Vor dem Abriss kommen die Künstler: Für zwei Monate soll das ehemalige Gebäude des Vincentius-Krankenhauses an der Laube zur Werkstatt für Kreative werden. Ab 2. Juni sind sie eingeladen, das Haus neu zu belegen und im Juli die Arbeiten öffentlich zu präsentieren. Noch können sich Profis und Laien für die Aktion bewerben.

Das Projekt „Visite“ ist offen für alle Kunst- und Kulturrichtungen, sei es Theater, Tanz, bildende Kunst, Musik, Fotografie, Literatur oder eine Mischung aus allem. Die Künstler dürfen Laien und Profis sein und sie dürfen auch mit dem Gebäude arbeiten – sei es Wände bemalen oder Installationen schaffen – und müssen keinen Cent Miete zahlen.

Sie wollen das Vincentius-Krankenhaus vor dessen Abriss mit vielen weiteren Akteuren zu einem Ort für Kunstprojekte machen: Friedrich Haupt, Lukas Lautenschlager, Matti Keller, Bert Binnig, Frederick Fritzsche und Helen Schroff (von links) vom Kunstprojekt "Visite". Bild: Jörg-Peter Rau
Sie wollen das Vincentius-Krankenhaus vor dessen Abriss mit vielen weiteren Akteuren zu einem Ort für Kunstprojekte machen: Friedrich Haupt, Lukas Lautenschlager, Matti Keller, Bert Binnig, Frederick Fritzsche und Helen Schroff (von links) vom Kunstprojekt "Visite". Bild: Jörg-Peter Rau

Arte Romeias als Vorbild

Hinter der Idee stehen der Kommunikationsdesigner und Künstler Bert Binnig sowie Friedrich Haupt, Referent für Qualitätsmanagement an der Uni Konstanz. Beide hatte das Projekt Arte Romeias im vergangenen Jahr aus Singen inspiriert. Damals wurde ein Haus der Baugenossenschaft Hegau in der Singener Romeiasstraße vor dem Abriss für Kunst- und Kulturprojekte genutzt. Binnig und Haupt beteiligten sich. Sie hatten die Idee, ein Riesen-Grafitti zu schaffen, das überhaupt erst als Gesamtwerk sichtbar wurde, als Bagger die Zwischenwände herausbrachen.

Das Kunstwerk auf Zeit als besonderer Ansporn

Das Kurzfristige und letztlich der Abriss passten bei ihnen damals also ins künstlerische Konzept. Sie arbeiteten an dem Werk gemeinsam mit Kindern. Ähnliche Gemeinschaftsaktionen schweben den Initiatoren auch für Konstanz vor.

Binnig erlebte die inspirierende Atmosphäre von einem Freiraum auf Zeit. So sei die Idee entstanden, etwas Vergleichbares in den ehemaligen Räumen der orthopädischen Fachklinik aufzuziehen. Manche Künstler beflügle gerade das Schaffen eines Werks, das keinen längeren Bestand hat. Denn wie damals in Singen heißt es auch in Konstanz: Was immer auch in den Räumen entsteht, es wird nicht auf Dauer sein. Auch Kunst am Bau darf nur bis zum Abrisstermin stehen bleiben.

Eine Dokumentationsgruppe aber wird erfassen, wie sich der ehemalige Klinikbau durch die Kreativen verändert. Dann kommen die Bagger und reißen den Klinikbau ab. Auf dem Areal sollen dann mehr als 120 Wohnungen entstehen.

Profis, Laien und Schüler können sich bewerben

Doch vor dem Abriss dürfen sich Kreative austoben. Das frühere Klinikum wird zu ihrer Spielwiese. Die künstlerische Leitung mit Magdalene und Tim Schaefer wird unter den Bewerbern die Kunst- und Kulturprojekte auswählen. Für diese Aufgabe wurde dem Projekt aus dem Konstanzer Kulturfonds Geld zur Verfügung gestellt. Die Kreativen im ehemaligen Vincentiusbau können sich thematisch frei entfalten, sie können, müssen aber nicht zum Thema Klinikum arbeiten.

Die Initiatoren wollen Kreativen ein Podium und Möglichkeiten zum Netzwerken bieten. Mit der Idee, das zum Abriss bereit stehende Haus kreativ zwischen zu nutzen, hätten sie offene Türen eingerannt, und sie seien vielfältig unterstützt worden, sagt Bert Binnig.

Ab dem 2. Juni können Künstler loslegen

Noch ist nicht klar, welche Projekte Frage kommen, sicher ist nur: Ab dem 2. Juni dürfen die ausgesuchten Künstler einziehen. Sie erwartet eine Vielzahl ungewöhnlicher Räume, darunter ehemalige Operationssäle, Labore, Krankenzimmer und auch eine Kapelle. Die Initiatoren sind gespannt, wie die Künstler dem früheren Fachklinikum ein neues Leben einhauchen. Sie hoffen auf Resonanz von Vielen im grenzüberschreitenden Raum. Möglich seien unter anderem auch Projekte, an denen sich Kinder oder andere interessierte Laien beteiligen können.

Bei Arte Romeias gab es mehrere tausend Zuschauer

Das Singener Projekt Arte Romeias, das 2017 mehrere tausend Neugierige ins Abrissobjekt gelockt hatte, zieht in der Region weite Kreise. Es inspiriert aktuell auch Radolfzell zu einem besonderen Vorhaben. Dort stellt die Baugenossenschaft Hegau sogar den nagelneuen Rohbau „Weinburg Radolfzell“ im Juli für ein eintägiges Kunst- und Kulturfestival zur Verfügung. Dieses Projekt will vor allem junge Nachwuchskünstler ansprechen.

So machen Sie mit

Die Räume des früheren Vincentiuskrankenhauses werden ab 2. Juni für zwei Monate zur Kreativ-Werkstatt. Wer Ideen für Kunst- und Kulturprojekte dort hat, kann sich per Mail bewerben: visite-konstanz@posteo.de. Bewerber sollten eine kurze Ideen-Skizze für die Gestaltung eines Raums einreichen. Beteiligen können sich Kreative aller Art, auch Kindergärten, Schulen, Jugendliche und Erwachsene. Das Projekt ist offen für alle Kunstrichtungen, es kann Rauminstallationen beinhalten, aber auch Tanz- oder Theateraufführungen. Weitere Informationen zum Projekt finden sich auf Facebook unter visite-konstanz. (rin)