Zum neunten Mal hat die Stadt zusammen mit der Universität Konstanz die Bürger befragt. Nun liegt der jährlich vom Arbeitsbereich Empirische Sozialforschung unter Leitung von Thomas Hinz erarbeitete Bericht vor. Die Konstanzer Bürgerbefragung beschäftigte sich 2016 mit dem Schwerpunkt Nachhaltigkeit – es ging also um eine ökologisch rücksichtsvolle Lebensweise. Stets wird auch die Lebenszufriedenheit mit abgefragt.

Nachhaltiges Verhalten ist weiterhin von großem Stellenwert, wenn es um die Zukunft unseres Planeten geht", sagt Thomas Hinz. Auch wenn derzeit andere Themen, etwa die Zukunft Europas, im Fokus des öffentlichen Interesses stehen. An der reinen Onlinebefragung beteiligten sich im vergangenen Jahr 1868 Menschen, so viele wie nie zuvor. "Der Onlinemodus erleichtert die Wiederholungsbefragung", erklärt Hinz. Allerdings hätten neu eingeladene Bürger auch die Möglichkeit zu einem persönlichen Gespräch als Befragung. Die Ergebnisse in der Übersicht:

 

  • Fahrradstadt Konstanz? Die Forscher um Thomas Hinz schätzen die Bedeutung des Fahrrads für die Bevölkerung als sehr hoch ein. Neun von zehn Befragten besitzen ein Fahrrad oder ein E-Bike. Entsprechend niedrig ist das Interesse an einem Leihsystem. Im Sommer fährt fast die Hälfte täglich Rad. Das Fahrradnetz wird überwiegend mittel bis gut bewertet.
    Thomas Hinz: "Die befragten Konstanzer favorisieren außerdem klar den Ausbau von Fahrradstraßen." Nachholbedarf sehen viele noch bei der Verkehrssicherheit, hierzu zählen: gefährliche Kreuzungen oder die Beleuchtung und Breite der Radwege.
  • Anders Auto fahren? Mehr als Dreiviertel der Befragten können auf ein Auto zurückgreifen. Ein Großteil macht das aber nur, um Ausflugs- oder Urlaubsziele zu erreichen oder um bequemer einkaufen zu können. Zur Arbeit, zur Uni oder zur Schule fährt dagegen nur jeder Dritte mit dem Auto. Weil die durchschnittlich gefahrenen Autokilometer eher gering sind, sprechen die Forscher "Carsharing-Angeboten ein größeres Potenzial" zu". Kaum vorstellbar ist für viele dagegen der Kauf eines Elektroautos, vor allem weil die Akkulaufzeit nicht weit genug reicht und es nicht genügend Ladestationen gibt.
  • Gar nicht Auto fahren? Abgesehen vom Fahrrad steht es um andere alternative Verkehrsmittel zum Auto weniger gut. Besonders die Befragten über 30 Jahre nutzen Busse oder den Seehas so gut wie nicht täglich. Hierfür nannten sie Kostengründe, zu lange Fahrtzeiten oder schlechte Transportmöglichkeiten. Thomas Hinz beschreibt das Verhalten der Konstanzer so: "Die Mehrheit nimmt eigene Taschen zum Einkaufen mit, benutzt aber gerade zum Einkauf das Auto."
  • Regional und fair gehandelt? Drei von vier Befragten kaufen regelmäßig regionale Produkte ein; immerhin zwei Drittel achten zudem darauf, dass die Waren aus fairem Handel stammen.
    Weil der Bereich Ernährung große Auswirkungen auf die Ökobilanz hat, bewerten die Forscher diese Einstellung positiv. Die einfachste Möglichkeit, Produkte aus der Umgebung zu kaufen, ist einer der Wochenmärkte. Hier zeigt sich jedoch: Vor allem ältere Menschen über 60 besuchen gelegentlich oder regelmäßig einen der Märkte auf dem St.-Stephans- oder St.-Gebhards-Platz, bei den Unter-30-Jährigen macht das nur jeder Vierte.
  • Neuer Stadtteil? Von den Planungen für den neuen Stadtteil "Nördlich Hafner" am Rande von Wollmatingen erwarten die meisten Befragten Wohnraum für Familien. Unerlässlich ist für viele deshalb der Bau von Kindergärten und Geschäften. Als wichtig wird außerdem erachtet, dass der Stadtteil mit über 5000 neuen Wohnungen an das Busnetz angeschlossen wird.
  • Zufriedene Bürger? Die Konstanzer sind nach wie vor überwiegend oder voll mit ihrem Leben zufrieden. Seit der ersten Befragung 2008 fiel der Wert in dieser jedes Mal abgefragten Kategorie nie unter die Marke von 81 Prozent. 2016 waren 34 Prozent voll und 50 Prozent eher zufrieden. "Auffallend ist, dass insbesondere junge und alte Menschen mit ihrem Leben in Konstanz besonders zufrieden sind", so der Bericht in seinem Fazit.


"Unverzichtbar für Kommunalpolitiker"

Thomas Hinz ist Professor für Soziologie an der Universität Konstanz und einer der Autoren des Berichts zur Konstanzer Bürgerbefragung.

Herr Hinz, welches Ergebnis hat Ihr Team am meisten überrascht?

Interessant war, dass bei der Nutzung der Verkehrsmittel das Fahrrad deutlich vor Auto und Bus liegen. Die befragten Konstanzer favorisieren klar den Ausbau von Fahrradstraßen.

Warum haben Sie sich diesmal auf das Thema Nachhaltigkeit konzentriert?

Das Thema ist vielleicht gerade aus den aktuellen Schlagzeilen, die von Migration, Europa und Sicherheit dominiert werden. Mehr über nachhaltiges Verhalten und seine örtlichen Bedingungen zu erfahren, ist jedoch für Kommunalpolitiker unverzichtbar.

Elefant oder Spatz: Wie groß ist der ökologogische Fußabdruck der Konstanzer?

Was ist der Mittelwert von Elefanten- und Spatzenfuß? Im Ernst: Es gibt eine große Spannbreite von nachhaltigem Verhalten. Etwa nimmt die Mehrheit eigene Taschen zum Einkaufen mit, benutzt dafür aber das Auto.

Fragen: Benjamin Brumm

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