Konstanz – Experimente an Tieren sind für Giorgia Pallocca absolut tabu. Da macht die Nachwuchswissenschaftlerin der Universität Konstanz keine Kompromisse. "Ich bin da ziemlich empfindsam", sagt die 29-Jährige, gebürtig aus Italien. Sie sitzt in ihrem Büro im neunten Stockwerk der Uni, das sie mit anderen Wissenschaftlern teilt. Überall liegen Zettel, Bücher, Ordner, Notizen. Es sei gerade etwas stressig, gesteht sie. Sie ist im vierten Jahr Doktorandin, betreut rund um die Uhr die eigenen Experimente und schreibt an ihrer Abschlussarbeit. Da sie nicht so gut Deutsch spricht, erklärt sie auf Englisch, dass sie im ersten Jahr als Bachelor-Studentin an Tierversuchen teilnehmen musste. "Mir ist damals klar geworden, dass ich mich nach alternativen Methoden umschauen muss. Ich kann Tiere nicht leiden sehen, ich bin mit Tieren aufgewachsen."

Heute promoviert Giorgia Pallocca am Zentrum für Alternativen zum Tierversuch (CAAT) und ist in diesem Jahr als beste Nachwuchsforscherin für den Lush Prize nominiert – ein Preis, der darauf abzielt, Tierversuchen ein Ende zu setzen. "Der Preis hilft mir, meine Forschung weiter zu verfolgen, auch nach meinem Abschluss noch", erklärt Pallocca. Wie sie das Preisgeld von 12 000 Euro einsetzt – falls sich die Jury für sie entscheidet –, weiß sie schon ganz genau. "Es gibt viele offene Fragen in meinem Forschungsgebiet. Mit dem Geld kann ich meine Abschlussarbeit finanzieren und freier agieren, Antworten zu finden." Sie könne nicht sagen, wie viele Experimente es noch braucht, um das größere Bild zu erkennen.

Giorgia Pallocca hat ihren Bachelor und Master in Rom und Bologna gemacht. Wegen des CAATs sei sie 2013 nach Konstanz gekommen. "In meinem Feld ist die Gruppe ziemlich berühmt", erklärt sie. Pallocca ist Doktorandin in der Toxizitätsforschung und in der Entwicklung von in-vitro Methoden zur Durchführung von Experimenten in einer künstlichen Umgebung außerhalb von Lebewesen. Ihr Promotionsthema: neuronale Schädigungen durch verschreibungspflichtige Medikamente. "Es ist harte Arbeit und es sind viele Stunden in Labor und Büro." Was es brauche, um Wissenschaft auf diesem Niveau zu betreiben? Viel Leidenschaft und Widerstandsfähigkeit, sagt die Forscherin: "Es dauert, bis man in seiner Forschung etwas sieht. Fortschritte sind selten, Geduld ist wichtig. Das Ende sieht man eigentlich nie."

Der Toxikologe Marcel Leist betreut die junge Wissenschaftlerin. Giorgia Pallocca wäre die zweite Nachwuchsforscherin aus dem Konstanzer Labor, die den Preis in dieser Kategorie gewinnt. Marcel Leist ist Gründer des Zentrums und selbst in diesem Jahr für den Lush Prize in der Kategorie Wissenschaft nominiert. Zusammen mit seinen Kollegen Thomas Hartung und Francois Busquet hat er den Preis bereits 2014 in der Kategorie Lobbying gewonnen. Warum ihm persönlich tierversuchsfreie Forschung wichtig sei? "Weil ich aus eigener Erfahrung weiß, wie schlecht viele Vorhersagen aus Tiermodellen in der Arzneimittelforschung sind, und weil es wichtig ist, neue Konzepte zu entwickeln, um den Gesundheitsschutz zu verbessern", erklärt er.

Tierversuche sind in der Wissenschaft keine Seltenheit. Auch an der Uni Konstanz nutzen Wissenschaftler Tiere für Experimente. Für die Forschung an Tieren kann das auch vorteilhaft sein, erklärt Leist, doch wenn das Ziel der Forschung die menschliche Gesundheit ist, sieht das anders aus. "Die Untersuchung von Alzheimerscher Krankheit in einer Maus gibt uns nur ein sehr unscharfes Bild oder eventuell sogar ein Zerrbild." Tierversuchsfreie Forschung könne vorteilhaft neue Modelle zur Verfügung stellen. Giorgia Pallocca zumindest ist sich sicher: "Die Zeit für einen Wandel ist gekommen."

Die Auszeichnung

  • Der Lush Prize vergibt zum fünften Mal in fünf Kategorien 300 000 Euro, verteilt auf die jeweiligen Gewinner. Es ist ein Gemeinschaftsprojekt der Kosmetikfirma Lush mit ihrer Kampagne Fighting Animal Testing (Tierversuche bekämpfen) und der Gruppe Ethical Consumer, einer britischen Forschungsgenossenschaft.
  • Das Ziel des Preises ist es, den kompletten Wandel von Tierversuchen in Experimenten zu alternativen, tierversuchsfreien Forschung zu beschleunigen. Der Preis soll die Forschung in diesem Bereich vorantreiben und Projekte finanziell unterstützen.
  • Die Verleihung 2016 findet am 11. November in London statt. Insgesamt sind 55 Wissenschaftler aus 20 Ländern nominiert.