Ihre erste Begegnung mit Tarot-Karten hatte Ruth Ragna Axen in der sechsten Klasse bei einem Frankreich-Austausch. In ihrer Gastfamilie war sie recht unglücklich, mit den Kindern hatte sie wenig zu tun. Doch dann kam Besuch – mit Tarot-Karten. "Tarot ist erst einmal ein Kartenspiel wie Skat auch", sagt Axen. Das habe sie dann mit den anderen Kindern gespielt.

Zurück in Deutschland wollte sie die französischen Tarot-Karten haben, doch diese gab es hier nicht zu kaufen. Mit Schere, Papier und bunten Stiften bewaffnet, bastelte sie sich daraufhin mit einer Freundin eigene Tarot-Karten.

Erst im Alter von 16 Jahren folgte ihre zweite Berührung mit den Karten. Ihre Mutter sei zu diesem Zeitpunkt in einer Midlife-Crisis gewesen, erzählt sie. Dementsprechend habe sie viele Dinge ausprobiert, um sich neu zu entdecken. "Irgendwann", erinnert sich Axen, "kam sie dann mit Tarot-Karten nach Hause."

Beim Betrachten der Darstellungen auf den Karten war die Faszination bei ihr sofort wieder geweckt. "Wie ein Märchenbuch, das über die Bilder in die Geschichte zieht", beschreibt die heute 43-Jährige die Begegnung mit den Bildern des Tarot. Erst habe sie die Karten heimlich benutzt, sich dann irgendwann aber auch eigene Karten gekauft.

Von der Tierärztin zur Tarot-Legerin

Tarot ist ein Satz von insgesamt 78 Karten, der zu psychologischen Zwecken eingesetzt werden kann. Jede der Karten hat eine bestimmte Bedeutung. Der Wagen beispielsweise steht für den Aufbruch und die Entfaltung der Persönlichkeit. Der Turm steht für den Durchbruch und die Befreiung aus Gedanken, in denen der Mensch gefangen ist.

Bild: Wetschera, Wiebke

Seit sie ihre ersten Tarot-Karten gekauft hat, hat Axen diese nicht mehr aus der Hand gelegt. Tarot war immer ein Teil ihres Lebens. Beruflich arbeitete sie als Tierärztin. Das bedeutete viel Arbeit – zu viel. 2011 kam der Burn-out. Axen kündigte ihren Job. Ein Wendepunkt in ihrem Leben. Das folgende freie Jahr nutzte sie, um sich "wieder auf Vordermann zu bringen". Es ging für einen Urlaub nach Thailand. Immer mit dabei: die Tarot-Karten.

Tarot als "Verkehrsfunk des Lebens"

Schon 2008 hatte sie ihre erste Tarot-Ausbildung absolviert, 2012 folgte dann eine zweite. Nach ihrer Auszeit hat sie sich der Bewusstseinsarbeit vollständig zugewandt. Heute lebt sie von ihrer Tarot-Arbeit, Massagen und Meditationen.

Eins sagt Axen ganz klar: Die Karten alleine können nicht helfen. Sie dienen lediglich als Werkzeug. Damit soll ein Zugang zum Unbewussten geschaffen werden. Sie vergleicht Tarot mit einem Verkehrsfunk, der über Dinge informiert, die außerhalb des Sichtbaren liegen. Es gibt einen Stau auf der Straße, auf der ich unterwegs bin. Der Grund ist eine Vollsperrung. "Dann habe ich verschiedene Möglichkeiten", sagt Axen. "Entweder ich umfahre die Sperrung, oder ich besuche jemanden, der in der Nähe wohnt. Tarot gibt mir die Freiheit, zu entscheiden, was ich mache."

Möglicherweise bleibt ein Autofahrer auch einfach stehen und wartet den Stau ab. "Dann versuche ich, das so genussvoll wie möglich zu machen" – mit einem Anruf oder Hörbuch beispielsweise.

Die Suche nach Bestätigung

Menschen kämen aus ganz unterschiedlichen Gründen zu ihr. "Am Anfang kamen die Leute nur wegen der Liebe", erinnert sie sich. "Heute geht es viel mehr um Sinnfragen." Die Frage, ob die Beziehung mit dem neuen Partner hält, kann sie nicht beantworten. Sie arbeitet anders. Kein Blick in die Zukunft, sondern die Analyse der Gegenwart. "Wenn ich heute Karotten säe, dann kann ich sie nächstes Jahr ernten" – wolle jemand aber eine Veränderung, im nächsten Jahr lieber Kartoffeln haben, dann müsse dafür jetzt etwas getan werden. "Die meisten wollen Bestätigung, dass sie so weitermachen können wie bisher und alles gut wird."

Meist sollen die Tarot-Karten in Neufindungsphasen, einer Midlife-Crisis oder einer Zeit zwischen zwei Lebensphasen helfen. Einige kämen zu ihr, weil sie sich zwischen verschiedenen Jobangeboten entscheiden müssen. "Sie haben die Situation schon analysiert, aber befinden sich jetzt in einer Sackgasse." Mit Tarot will Axen "eine Brücke zwischen dem Bewussten und dem Unbewussten schaffen". So soll den Hilfesuchenden eine Unterstützung in Lebensfragen geboten werden.

Für eine berufliche Entscheidung kann eine Tarot-Legung beispielsweise drei Möglichkeiten für das Handeln ergeben: Entweder der alte Job soll behalten werden, der neue in einer anderen Stadt ist einen Versuch wert oder aber eine berufliche Veränderung innerhalb des Unternehmens kommt in Frage. Für viele sei die Legung "die Erlaubnis, dass sie ihrem Herzen folgen können."

Der Weg zu eigenen Entscheidungen

Viele kämen einmal im Jahr zur Jahreslegung, andere jedes Vierteljahr zum sogenannten Check-up. Die meisten allerdings in Notsituationen – "wenn es brennt." Sie suchen bewusst Hilfe bei Axen, weil sie nicht mehr weiter wissen. In einem Ehrenkodex, den jedes Mitglied im Tarot-Verband unterschreibt, ist die Arbeitsweise festgehalten.

Dem Kodex zufolge werden keine Heilversprechen gegeben, auch eine Manipulation der Hilfesuchenden käme nicht in Frage. Sie gebe lediglich Unterstützung, so Axen: "Bei mir müssen sie selber arbeiten." Das sei manchmal hilfreicher als der Rat von engen Freunden. Denn Freunde seien alle durch eigene Meinungen beeinflusst und würden daraufhin Ratschläge geben. Bei der Tarot-Legung hingegen geht es darum, dass mithilfe der Karten eine ganz eigene Entscheidung getroffen wird. "Tarot hilft, die Eigenverantwortlichkeit zu steigern", sagt Axen. Die Erkenntnisse aus dem Tarot müssen dann in den Alltag umgesetzt werden.

Ob es wirklich hilft? Viele Menschen sagen: ja

Ob die Tarot-Beratung im Einzelfall wirklich hilft, lässt sich nicht sagen. Doch viele Menschen vertrauen darauf. Deshalb lassen sie sich von Axen die Karten legen. Andere hingegen stehen dem Tarot skeptisch gegenüber. Auf Messen habe sie erlebt, dass Leute einen großen Bogen um den Stand machen. Sie schauen lieber aus der Ferne. "Die Leute sind neugierig, aber es gibt eine gewisse Zurückhaltung." Die einen halten die Tarot-Legung weiter für unwirksam. Andere packt die Faszination – so wie Ruth Ragna Axen, als sie vor vielen Jahren das erste Kartenspiel in der Hand hielt.