Herr Lehmann, laut einer Studie der Uni Konstanz fühlen sich viele Gemeinschaftsschullehrer überfordert. Was läuft da falsch?

Die jungen Lehrerinnen und Lehrer, die heute ihr Referendariat absolvieren, sind sehr gut vorbereitet. Sie bringen bereits das pädagogische Handwerkszeug mit, das sie an der Gemeinschaftsschule benötigen. Natürlich ist es aber immer eine große Herausforderung, direkt nach der Ausbildung mit einem vollständigen Unterrichtsdeputat einsteigen zu müssen. Das ist mit viel, viel Arbeit verbunden und die Aufbauarbeit an der Gemeinschaftsschule kommt noch hinzu. Ich weiß, wovon ich rede. Ich war lange in der Lehrerausbildung tätig.

Es sind auch viele ältere Lehrer, denen die Umstellung schwer fällt.

An den baden-württembergischen Schulen unterrichten 120 000 Lehrer. Allein 30 Prozent davon sind über 55 Jahre alt. Es gibt also viele, die ihre Lehrerausbildung noch in einer Zeit gemacht haben, in der noch klassische pädagogische Unterrichtskonzepte und der Frontalunterricht dominant waren. Das auf individuelle Förderung aufbauende pädagogische Konzept der Gemeinschaftsschule braucht daher starke Unterstützungssysteme für alle, die an dieser Schulart unterrichten. Ich habe immer gefordert: Wir müssen mehr Ressourcen für die Fortbildung der Lehrerinnen und Lehrer einsetzen, die schon seit vielen Jahren unterrichten. Dies gilt natürlich insbesondere für die Lehrerinnen und Lehrer, die an den Gemeinschaftsschulen unterrichten.

Warum wurde das versäumt?

Es gibt inzwischen 271 Gemeinschaftsschulen im Land. Wir haben vor fünf Jahren nicht damit gerechnet, dass so viele Schulen in einer Legislaturperiode umstellen. Die Lehrerfortbildung hätten wir daher schneller und stärker ausbauen müssen, das sage ich ganz klar. Diese Erkenntnis ist bei uns auch gewachsen und wir haben darauf reagiert. Das Thema Lehreraus- und Fortbildung haben wir daher im Doppelhaushalt noch einmal gestärkt.

Die Gebhardschule Konstanz ist das Vorzeigemodell der Regierung. Warum hat das Land die Stadt beim Neubau weitgehend alleine gelassen, was die finanzielle Unterstützung betrifft?

Das ist dem geschuldet, dass die Gemeinschaftsschule an den Start gegangen ist und der Neubau beschlossen wurde, bevor die Schulbauförderrichtlinien geändert worden sind. Das ist ein großes Problem. Ich habe mich stark dafür eingesetzt, dass trotz frühem Beschluss und Baubeginn die vollständige Förderung nach den neuen Richtlinien erfolgt. Das Land hat dann auch nochmal nachjustiert und den Zuschuss von 3,5 auf 4,3 Millionen Euro erhöht. Aber ich hätte mir gewünscht, dass diese Frage vom Kultusministerium großzügiger beantwortet worden wäre. Auch, dass die Stadt mit ihrem Zuschussantrag für die angrenzende Turnhalle gescheitert ist, ist sehr unbefriedigend. In Zukunft sollte daher die Förderung von Schulturnhallen bei Schulneubauten verlässlich über die Schulbauförderung erfolgen.

Die Opposition sagt, die Gemeinschaftsschulen seien überfinanziert.

Das ist nicht richtig. Die Gemeinschaftsschule als gebundene Ganztagesschule braucht natürlich pro Kopf mehr Geldmittel und Lehrerressourcen als eine Halbtagesschule. Wer sich die Strukturen genau anschaut, wird sehen, dass es nicht so einfach ist, wie es sich die Opposition vorstellt. Für die 271 Schulen, die sich auf den Weg gemacht haben, wäre es auf jeden Fall eine Katastrophe, wenn das Rad wieder zurückgedreht werden würde.

Warum gibt es teilweise noch immer große Zweifel an dem Konzept – auch auf Seiten der Eltern?

271 Gemeinschaftsschulen sprechen eine andere Sprache. Den Ausbau hätten wir uns sogar etwas langsamer gewünscht. Der Ausbau darf nicht aus einer Hektik heraus entstehen, nach dem Motto: Wir retten jetzt schnell den Schulstandort. Eine gute Schule aufzubauen, braucht Zeit, einen entsprechenden Vorlauf, qualifizierte Lehrer, passende Räume und Infrastruktur, die Akzeptanz in der Bevölkerung, ein Grundverständnis für diese neue Schulart. In Konstanz ist der Zuspruch phänomenal. Die sehr gut aufgestellten Gemeinschaftsschulen im Land, wie die Gebhardschule, ächzen eher darunter, dass sie einen so großen Zulauf haben. Dass sie so schnell so stark gewachsen sind. Was ich wichtig finde in der ganzen Diskussion: Wir zwingen niemanden dazu, auf die Gemeinschaftsschule zu gehen oder dort zu unterrichten. Deshalb bin ich mir nicht bange darum, wenn Eltern sagen: Das ist keine Schule für mein Kind und ich schicke es lieber auf die Realschule oder auf das Gymnasium. Aber die Gemeinschaftsschule wird über die kommenden Jahre zeigen, dass sie eine sehr gute und starke Alternative zu den klassischen Schularten in der Breite ist.