Wohnungsknappheit, hohe Preise, demografischer Wandel, Vereinsamung – es gibt viele Gründe, warum sich Menschen für gemeinschaftliches Wohnen interessieren. Bei der langen Nacht zu diesem Thema im Treffpunkt Petershausen, zu der der Verein Wohnwerkstatt Leben und Teilen eingeladen hatte, wurde die Bandbreite deutlich: Vom gemeinsamen Eigentum bis Wohnen als Kommune, vom Zehn-Frauenhaus bis zum neuen Stadtquartier ist vieles möglich.

Vom kleinen Haus bis zum riesigen Komplex

Gemeinschaftliches Wohnen sei keine Utopie, weiß Günther Schäfer von der Wohnwerkstatt. Über die Möglichkeiten flexibler Gemeinschaft- und Wohnformen zu informieren, war das Ziel des Abends. Denn: "Es gibt viele Projekte, die seit Jahrzehnten erfolgreich sind", sagt Schäfer. Deutschlandweit rund 130 realisiert hat das Mietshäuser Syndikat.

„Das Syndikat entzieht dem Markt Immobilien als Spekulationsobjekt und hat die rechtlichen Strukturen geschaffen, damit Mietwohnraum kollektiviert werden kann“, sagt Timon Haidlinger, Berater des Mietshäuser Syndikats aus Tübingen. Dort unterstützte die Stadt aktiv die Syndikatsprojekte, zumal der Bedarf an derartigen Wohnformen steige. Vom Drei- bis Fünf-Familienwohnhaus bis zum Komplex mit rund 300 Bewohnern reichten die Projekte.

Inzwischen ist die Stadt offener

In Konstanz hat das Syndikat auch dem ersten Projekt "Wohnen im Blick" zum Erfolg verholfen. „Wir waren drei Freundinnen, die nicht alleine leben wollten“, erinnert sich Tonie Haidlinger. Sie haben den Verein Aufwind gegründet, um bei der Stadt vorstellig zu werden.

„Gerne hätten wir etwas mit der Wobak, der Spitalstiftung oder dem Spar- und Bauverein gemacht, die haben uns aber alle abblitzen lassen“, blickt Haidlinger auf den Beginn vor 14 Jahren zurück. Mittlerweile habe sich aber einiges geändert. Aufwind habe jetzt das Glück, gemeinsam mit der Wobak ein Projekt zu realisieren. Trotz aller anfänglichen Hürden ohne Unterstützung der Stadt haben die Frauen im Stadtteil Paradies gebaut.

Das Interesse an alternativen Wohnformen ist groß, wie sich bei der langen Nacht des gemeinschaftlichen Wohnens, organisiert vom Verein Wohnwerkstatt Leben und Teilen, im Treffpunkt Petershausen zeigte. Bild: Aurelia Scherrer
Das Interesse an alternativen Wohnformen ist groß, wie sich bei der langen Nacht des gemeinschaftlichen Wohnens, organisiert vom Verein Wohnwerkstatt Leben und Teilen, im Treffpunkt Petershausen zeigte. Bild: Aurelia Scherrer

„Das Bauen ist anstrengend, das Leben im Haus noch anstrengender“, bekennt Tonie Maier. „Gruppendynamisch war es schwierig, denn unterschiedliche Lebensstile sind aufeinandergeprallt", ergänzt sie. Eigentlich hatten die zehn Damen vor, gemeinsam alt zu werden. Aber es folgten Auszüge, die Wohnung musste aus finanziellen Gründen dringend nachvermietet werden.

Dann die Wende: Eine 35-jährige Frau zog vorübergehend mit ihrem Sohn ein. „Nach vier Monaten wollte sie Gesellschafterin werden“, sagt Maier und ergänzt: „Das war der Beginn der Entwicklung zum Mehrgenerationen-Wohnen. Mit jungen Leuten ist einiges mehr möglich.“

Toleranz und Bescheidenheit – ohne geht es nicht

Jeder Interessent sollte sich aber vorab hinterfragen, ob er tolerant genug ist, sich auf eine derartige Wohnform einzulassen. „Bei 300 Leuten finde ich lässig zehn, mit denen ich etwas gemeinsam mache. Bei zehn Leuten ist halt die Auswahl kleiner“, meint Tonie Maier. Neben Toleranz sei aber auch Bescheidenheit wesentlich, sagt Architekt Achim Achatz vom Projekt Lebenswert in Singen.

Die Singener denken in großen Dimensionen und wollen ein ganzes Quartier entwickeln, „um ein Abbild der Gesellschaft darzustellen“, so Achatz. Gemeinderat, Vertreter aller Institutionen sowie der Wirtschaft hätten sich mit Lebenswert Singen an einen Tisch gesetzt. Konkrete Ideen liegen nun vor: Ein großes Atriumhaus mit nur einem Eingang und einem Aufzug für 150 Bewohner. Aufgrund dieses Zugangs sei ein Treffen unausweichlich. Gemeinschaftsräume und -aktivitäten forcierten das Kennenlernen.

So unterschiedlich die Wohnformen auch sein mögen – die drei Protagonisten sind sich einig über die Worte von Timo Haidlinger vom Mietshäuser Syndikat: „Wenn Sie den Eindruck haben, mit anderen Leuten was reißen zu können, dann tun sie es."

Das sagen Konstanzer zu diesem Thema

"Wir werden älter und wohnen in einem Reihenhäuschen mit drei Stockwerken. Neue Wohnformen finde ich interessant, weil man mehr gemeinsam macht, jeder seine Stärken einbringen und man sich ergänzen kann." Ingrid Schneider Bild: Aurelia Scherrer
"Wir werden älter und wohnen in einem Reihenhäuschen mit drei Stockwerken. Neue Wohnformen finde ich interessant, weil man mehr gemeinsam macht, jeder seine Stärken einbringen und man sich ergänzen kann", erklärt Ingrid Schneider. | Bild: Aurelia Scherrer
"Es ist notwendig, sich zu beschränken und individuelle Wohnflächen und Angebote zu schaffen, die den veränderten Lebensumständen Rechnung tragen." Günther Schäfer .Bild: Aurelia Scherrer
"Es ist notwendig, sich zu beschränken und individuelle Wohnflächen und Angebote zu schaffen, die den veränderten Lebensumständen Rechnung tragen", findet Günther Schäfer. | Bild: Aurelia Scherrer
"Es geht um Lebensraum und nicht nur um die Unterbringung von Menschen. Raus aus der Anonymität zu gegenseitiger Achtsamkeit und Hilfestellung. Dass du vermisst wirst, wenn man dich drei Tage nicht gesehen hat." Wolfgang Tambornino Bild: Aurelia Scherrer
"Es geht um Lebensraum und nicht nur um die Unterbringung von Menschen. Raus aus der Anonymität zu gegenseitiger Achtsamkeit und Hilfestellung. Dass du vermisst wirst, wenn man dich drei Tage nicht gesehen hat", sagt Wolfgang Tambornino. | Bild: Aurelia Scherrer
"Ich wohne in einer WG. Wir sind alle im gleichen Alter; da fehlt mir das Bereichernde. Der Mensch braucht den Austausch – gerade zischen Jung und Alt. Man kann voneinander lernen und jeder kann dem anderen etwas mitgeben." Oliver Weickert Bild: Aurelia Scherrer
"Ich wohne in einer WG. Wir sind alle im gleichen Alter; da fehlt mir das Bereichernde. Der Mensch braucht den Austausch – gerade zwischen Jung und Alt. Man kann voneinander lernen und jeder kann dem anderen etwas mitgeben", meint Oliver Weickert. | Bild: Aurelia Scherrer

Baugebiet Brühläcker

Die Stadt weist im Rahmen des Handlungsprogramms Wohnen bei Neubaugebieten Flächen für Baugemeinschaften aus. Erstes Projekt ist das Neubaugebiet Brühläcker in Dettingen. Interessierte Baugemeinschaften können sich auf www.konstanz.de/baugemeinschaften informieren oder sich über den städtischen Newsletter auf dem Laufenden halten.