Leben, wo andere Menschen Urlaub machen. Das ist die eine Konstanzer Wahrheit. Eine zweite lautet: Miete bezahlen, wie anderswo für ein Hotelzimmer. Einmal mehr wurde der Gemeinde in dieser Woche bestätigt: In keiner vergleichbar großen anderen Stadt wohnt es sich so teuer wie hier.

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Zu teuer oder gleich gar nicht verfügbar: Mietmarkt sorgt für Verzweiflung

Warmmieten von mehr als 2000 Euro sind für eine Vier-Zimmer-Wohnung keine Seltenheit mehr; werdende Eltern finden sich beim Wunsch nach einer Wohnungsvergrößerung auf langen Wartelisten wieder, weil sie schlicht nichts Bezahlbares, Passendes oder gleich überhaupt gar nichts finden.

Trotz aller Nachbesserungen, Reförmchen und Reformen aus der Bundespolitik: Die nach wie vor ungenügenden gesetzlichen Regelungen sorgen dafür, dass dort, wo die Mieten nicht bereits jetzt explodiert sind, Wohnungseigentümer mittels Modernisierungen die Preisschraube weiter nach oben drehen können.

Vorsicht, sonst droht ein Disney-Land der Reichen und Schönen

Als maßgeblicher Grund für den angespannten Mietermarkt wird – neben den Faktoren Hochschul- und Wissenschaftsstandort – angeführt, wie wunderschön es in der Wohlfühloase Konstanz direkt am Bodensee doch sei. Wenn sich aber selbst Menschen mit mittleren Einkommen – darunter Handwerker, städtische Angestellte oder Polizisten im einfachen Dienst – die Mieten in einer Stadt nicht mehr leisten können, dann mutiert diese Stadt irgendwann zum Freizeitpark, zum Disney-Land der Reichen und Schönen.

Ein Horror-Szenario mit wachsendem Wiedererkennungswert

Das hat Folgen für die Gesellschaft, deren Sprengkraft noch kaum abzusehen ist. Wer es einmal geschafft hat, erfolgreich durch die Mühlen der Wohnungssuche geschlüpft zu sein, fühlt sich auf der Seite der Sieger. Droht, sich irgendwann gar für etwas Besseres zu halten. Angekommen im Konstanzer Disney-Land, wird selbst die Mietwohnung zum gefühlten Eigen- und Reichtum, den es unter allen Umständen zu wahren gilt und in dem man sich nicht nur häuslich einrichten will, sondern sich gegen alles von außerhalb abzuschotten droht.

Vergessen sind dann all die Mühen und Nöte, die einst selbst auf der Suche nach den passenden vier Wänden aufgebracht wurden. Man gehört jetzt schließlich zum elitären Kreis der Wohnungsfinder dazu. Für das Gemeinwohl ist das ein überspitztes Horror-Szenario, klar, aber eines mit wachsendem Wiedererkennungswert.

Das Handlungsprogramm Wohnen ist ambitioniert, es reicht aber nicht aus

Mit fast 8000 neuen Wohnungen in den kommenden 15 bis 20 Jahren will die Stadtverwaltung dem entgegenwirken. Der Ehrgeiz ist sichtbar, an jeder Ecke finden sich Gerüste, zeugen große Plakate von neu entstehenden Gebäuden. Mehr als 2000 neue Wohnungen sind so in den vergangenen Jahren bereits entstanden, das ambitionierte Handlungsprogramm Wohnen trägt die ersten Früchte. Einzig: Das reicht nicht aus.

Kein Ende des Mietpreisanstiegs in Sicht

Es scheint jedenfalls nicht auszureichen, wurde zu spät begonnen oder geht nicht schnell genug voran. Statt dass sie sich langsam nach unten entwickeln oder zumindest auf einem stabilen Niveau bleiben würden, klettern die Mietpreise weiter. Es steht zu befürchten, dass die jüngst erschienene Studie nicht der letzte Beweis hierfür ist.

Ein Ende des Preisanstiegs ist nicht in Sicht, die vielen verwirklichten Klein-Bauprojekte zeigen noch keinen messbaren Effekt, baulich wächst Konstanz nicht mit seiner Nachfrage nach neuem Wohnraum mit. Zumal am Hafner – dem mit Abstand wichtigsten Teilbaugebiet der Stadt – frühestens Ende der 2020er Menschen wohnen werden und am ehemaligen Siemens-Areal der Baustart auch nicht vor 2021 liegen soll.

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Wohnungssuchende müssen auf kreative Lösungen hoffen

Wie können städtische Politik und Verwaltung etwas leisten, was die Bundespolitik mit zu laschen Gesetzen nicht vermag? Sie könnte zum Beispiel den Verkauf von Grundstücken an Privatleute an eine Frist koppeln: Wer bis zum Tag X nicht gebaut hat, sondern auf immer weiter steigende Grundstückspreise spekuliert, der muss den Boden zurückgeben. Ein anderes Signal wäre der Ausbau der Verkehrsinfrastruktur in die Teilorte, denn – man glaubt es kaum – schon in Dingelsdorf oder Wallhausen stehen Wohnungen teils monatelang leer, trotz bezahlbarer Mieten. Irgendwie logisch, denn wer steht schon gerne lang an der Kasse zum Freizeitpark an, wenn drinnen schon die Achterbahnen rollen und es nach Zuckerwatte duftet.