Kreis Konstanz Kunst und Kontostand: Was Kultur die Kommunen in der Region kostet

Heimatcheck, Teil eins: Das Kulturleben ist auch hier in der Region komplexer und vielseitiger geworden. Private Veranstalter und freie Künstler drängen auf den Markt, klassische Institutionen suchen sich neue Wege. Und die Kommunen überlegen sich neue Kulturkonzepte, die neu definieren, welche Angebote finanzielle Unterstützung brauchen

Es ist ein Anblick, den die Musiker der Südwestdeutschen Philharmonie nicht bei jedem Auftritt haben. Das Publikum vor ihnen tanzt, jubelt, isst Pommes mit Mayo oder trinkt Bier aus Plastikbechern. Mihalj Kekeni senkt langsam den Taktstock, dreht sich um und lächelt in die Menge. Der junge Konzertmeister und Violinist dirigiert an diesem Tag das 80-köpfige Orchester und ist bekannt für seine ungewöhnlichen Kooperationen. Denn mit auf der Bühne stehen die beiden Elektro-DJs Moonbootica. So trifft elektronische auf klassische Musik – und alle feiern mit. Oben auf der Bühne filmen einige Musiker mit ihren Smartphones mit, wie die Menge „Zugabe“ ruft. Andere schauen noch etwas skeptisch.

Highlight als große Herausforderung

Der Auftritt auf dem Konstanzer Campus-Festival ist „in der Form wirklich eine Premiere", sagt Intendant Beat Fehlmann vor der Veranstaltung. Eine Herausforderung, nicht nur für die 80 Musiker, sondern auch für die Tontechniker – "und ein absolutes Highlight", sagt Xhavit Hyseni. Er studiert Politik und Verwaltungswissenschaft, hat vor einigen Jahren die Agentur Nachtschwärmer-kn gegründet und mit einem kleinen Team das Campus-Festival auf die Beine gestellt. Mit dem Auftritt der Südwestdeutschen Philharmonie auf dem Campusfestival erreicht Hyseni auch das klassische Publikum – und Intendant Beat Fehlmann die, die vielleicht nicht einmal wissen, dass es in Konstanz überhaupt eine Philharmonie gibt. Ergab kürzlich doch die Studie einer Studentin, dass das 46 Prozent der Konstanzer Studierenden nicht so richtig klar ist. Auftritte wie diese sind weit weg von dem Vorurteil, klassische Musik richte sich nur an eine kleine, überalterte, elitäre Schicht, die sich einen teuren Konzertbesuch leisten kann. Der ungewöhnliche Mix ist breitenwirksam – und genau das wird im Kulturbetrieb zunehmend wichtig.

Es gab Zeiten, da wurde das klassische Angebot aus Theater, Orchester und Museum nicht hinterfragt. Oder genauer: seine Finanzierung. Doch das Kulturleben ist komplexer und vielseitiger geworden. Freie Künstler und private Veranstalter drängen auf den Markt und die großen, traditionellen Institutionen gestalten das Angebot nicht mehr allein. Diese Entwicklung hat zwei Konsequenzen. Zum einen: Klassische Institutionen berufen sich mehr denn je auf ihren kulturellen Auftrag, Kunst und Kultur allen zugänglich zu machen – für genau diese Gemeinnützigkeit gibt es schließlich Subventionen. Wenn ein Angebot von allen finanziert wird, sollte es dann nicht auch für alle interessant sein? Das ist die Frage, die immer wieder debattiert wird. Der Spagat, das große Publikum zurückzugewinnen, und doch nicht zum Quotennarren werden, ist nicht einfach. Die zweite Konsequenz: Immer mehr private, große Veranstalter hätten gerne etwas aus dem Fördertopf. Hier lautet der Spagat: Welche Kultur ist förderwürdig, hat eine Bedeutung für die Kommune – und was ist nur Kommerz und kann sich auch selbst tragen?

Ein Beispiel: Die Veranstalter des Campus-Festivals tragen das finanzielle Risiko – dieses Jahr lagen die Gesamtkosten bei rund einer Viertel Million Euro – selbst, einen Zuschuss gibt es nicht, nur Ticketverkäufe, Sponsoren und Unterstützer von der Universität. Das Festival ist beliebt, war dieses Jahr ausverkauft und zog auch viele Konstanzer Familien, nicht nur Studenten an. 2016 hätten die Macher gerne 33 000 Euro von der Stadt gehabt. Doch schon im Kulturausschuss bekamen sie eine Abfuhr.

Nicht genügend im passenden Topf, hieß es damals. Erst nach dreijährigem Bestehen können die Veranstalter eine institutionelle Förderung beantragen – so wurde beispielsweise das Konstanzer Zeltfestival mit rund 100 000 Euro unterstützt. Dabei sind die ersten drei Jahre die schwierigsten, sagt Xhavit Hyseni: "Eigentlich müsste das umgekehrt sein." Sarah Müssig, die Leiterin des Konstanzer Kulturbüros und ab August Leiterin des Kulturamts, relativiert. Auch kommerzielle, nicht gemeinnützige Festivals wie das Campusfestival oder das Gute Zeit-Festival würden von Anfang an gefördert, es bleibt aber eine Ausnahme, über die der Gemeinderat entscheidet. Mit 22 000 Euro ist der Topf für freie Kulturprojekte gefüllt – und aus diesem wollen auch die Vereine mit ihren engagierten Projekten bedient werden. 2016 gingen 67 Anträge auf Förderung von freien Künstlern und privaten Veranstaltern im Kulturbüro ein. Positiv beschieden wurden 37 Anträge – viel übrig bleibt da nicht für den einzelnen, und die Konkurrenz wird nicht weniger. Im Falle des Campusfestivals hatte die Stadt 2012 einen Defizitausgleich über 5000 Euro zugesagt, den die Macher allerdings nicht in Anspruch nehmen mussten.

"Gerade im Bereich der jungen Kultur gab es in Konstanz tatsächlich einen Nachholbedarf", sagt Müssig. "Deshalb ist es schön und positiv, dass dort gerade sehr viel entsteht. Aber wir brauchen eine Vergleichbarkeit, um festzulegen, welche dieser Angebote unsere Unterstützung benötigen." Deshalb erarbeitet die Stadt gerade einen Kriterienkatalog, der sich auf Großveranstaltungen ab 5000 Besuchern bezieht. Er soll am Ende eine einheitliche Richtlinie bilden für die Entscheidung, welche Veranstaltungen das bestehende Angebot bereichern und förderwürdig sind – oder welche überhaupt stattfinden können in Konstanz.

Auch die Stadt Singen beschäftigt sich mit einem neuen Kulturkonzept. Das Projekt "Singen Kultur-Pur 2030" läuft seit März in der internen Verwaltungsvorbereitung. Anfang 2018 soll es dem Gemeinderat vorgelegt werden, so Singens Pressesprecher Achim Eickhoff. Radolfzell ist schon ein Stück weiter: Bereits 2015 wurde mit Beteiligung der Bürger ein neues Kulturkonzept erstellt, seit diesem Jahr gibt es neue Förderrichtlinien. "Die offene Projektförderung bietet nun noch mehr Möglichkeiten, gezielt kulturelle Initiativen nach den Schwerpunkten der Kulturkonzeption zu unterstützen", so die städtische Pressesprecherin Nicole Stadach: "Die Radolfzeller Kulturlandschaft ist vielfältiger geworden und wird durch die noch intensivere Zusammenarbeit der Stadt mit der lokalen Kunst- und Kulturszene bereichert." Die Kultur und ihre Förderrichtlinien bleiben also in Bewegung – in der ganzen Region.

 

Zahlen, bitte!

  • Konstanz: Rund 15,7 Millionen Euro kosten die städtischen Kultureinrichtungen in Konstanz (Einwohnerzahl rund 85 000) ohne Investitionen – und ohne Bodenseeforum. Am meisten gefördert wird das Stadttheater mit einem laufenden Zuschuss von rund sechs Millionen Euro.
  • Singen: Rund 6,5 Millionen Euro gibt Singen (Einwohnerzahl rund 48 000) für die städtischen Kultureinrichtungen aus – inklusive Stadthalle und interner Leistungsverrechung, ohne Investitionen. Die Stadthalle inklusive Tourismus wird mit rund 2,4 Millionen Euro am meisten gefördert. Der Fördertopf für freie Künstler und private Angebote beträgt dieses Jahr 704.100 Euro.
  • Radolfzell: Rund 4,4 Millionen Euro beträgt der städtische Nettoressourcenbedarf für die Kultur in Radolfzell (Einwohnerzahl rund 32 500) – inklusive Milchwerk und interner Leistungsverrechnung, ohne Investitionen, ohne Tourismus. Der Fördertopf für freie Künstler und private Angebote beträgt dieses Jahr circa 330.000 Euro inklusive der 100.000 Euro für die im Stadtjubiläum stattfindenden Bürgerprojekte, erklärt Pressesprecherin Nicole Stadach.
  • Stockach: Rund 1,8 Millionen Euro weist Stockach (Einwohnerzahl rund 17 000) im Kulturetat aus – unter anderem inklusive dem Bürgerhaus Adler Post, der Stadtbücherei und dem Stadtmuseum. Dazu gehört auch die Allgemeine Kulturförderung mit 632.800 Euro.

Die Serie

Was hat unsere Region zu bieten? Wie steht es um Kultur, Nahversorgung, Sport und Medizin? Der SÜDKURIER-Heimatcheck beleuchtet rund um diese Themen Probleme und Herausforderungen und bietet vier Wochen lang detaillierte Serviceelemente.

Heimatcheck Kultur ab 8. Juli

Was Kultur die Kommune kostet 8. Juli

Kulturelle Höhepunkte in der Region 12. Juli

Heimatcheck Nahversorgung ab 15. Juli

Heimatcheck Sport ab 22. Juli

Heimatcheck Medizin ab 29. Juli

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