein Reifen platzt oder Bremsen versagen.

Schlegel: Eigentlich sollten sich die Unfälle dort konzentrieren, wo Kreuzungspunkte sind. Sonst auf normaler, gerader Straße dürfte nichts passieren.

Wie gut sehen Sie die örtlichen Feuerwehren aufgestellt?

Schlegel: Ausreichend.

Köhne: Note vier würde ich auch sagen. Es kann immer noch besser werden.

Kann es in den Ferienzeiten urlaubsbedingt personelle Engpässe geben und können sich die beiden Feuerwehren gegenseitig unterstützen?

Köhne: Ferienzeit ist ein Thema, das andere ist die Tagesverfügbarkeit. Das ist in den Ferien noch mal verschärft, da sind noch weniger Leute vor Ort. Das Thema Tagesverfügbarkeit ist in Allensbach noch nicht ganz so schlimm, aber viele arbeiten in Konstanz, Radolfzell oder der Schweiz. Wir sind noch ganz gut aufgestellt, aber die Tendenz, dass es weniger werden, ist da. Wir sind daran, neue Mitglieder zu suchen, die in Allensbach arbeiten – auch aus anderen Orten und Wehren -, damit wir auch tagsüber genug Personal haben. Gott sei dank sind tagsüber nicht so viele Einsätze. Die Feuerwehren Allensbach und Reichenau haben eine gute Freundschaft, wir unterstützen uns. Wir haben dieses Jahr mal eine gemeinsame Probe gemacht auf der Reichenau und wollen das auch weiterführen. Selbstverständlich helfen wir uns gelegentlich auch aus. Wir können die Sicherheit noch gewährleisten.

Schlegel: Bei uns ist es anders. Die Struktur der Insel hat den Vorteil, dass wir viele haben, die sehr unterschiedlich Urlaub machen – Handwerker und Gärtner. Was mir mehr Sorge macht, ist wenn die Bürgermusik, Bürgerwehr und der Spielmannszug zu einem Treffen der Bürgerwehren gehen. Da sind viele Feuerwehrkameraden dabei. Und genauso Fasnacht, wenn Narrenumzüge sind. Da sind viele als Hästräger und Zuschauer. Bei einem Einsatz müssen wir relativ zügig zwei Löschgruppen voll bringen; und die erste Führungskraft, die da ist, muss einschätzen, ob diese Mannschaft ausreicht oder ob man Hilfe anfordern muss. Da helfen sich die Feuerwehren gegenseitig. In Konstanz waren wir schon mehrmals – beim Schwaketenbad oder dem Altstadtbrand. Und die Konstanzer waren auch schon bei uns.

Köhne: Das ist in Allensbach das Gleiche. Wir waren in Konstanz und die waren schon bei uns.

Schlegel: Wir und die Allensbacher helfen uns eher im planbaren Bereich aus – zum Beispiel Straßendienst bei Veranstaltungen.

Köhne: Wir müssen aber auch schauen, dass die Sicherheit vor Ort gewahrt bleibt, können nicht die ganze Feuerwehr schicken.

Schlegel: Ich denke, die Erstmaßnahmen schafft jede Feuerwehr selbst. Aber wenn es längere Einsätze sind, gehen zum Beispiel recht schnell die Atemschutzgeräteträger zur Neige. Da braucht man auf jeden Fall Hilfe.

Wo sehen Sie aktuell Verbesserungsbedarf, um den Feuerwehren die Arbeit zu erleichtern und damit den Bürgern den bestmöglichen Schutz zu bieten?

Köhne (lacht): Mehr Personal! Die Bürger können sich vielleicht Gedanken machen, dass die Sicherheit sich deutlich erhöht, wenn sie selbst in die Feuerwehr gehen. Das können auch Leute über 25 Jahre sein. Ich war ja selbst Quereinsteiger.

Schlegel: Was uns sehr geholfen hat, sind die Rauchmelder in Wohnungen. Der Brand wird viel früher entdeckt und die Ereignisse sind dann nicht mehr so schwer wiegend.

Köhne: Das hat sicher schon einige Leben gerettet, weil die Leute wach geworden sind und das Haus verlassen konnten.

Schlegel: Ein Problem ist: Es gibt viele Gesetze und Vorschriften, die von den kleinen Feuerwehren ebenso umgesetzt werden müssen wie von einer Berufsfeuerwehr, aber im Ehrenamt ist das eben viel schwieriger.

Köhne: Genau, so ist es.

Fragen: Thomas Zoch

Zu den Personen

  • Hans-Christoph Köhne ist 47 Jahre alt und Physiotherapeut. Seit 20 Jahren ist er bei der Feuerwehr, seit gut fünf Jahren Kommandant der Freiwilligen Feuerwehr Allensbach, zu der auch die Abteilungen Hegne, Kaltbrunn und Langenain-Freudental gehören. Köhne war zudem 15 Jahre lang Gemeinderat für die CDU. Die Allensbacher Feuerwehr hat 129 Aktive, davon sind acht Frauen. Die Jugendfeuerwehr hat rund 15 Mitglieder.
  • Andreas Schlegel, 52, ist gelernter Schreiner und arbeitet als Sachbearbeiter im Ortsbauamt der Gemeinde Reichenau. Er ist seit 34 Jahren aktiv in der Reichenauer Freiwilligen Feuerwehr und seit 14 Jahren deren Kommandant. Zudem ist Schlegel Bezirksvorsitzender des Bodensee-Hegau-Chorverbands. 16 Jahre lang, davon sechs als erster Vorsitzender, war er ferner im Vorstand des Reichenauer Männergesangvereins Badenia. Die örtliche Feuerwehr hat aktuell 64 Aktive, davon drei Frauen. In der Jugendfeuerwehr sind zirka 15 Jugendliche. )