Herr Danner, sind Sie ein Freund von Ritualen?

Wenn wichtige Themen und Inhalte dahinter stehen, ja. Worauf wollen Sie hinaus?

Nach altem journalistischem Verständnis steht einem neuen Amtsinhaber eine 100-Tage-Frist zu, um sich einzuarbeiten und erste Erfolge vorzuweisen. Die Frist ist bei Ihnen gerade verstrichen. Wie steht es mit der Einarbeitung?

Für mich ist der Landkreis Konstanz kein unbekanntes Terrain. Ich bin hier aufgewachsen, kenne Menschen und Strukturen. Was meine neue Aufgabe angeht: Ich habe nicht das Gefühl, dass ich mich in der Einarbeitung befinde, sondern dass ich schon mittendrin bin. Wenn ich Fragen habe, wende ich mich zuerst an die zuständigen Fachleute in meiner Behörde, vor allem an die Dezernenten und natürlich mein Vorzimmer. Unsere Aufgabe ist es, gemeinsam optimale Lösungen hinzukriegen. Fragen, zuhören und offen diskutieren sind für einen Vorgesetzten kein Zeichen von Schwäche.

Wie steht es um die ersten Erfolge als neuer Landrat?

Zunächst muss man einmal sagen, es ist schon ein Erfolg, nichts kaputt gemacht zu haben, was schon aufgegleist war. (lacht). Was mir wichtig ist: Die Zusammenarbeit mit den Dezernenten des Landratsamts ist ausgezeichnet. Wir pflegen hier einen guten Austausch, das ist viel wert. Man braucht ein Vertrauensverhältnis. Das ist die Voraussetzung dafür, dass Entscheidungen mitgetragen werden. Gleichzeitig muss man natürlich auch sagen, was einem nicht gefällt.

Sie haben gleich zu Beginn Ihrer Amtszeit zwei nicht alltägliche Kreistagssitzungen geleitet: die letzte des Gremiums in alter personeller Besetzung und die erste des neu gewählten Kreistags. Was ist für Sie bemerkenswert gewesen?

Der Kreistag hat auf unsere Initiative hin den Auftrag erteilt, etwas für den Klimaschutz zu tun. Da wird jetzt ein umfassendes Konzept erarbeitet. Dies geschieht im Interesse aller Parteien. Wir haben viel angekündigt und das müssen wir auch hinkriegen.

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Ein zweiter Punkt: Der Kreistag hat nach sehr intensiver Diskussion eine Resolution zur Bagatellgrenze für die Mehrwertsteuerrückerstattung an Schweizer Kunden verabschiedet, die in Deutschland einkaufen. Was mir auch wichtig ist: In der ersten Sitzung des neuen Kreistags konnte Einvernehmen erzielt werden über die personelle Besetzung der Fachausschüsse.

Aber zunächst einmal wollte die Fraktion der Linken mit einem Geschäftsordnungsantrag das Mitwirken der beiden AfD-Kreisräte in den Ausschüssen verhindern, konnte sich damit aber nicht gegen eine große Mehrheit des Kreistags durchsetzen. Warum haben Sie sich in Ihrem Verwaltungsvorschlag an den Kreistag für die Einbeziehung der AfD-Kreisräte stark gemacht?

Schon bisher hatten wir darauf geachtet, auch die Parteien unterhalb der Fraktionsstärke, also bisher die Linke und die Neue Linie, in den Ausschüssen mit einzubeziehen. Es wäre daher schwer zu erklären gewesen, warum dies jetzt nicht mehr der Fall sein sollte, und ich möchte die AfD nicht in der Opferrolle sehen. Außerdem möchte ich die Kreistags-Themen in den Ausschüssen vorberaten und nicht in der Kreistagssitzung wieder bei Null anfangen, weil nicht alle Gruppierungen vertreten waren.

Die Linke ist erstarkt, die AfD ist in den Kreistag eingezogen. Befürchten Sie eine politische Polarisierung in der Arbeit des Gremiums?

Der Kreistag hat die Aufgabe, die Vorschläge der Verwaltung zu prüfen, vielleicht zu verbessern und dann zu entscheiden. Wenn polarisierende Anträge zur Geschäftsordnung kommen, dann fühle ich mich sattelfest. Wir müssen natürlich aufpassen, dass wir über die Sache diskutieren. Bisher ist alles im Rahmen geblieben, ich bin da zuversichtlich.

Sie haben die ersten Monate Ihrer Amtszeit auch für Antrittsbesuche bei den (Ober)Bürgermeistern der 25 Städte und Gemeinden im Landkreis genutzt. Welchen Eindruck haben Sie gewonnen?

Ich habe eine positive Aufgeschlossenheit erlebt. Es gibt ein beidseitiges Interesse bei Kreis und Kommunen, bestmögliche Ergebnisse zu erzielen. Das bezieht sich zum Beispiel auf die Digitalisierungsoffensive und den Ausbau des Breitbandnetzes. Aber auch auf die Frage, wie Kreis und Kommunen in Zeiten des Fachkräftemangels Verwaltungsmitarbeiter gewinnen können. Wir müssen uns nicht gegenseitig die Leute wegkaufen. Besser ist es, wenn Kooperationen bei der Stellenausschreibung möglich sind.

Vom Fluglärm bis zur Atomendlagersuche: Bei vielen Themen, die den Landkreis direkt oder indirekt betreffen, geht es um eine Positionsbestimmung gegenüber Schweizer Interessen. Zuletzt hat der Kanton Thurgau Einwände des Landratsamts gegen einen Thurgauer Windkraftstandort am Untersee zurückgewiesen. Wie sehen Sie das Verhältnis zur Schweiz?

Nach meiner Einschätzung gibt es eine gewisse Stagnation. Mit großer Aufregung ist jedenfalls weder bei der Windkraft noch bei anderen Themen etwas gewonnen. Wichtig ist, den Gesprächsfaden nicht abreißen zu lassen. Wir müssen weg von der Einordnung „die“ und „wir“. Für mich ist der Bodenseeraum über Landesgrenzen hinweg eine einheitliche Region. Absprachen, wie über Windkraftstandorte, sollte man versuchen frühzeitig gemeinsam zu treffen. Und manchmal muss man auch akzeptieren, dass rechtsstaatliche Verfahren zu einem anderen Ergebnis kommen.

Fragen: Franz Domgörgen