Konstanz Konstanzer Schul-Poker: Wieso zukünftig mehr Schüler einer Schule zugewiesen werden müssen

Ein Gutachten zeigt dringenden Handlungsbedarf bei den weiterführenden Schulen in Konstanz seitens der Stadt als Schulträger auf. Eine Handlungsempfehlung darin lautet: Mit den steigenden Schülerzahlen muss auch die Zuweisung von Fünftklässlern intensiviert werden. Aber was bedeutet das für Familien in und um Konstanz?

Die Eltern der jetzigen Viertklässler haben nun den ersten Informationsabend in der Grundschule ihres Kindes besucht und dabei zahlreiche Informationen zur zukünftigen Schulbildung ihres Kindes bekommen. Vielen wurde an diesem Abend auch mitgeteilt, dass rund 700 Grundschüler aus dem Stadtgebiet Konstanz im kommenden Jahr in die fünften Klassen der weiterführenden Schulen kommen. Das sind etwa 100 Schüler mehr als im aktuell laufenden Schuljahr, was auch dem Durchschnitt der vergangenen Jahre – nämlich 606 Schüler aus den Grundschulen der Stadt Konstanz – entspricht.

Für manch ein Elternteil kam diese Information unerwartet und führte zu vielen Fragen. Denn damit ist klar, dass es wahrscheinlich mehr Fälle geben wird, in denen Kinder keinen Platz an der gewünschten Schule bekommen. Diese angehenden Fünftklässler sind dann von der sogenannten Schülerlenkung – also der Zuweisung eines Platzes an einer anderen Schule – betroffen. Da die Schülerzahlen in Konstanz laut eines Gutachtens in den kommenden Jahren immer weiter steigen werden, werden voraussichtlich immer mehr Kinder einer Schule zugewiesen, anstatt selbst zu entscheiden.

1. Wo liegen in Konstanz die Gründe für die Zuweisung von Kindern an eine Schule?

Mitte November wurde im Schulausschuss ein Gutachten zur künftigen Schulentwicklung von Konstanz besprochen, das von der Stadt in Auftrag gegeben worden war. Auf 168 Seiten zeichnet der Experte von Biregio, der Projektgruppe Bildung und Region aus Bonn, eine aktuell düstere Zukunftsprognose: Das Interesse der Konstanzer Familien an den Schulformen Werkreal- und Realschule ist in den vergangenen fünf Jahren stark zurückgegangen.

Stattdessen wechseln mehr und mehr Viertklässler auf die Gemeinschaftsschule. Inzwischen handelt es sich dabei um fast jeden vierten Grundschulabsolventen der Stadt, weshalb die noch relativ junge Schule bald an ihre Grenzen stoßen wird. Nahezu 60 Prozent der jungen Konstanzer zieht es auf eines der Gymnasien. Das sind weitaus mehr als im landesweiten Vergleich (siehe Grafik). In die fünften Klassen der Werkreal- oder Realschulen gehen jedoch zusammengerechnet nur 15 Prozent der einstigen Grundschüler.

2. An welchen Schulen ist der Platz in der fünften Klasse besonders begehrt?

Das steigende Interesse an der Gemeinschaftsschule und die Beliebtheit der Schulform Gymnasium sorgen samt den steigenden Schülerzahlen dafür, dass es in den fünften Klassen eng werden wird. Den höheren Zustrom könnte die Gemeinschaftsschule im kommenden Jahr nur noch durch sieben Klassen im fünften Jahrgang auffangen.

Ebenfalls sehr beliebt bei der Schulwahl sind das Alexander-von-Humboldt- und das Ellenrieder-Gymnasium, die jeweils fünf anstatt vier Züge bereitstellen müssten, während das Gymnasium der Geschwister-Scholl-Schule (GSS) weiterhin vier fünfte Klassen haben könnte – genau wie das Heinrich-Suso-Gymnasium. Dieses hebt sich neben dem Begabtenzug auch dadurch ab, dass es das einzige Gymnasium in Konstanz ist, das Latein ab der fünften Klasse anbietet.

3. Wieso sollen mehr Schüler an die GSS gewiesen werden?

Problematisch dabei ist, dass die beiden besonders beliebten Gymnasien nur alle paar Jahre einen fünften Zug anbieten können, um die Schüleranmeldungen zu bewältigen. Ansonsten droht ein Platzproblem im Schulhaus. Im Gutachten steht deshalb, dass das Gymnasium der GSS ausgebaut werden müsse, um zukünftigen Gymnasiasten noch einen Platz in dieser Schulform bieten zu können.

Wörtlich heißt das im Gutachten: „Das Geschwister-Scholl-Gymnasium muss (…) aufgrund der ja bereits mittelfristig steigenden gymnasialen Einschulungszahlen einen Zug oder gar zwei mögliche zusätzliche Züge bereit stellen können, weil die anderen Gymnasien kaum oder nicht erweiterbar sind.“ Schüler, denen also am Ellenrieder- oder am Humboldt-Gymnasium kein Platz mehr geboten werden kann, müssen zukünftig auf die GSS, um ein Konstanzer Gymnasium zu besuchen.

4. Müssen die weiterführenden Schulen vergrößert werden?

Außerdem mahnt der Gutachter, dass die Anmeldezahlen an allen weiterführenden Schulen bald bei 750 Schülern liegen und in wenigen Jahren mehr als 800 betragen werden, was für die Schulen aktuell nicht zu bewältigen ist. Er schreibt: „Die Prognosen, für die die Gebäude der vier Gymnasien und das der Gemeinschaftsschule schon mittelfristig kaum ausreichen, zeigen für den Träger (Anm.d.Red.: die Stadt Konstanz) Handlungsbedarf an!“

Schlussendlich bleibt nur eine Möglichkeit: Einigen Familien bleibt die gewünschte Schule für ihr Kind verwehrt, da Schüler aufgrund des Klassenausgleichs – beispielsweise an die GSS – zugewiesen werden müssen. Kurz: Die Gymnasien im Stadtzentrum stoßen zukünftig an ihre Kapazitätsgrenzen.

5. Wie stehen die Chancen, dass mein Kind auf seine Wunschschule kommt?

Dafür, dass ein Kind auch auf die gewünschte Schule kommt, kann keine Garantie gegeben werden. Es gibt allerdings Kriterien, die die Chancen auf Aufnahme erhöhen. Dazu zählt beispielsweise der Wohnort – wie das Beispiel von Schulamtsleiter Karlheinz Deußen in Bezug auf das Landesschulrecht zeigt. Der geschäftsführende Schulleiter der Konstanzer Gymnasien, Jürgen Kaz, führt außerdem einen weiteren Punkt an. Er erklärt: „Wenn ein angehender Fünftklässler auf die Schule gehen möchte, die bereits vom älteren Bruder oder der Schwester besucht wird, ist es sehr wahrscheinlich, dass das jüngere Kind dort ebenfalls einen Platz bekommt.“

Der Schulleiter des Alexander-von-Humboldt-Gymnasiums meinte außerdem, dass auch an seiner Schule nicht jedes Kind auch einen Platz bekommen könnte. Denn jährlich würden im Durchschnitt 140 Kinder das Humboldt als ihre Wunschschule wählen, die aber nicht in vier fünfte Klassen untergebracht werden könnten. In solchen Fällen greift das Klassenausgleichsverfahren, auf das die Schulleiter auch bei den Informationsveranstaltungen die Eltern hinweisen.

6. Wieso darf eigentlich in die Entscheidung für eine bestimmte Schule eingegriffen werden?

Dies ist in Paragraf 88 des Schulgesetzes für Baden-Württemberg, in dem die Wahl des Bildungswegs behandelt wird, festgelegt. Dort ist zu lesen: „Ein Anspruch auf Aufnahme in eine bestimmte Schule besteht nicht, solange der Besuch einer anderen Schule desselben Schultyps möglich und dem Schüler zumutbar ist.“ Aber was bedeutet in diesem Fall „zumutbar“? 

Der Konstanzer Schulamtsleiter Karlheinz Deußen meint dazu: „Als ‚zumutbar‘ kann eine andere Schule des gewünschten Schultyps in erreichbarer Entfernung gesehen werden.“ Ein Beispiel hierfür wäre laut Deußen die Zuweisung von Schülern an die Gemeinschaftsschule in Radolfzell, wenn die Anmeldungen an der in Konstanz so hoch wären, dass dort sieben oder gar acht fünfte Klassen gebildet werden müssten. Um einen Zug einzusparen, müssten dann Schüler von der Reichenau oder aus Allensbach nach Radolfzell wechseln, da dieser Weg durch die gute Bahnverbindung als „zumutbar“ angesehen werden kann.

7. Wird mein Kind betroffen hiervon sein?

Dies könnte laut des Gutachtens in den kommenden Jahren der Fall sein. Denn demnach ist die Gemeinschaftsschule in Konstanz ein derart begehrtes Ziel, dass diese sieben Züge bilden müsste, um allen Fünftklässlern einen Platz bieten zu können. Räumlich wird dies langfristig nicht zu bewerkstelligen sein.

Allerdings kann eine andere Schule einem Kind auch neue Chancen bieten. Tipps dazu, wie der schulische Neustart auch an einer Schule, die nicht erste Wahl war, gelingt, hat Schulpsychologin Friederike Felske im Interview verraten.

8. Kann ich etwas gegen die Zuweisung meines Kindes tun?

Mit einem Fall, in dem Eltern die Zuweisung ihrer Kinder an eine andere Schule nicht hinnehmen wollten, beschäftigt sich derzeit der Verwaltungsgerichtshof. Durch die aktuell noch ausstehende Entscheidung könnte es zu einem Paukenschlag rund um die Entscheidungsfreiheit von Eltern und Kind bezüglich der schulischen Laufbahn führen. Denn sechs Familien vom Hochrhein (Landkreis Waldshut) klagten gegen die Entscheidung des Staatlichen Schulamts. Die Ausgangssituation war die folgende: Um eine fünfte Klasse einer Gemeinschaftsschule einzusparen, wollte das Schulamt sieben Schüler auf anderen Schulen unterbringen. Dabei berief sich die Behörde auf Paragraph 88 des Landesschulgesetzes.

Die Eltern der Schüler wollten diese Schulzuweisung nicht hinnehmen und zogen vor das Verwaltungsgericht Freiburg. Dieses entschied zugunsten der Familien und beschloss, dass die angehenden Fünftklässler ihre Wunschschule besuchen dürfen. Unter anderem begründete das Gericht dies mit dem Grundgesetz und dem darin verankerten Recht auf freie Wahl der Ausbildungsstätte. Außerdem heißt es in der Begründung im Zusammenhang mit den Schülern: „Es spricht viel dafür, dass ihre privaten Interessen ein größeres Gewicht aufweisen als die entgegenstehenden Interessen des Antragsgegners (Anm.d.Red.: des Staatlichen Schulamts).“

9. Muss also ab sofort jedes Kind an seiner Wunschschule angenommen werden?

Ende gut, alles gut? Nein, denn kurz darauf legte das Regierungspräsidium Freiburg im Namen des Landes Baden-Württemberg im Eilverfahren Beschwerde gegen den Beschluss beim Verwaltungsgerichtshof ein. Denn das Kultusministerium in Stuttgart sieht in diesem Verfahren einen Präzedenzfall. Das bedeutet: Theoretisch könnten Familien somit frei entscheiden, welche Schule besucht wird, was zum Kollaps der einen oder auch zu leeren Klassenzimmern in der anderen Schule führen könnte. Daher möchte das Land nicht nachgeben.

10. Was sagt eine betroffene Mutter zu diesem Thema?

Angela Karasac ist eine der Mütter, deren Kinder nun sozusagen von den Behörden an der gewünschten Schule vorerst geduldet werden müssen. Zudem ist sie die Schulsozialarbeiterin an der Gemeinschaftsschule, an der sie ihren Sohn – trotz Grundschulempfehlung für das Gymnasium – auf seinen Wunsch hin angemeldet hatte. Dennoch sollte er an eine andere Schule verwiesen werden.

Sie schildert den ersten Moment mit der Gewissheit der Ablehnung so: „Als der Bescheid kam, hat mir das erst einmal den Boden unter den Füßen weggezogen. Wir haben uns dann abgesprochen, wie wir das unserem Sohn erklären.“ Für ihren Sohn brach mit der Information, dass er einer anderen Schule zugewiesen wurde, eine Welt zusammen.

Karasac erzählt: „Er wollte genau an diese Schule, weil es dort auch eine Bläserklasse gibt. Er möchte auch an keine andere Schule und hat deshalb auch immer wieder Phasen gehabt, in denen er geweint hat und fragte: ‚Mama, warum darf ich da nicht hin? Warum trifft das gerade uns?‘ Da fühlen wir als Eltern uns ganz schrecklich.“ Auch durch den direkten Kontakt mit dem zuständigen Schulamt konnte keine Lösung in dieser Angelegenheit gefunden werden.

Insgesamt sollten sieben Kinder an eine andere Gemeinschaftsschule geschickt werden. Sie alle hatten sich für die Bläserklasse der Wunsch-Gemeinschaftsschule angemeldet, die es allerdings an der anderen, auf die sie nun gehen sollten, nicht gibt. Fraglich ist daher, ob diese zwei Gemeinschaftsschulen wirklich als vergleichbar angesehen werden können und deshalb die Zuweisung als „zumutbar“ gelten darf.

Von drei der betroffenen Kinder besuchten bereits ältere Geschwister die gewünschte Gemeinschaftsschule, erzählt die Schulsozialarbeiterin. Außerdem meint die Mutter: „Ich arbeite jeden Tag dort und jeder Schüler hat seinen Platz. Man kann also meiner Meinung nach nicht davon ausgehen, dass diese sieben Kinder für einen unzumutbaren Zustand gesorgt hätten.“

Die Eltern wollten diese Entscheidung gegen ihre Kinder nicht so stehen lassen, berieten sich vorerst untereinander und suchten den Kontakt zum Schulamt. Schlussendlich entschieden sie sich gemeinsam dazu, sich einen Anwalt zu nehmen. Auch wenn dieser die Familien dabei unterstützte, dass in Freiburg zugunsten der Eltern entschieden wurde, ist allen Beteiligten klar, dass mit dem Einspruch des Landes die schulische Zukunft ihrer Kinder erneut zur Verhandlung steht.

Bisher wurde beim nun zuständigen Gericht in Mannheim nicht entschieden, ob die Schüler an ihrer Wunschschule bleiben dürfen. Karasac hofft darauf, dass die Kinder und ihr Sohn weiterhin die Bläserklasse besuchen dürfen. Für die Familien ist das eine Hängepartie, meint die Mutter und erzählt von der momentanen Situation: „Er fragt immer wieder, ob er denn jetzt bleiben darf und ob eine Entscheidung gefallen ist. Schließlich fühlt er sich an der Schule wohl und hat Angst, dass er dort herausgerissen wird.“

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