Am 1. April 2011 betrat Rolf Huesgen sein Traumhaus. Zum ersten Mal sah der Architekt damals die jahrhundertealten Balken und Wände in einem völlig heruntergekommenen Gebäude, kaum breiter als drei Meter, das seit zehn Jahren leer stand. "Ich wusste sofort: Das ist es", erzählt Rolf Huesgen. "Vor meinem geistigen Auge sah ich schon mein Klingelschild an der Tür."

Fünf Jahre später hat der Architekt für sein Haus in der Konradigasse 35 bereits zwei Denkmalpreise erhalten. Den ersten verteilte die Stadt Konstanz im Jahr 2013, den zweiten erhielt Rolf Huesgen jüngst vom Land Baden-Württemberg. In beiden Fällen wurde der vorbildliche Umgang mit der historischen Substanz gewürdigt. Huesgen, der in Konstanz Architektur studierte, band einen Restaurator und einen Bauforscher ein, ließ die Geschichte des Hauses dokumentieren und plante die Sanierung sorgfältig. "Das Haus ist die Krönung meines Lebenswerks", sagt der 62-Jährige stolz. Übertünchte Wände wurden gewaschen, altes Fachwerk freigelegt, die Statik optimiert und moderne Technik wie eine Pelletheizung eingebaut.

<p>Hier war das Haus vor der Aufstockung im 16. Jahrhundert zu Ende, wie die Balken zeigen. Die Wand aus dem 14. Jahrhundert wurde wie alle Elemente behutsam saniert.</p>

Hier war das Haus vor der Aufstockung im 16. Jahrhundert zu Ende, wie die Balken zeigen. Die Wand aus dem 14. Jahrhundert wurde wie alle Elemente behutsam saniert.

Respekt vor der alten Bausubstanz

Jeder Raum atmet ein Stück Konstanzer Geschichte: Der Keller stammt von 1290, angebaut an die Stadtmauer aus dem 10. Jahrhundert. Um 1356 entstand darüber ein Fachwerkbau, der zu wirtschaftlichen Zwecken als Kontor diente. Im frühen 16. Jahrhundert wurde der Teil zur Straße hin angebaut, der heute als Eingangshalle dient. Gleichzeitig entstand ein weiteres Zimmer. Ein beheizbares Wohnhaus wurde aus dem schmalen Gebäude allerdings erst im 18. bis 20. Jahrhundert. "Wir haben die Besonderheiten aus allen Zeiten herausgearbeitet", sagt Rolf Huesgen. Die Zusammenarbeit mit dem Denkmalschutz empfand er als sehr angenehm: "Die Behörde war kein Bremsklotz, sondern ich war mir ja bewusst, dass ich mit der historischen Substanz respektvoll umgehen muss."

<p>Das Haus in der Konradigasse 35 ist nur wenig breiter als drei Meter. Es fügt sich in die mittelalterliche Häuserzeile ein.</p>

Das Haus in der Konradigasse 35 ist nur wenig breiter als drei Meter. Es fügt sich in die mittelalterliche Häuserzeile ein.


Das war nicht immer einfach. Zehn Tonnen Geröll lagen über den dicken Eichenbalken im Keller, der Schutt diente wohl als Brandschutz. "Das haben der Rohbauunternehmer und ich monatelang mit einem motorisierten Dreirad aus dem Haus herausgeschafft", erinnert Huesgen sich. Danach war passgenaues Arbeiten nötig, da in der Niederburg keine Lagermöglichkeiten bestehen. Angeliefertes Material musste sofort verbaut werden. Die größte sichtbare Änderung war der Einbau einer Fensterzeile im heutigen Schlafzimmer, die historisch nachgewiesen werden konnte, sowie eines Dachfensters. "Das Haus war nicht gerade von Licht gesegnet", erklärt der Architekt. Damit das Licht vom Dach auch noch unten in der Küche ankommt, ließ er zwei Glasböden einbauen. "Für manchen Besucher ist es gewöhnungsbedürftig, da hinüberzugehen", sagt er und schmunzelt. Ansonsten ist der Hausbesitzer viel auf Treppen unterwegs, da sich seine 100 Quadratmeter Wohnfläche auf vier Stockwerke verteilen. "Ich setze darauf, dass ich durch die Bewegung fit bleibe", so Huesgen. Eine der Treppen ist im Original erhalten, die andere war verfault. "Da ich Hobbyhandwerker bin, habe ich sie selbst gemacht, genauso wie die Küchenschränke und viele weitere Regale", erzählt der 62-Jährige. Auch ein modernes Bad musste platzsparend eingebaut werden, denn zuvor lebte hier eine alte Dame, die im Eingang ein WC aus den 70er-Jahren hatte. Ansonsten gab es auf jedem Stockwerk nur einen Schüttstein mit kaltem Wasser sowie insgesamt zwei Öfen.
<p>Architekt Rolf Huesgen hat sich in seinem historischen Keller eine kleine Werkstatt eingebaut. Die Wand, auf die er zeigt, war Teil der Stadtmauer und stammt aus der Zeit um 1000 nach Christus.</p>

Architekt Rolf Huesgen hat sich in seinem historischen Keller eine kleine Werkstatt eingebaut. Die Wand, auf die er zeigt, war Teil der Stadtmauer und stammt aus der Zeit um 1000 nach Christus.


Rolf Huesgen und sein Sohn haben sich das schmale Haus modern eingerichtet, ihre Liebe zum Design wird in jedem Raum sichtbar. "Ich bin voller Ehrfurcht, was diese Balken und Wände alles schon erlebt haben", sagt der Architekt und schaut sich um. "Die Sanierung ist noch viel toller geworden als ich es mir am 1. April 2011 ausgemalt hatte."

Mittelalterliche Straße

  • Die Konradigasse: Die Straße aus dem Mittelalter ist komplett erhalten. Ihr leicht gekrümmter Verlauf markiert die Westgrenze der frühmittelalterlichen Stadt. Die Stadtmauer aus dem 10. Jahrhundert ist hier noch heute bei vielen Häusern integriert. Zunächst war die Gegend ein Quartier der Handwerker und hieß Webergasse, ab dem 14. Jahrhundert war sie aufgrund vieler Geistlicher und bischöflicher Amtsleute die Schreibergasse. Der heutige Straßenname entstand erst im 19. Jahrhundert in Erinnerung an den Konstanzer Bischof Konrad.
  • Der Denkmalschutzpreis Baden-Württemberg: Der Preis wird alle zwei Jahre vom Schwäbischen Heimatbund und dem Landesverein Badische Heimat ausgelobt: an private Bauherren, die besonders behutsam historische Gebäude saniert haben. In diesem Jahr gab es 86 Bewerbungen. Gewonnen haben neben dem Konstanzer Wohnhaus ein Schwarzwaldhof, das Uhland-Haus in Tübingen, ein ehemaliger Bahnwasserturm in Heidelberg und eine Tankstelle in Tettnang von 1950. (kis)
<p>Stilles Örtchen mit Vergangenheit: Ein alter Schüttstein aus der Küche dient nun als Waschbecken.</p>

Stilles Örtchen mit Vergangenheit: Ein alter Schüttstein aus der Küche dient nun als Waschbecken.

<p>Auf sein Esszimmer, die "Konstanzer Stube", ist der Architekt besonders stolz. Eine solche Deckenkonstruktion findet sich in sehr vielen Häusern der Niederburg.</p>

Auf sein Esszimmer, die "Konstanzer Stube", ist der Architekt besonders stolz. Eine solche Deckenkonstruktion findet sich in sehr vielen Häusern der Niederburg.