Konstanz Lädine St. Jodok fährt wieder ab Konstanz

Das historische Lastenschiff macht die Geschichte erlebbar. Mitglieder des Lädinen-Vereins Bodensee lassen die Fahrgäste an den Besonderheiten des Lastenschiffs teilhaben

 Adriana Limani muss nicht viel erklären. Die Bootsfrau gibt Fahrgast Christian Petrig das eine Seil in die Hand, nimmt selbst das andere, und gemeinsam lassen sie das Segel der Lädine herunter. Die 60 Quadratmeter Stoff füllen sich bauchig mit Wind, um das Schiff in Richtung Konstanzer Hafen zu treiben. Hier draußen im Konstanzer Trichter stimmt endlich die Windrichtung dafür. Hinausgefahren ist Kapitän Werner Ihde unter Motor. Denn um die historische Lädine St. Jodok segeln zu können, muss die Mannschaft den Wind mit sich haben, so, wie es auch im Mittelalter war. Vor dem Wind kreuzen, wie Kapitäne moderner Segelschiffe das bei Gegenwind tun, ist nicht möglich mit ihrem flachen Rumpf.

Was wie ein Manko klingen könnte, macht sie für Christophe Schneider erst recht interessant. "Es ist eine spezielle Art des Segelns", sagt der Vorsitzende des Lädinen-Vereins Bodensee, der seine Begeisterung für das detailgetreu nachgebaute Lastenschiff bei Rundfahrten an die Gäste weitergibt. In Kooperation mit der Konzilstadt Konstanz ist die St. Jodok aus Immenstaad wie in den vergangenen Jahren regelmäßig ab dem Konstanzer Hafen unterwegs.

Die Form der Lädine gleicht einer Walnussschale. Da war viel Platz, um Waren wie Rorschacher Sandstein oder Getreide zu laden. Bild: Julia Russ
Die Form der Lädine gleicht einer Walnussschale. Da war viel Platz, um Waren wie Rorschacher Sandstein oder Getreide zu laden. Bild: Julia Russ

Bei den einstündigen Touren können Fährgäste zum Beispiel erfahren, warum eine Lädine ohne ihren flachen Boden nur schwer vorstellbar wäre: "So konnten die Schiffe überall an den Ufern problemlos anlanden, um ihre Waren abzuladen", erzählt Schneider. Die Lastenschiffe waren vom 14. bis ins 19. Jahrhundert auf dem Bodensee unterwegs, um wertvolle Güter wie Rorschacher Sandstein oder Getreide zu verschiffen. Oder kostbares Salz, denn der Bodensee lag an einer der Salzstraßen, die es damals gab. Eine Halblädine wie die 17 Meter lange St. Jodok fasste dabei 60 Tonnen Ladung. Bei einer größeren konnten es mehr als 120 Tonnen sein. Das alles lagerte unter den Holzplanken an Deck, wo heute auf der St. Jodok die Gäste an Tischen Getränke bestellen können.

Ging es meistens von Westen nach Osten mehr oder weniger flott mit dem Segel, musste in die entgegengesetzte Richtung oft gerudert, getreidelt oder gestakt werden. Der Grund waren die Windverhältnisse. "Am Bodensee herrschen westliche Wind vor", sagt Schneider. "Das war im Mittelalter schon genauso." Von Konstanz aus ging es oft nach Bregenz oder Romanshorn. Auch Lindau und Überlingen waren Häfen, die oft angefahren wurden.

Die Lädine St. Jodok bei der Anfahrt nach Konstanz. Vom 14. bis ins 19. Jahrhundert verkehrten ähnliche Lastenschiffe auf dem Bodensee. Bilder: Julia Russ
Die Lädine St. Jodok bei der Anfahrt nach Konstanz. Vom 14. bis ins 19. Jahrhundert verkehrten ähnliche Lastenschiffe auf dem Bodensee. Bilder: Julia Russ

Oft war dabei Geduld gefragt. Das können auch die Fahrgäste an diesem Frühlingstag lebendig nachempfinden: Mit nicht mehr als drei bis vier Stundenkilometer geht es bei Windstärke 1 in Richtung Konstanz. Würden der Münsterturm und das Konzilsgebäude nicht allmählich immer größer werden, wäre von einem Vorwärtskommen kaum etwas zu spüren. Die 46 Kilometer zwischen Konstanz und Bregenz wären in diesem Tempo eine lange Tagesreise weit weg. Aber eine Lädine konnte zu früheren Zeiten – und kann auch heute noch – deutlich schneller unterwegs sein. "18,6 Stundenkilometer sind das Maximum, das wir gemessen haben", sagt Schneider. Dann liegt zwischen Konstanz und Bregenz plötzlich nur noch eine Fahrt von weniger als drei Stunden. Doch dafür braucht es ordentlich Wind. "Bei Flaute konnte es schon einmal sein, dass ein Schiff einen Monat lang im Hafen lag", so Schneider.

Mühsamer als das lange Warten dürfte für die Besatzungen der Lädinen das Staken gewesen sein – damals, als es noch keinen Motor gab, wie St. Jodok ihn hat. "Auf der deutschen Seite ist das Ufer flach abfallend", sagt Schneider. "Da konnte man sich mit langen Stangen abstoßen." Von dieser alten Fertigkeit bleibt der St. Jodok ein bauliches Merkmal, das typische für Lädinen ist: Das Steuerruder hat sie nicht in der Mitte, sondern seitlich versetzt an der Backbordseite. "Zweieinhalb Meter näher", erklärt Schneider, "kam man so ans Ufer heran."

Das Ruder der St. Jodok ist an der Backbordseite – ein typisches Merkmal einer Lädine. So war es beim Staken entlang des Ufers bei Flaute weniger im Weg. Bild: Julia Russ
Das Ruder der St. Jodok ist an der Backbordseite – ein typisches Merkmal einer Lädine. So war es beim Staken entlang des Ufers bei Flaute weniger im Weg. Bild: Julia Russ

Ein historisches Schiff

  • Der Verein: Die Lädine St. Jodok des Lädinen-Vereins Bodensee aus Immenstaad ist seit 1999 auf dem Bodensee unterwegs. Seit diesem Jahr betreibt der Verein sie wieder selbst. Zuvor wurde St. Jodok zwölf Jahre lang in einem Pachtmodell betrieben, die vergangenen vier Jahre durch das Integrationsunternehmen CAP. Die Einnahmen aus den Ausfahrten verwendet der Verein für die alle vier Jahre notwendige Landrevision des Schiffes. Der Verein hat 140 Mitglieder, darunter aber nur wenige aktive. Neue Mitglieder werden gesucht.
  • Termine in Konstanz: Am 24. Juni und am 2. Juli startet die Lädine St. Jodok jeweils um 14, 15.15, 16.30, 17.45 Uhr und 19 Uhr ab dem Konstanzer Hafen zu einer einstündigen Rundfahrt. Erwachsene zahlen 14 Euro (ermäßigt 10), Kinder 7 und Familien 29 Euro. Die Fahrten finden ab fünf Teilnehmern statt. (jru)
Weitere Termine im Internet: www.laedine.de

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