Konstanz – Das Nachkriegs-Konstanz hatte nur wenige Ereignisse wie jenes aus dem Juli 1964 erlebt. Würdenträger von nah und fern waren gekommen, die Menschen am Straßenrand trugen dunkle Stoffe. Es soll eine besondere Stimmung in der Stadt geherrscht haben. Der SÜDKURIER schrieb damals: „Schon am Samstagvormittag hatte Konstanz sein Festkleid angelegt, vor allem in der Altstadt.

Viele Häuser waren mit Fahnen geschmückt.“ Gefeiert werden sollte das 550. Jubiläum des Konstanzer Konzils, die 500-Jahrfeier war in den Wirren des Ersten Weltkrieges untergegangen, auch deshalb sollte es nun etwas Besonderes sein. Der Wiener Erzbischof Franz König hielt die Gastrede. Der Titel: „Die Konzilsidee vom Konzil von Konstanz bis heute“.

Prozession zum 550. Konziljubiläum.
Prozession zum 550. Konziljubiläum. | Bild: Verlag Friedr. Stadler – Bildarchiv, Konstanz

Mit heutigen Augen würde man sagen, die ganze Veranstaltung hatte etwas Steifes, Unentspanntes. Dem kleinen Arnd war das egal. Er war damals sieben Jahre alt, seine Mutter hatte ihn mit zur Eröffnungsfeier genommen. Nach der Feier drängte seine Mutter ihn in Richtung des Erzbischofs. Bei ihm angekommen hielt König dem Jungen die behandschuhte Rechte entgegen. „Und ich griff fröhlich zu“, erinnert sich Arnd Brummer heute. Aus dem kleinen staunenden Siebenjährigen ist heute einer der einflussreichsten evangelischen Publizisten geworden. Brummer ist Chefredakteur von „Chrismon“ und hat sich in seinem Leben intensiv mit dem Konzil und Glaubensfragen beschäftigt.

Die Begegnung mit dem Wiener Erzbischof ging ihm nicht mehr aus dem Kopf. In seinem Buch „Unter Ketzern“ schildert er, wie es nach dem Händedruck weiterging: „Ein mürrisch dreinschauender Kleirker neben König zischte: „küss die Hand von seiner Eminenz!“ Schon griff er an meinen Hinterkopf, um meinen Mund Richtung Bischofsring zu bewegen. ‚Lassen‘s den Buben‘, stoppte ihn der Kardinal, ‚a richtiger Händedruck langt!“ Auch nach all den Jahren muss Arnd Brummer noch immer lächeln, wenn er diese Episode erzählt. Wohl auch, weil sie eine Glaubensvorstellung dokumentiert, deretwegen er sich irgendwann vom Katholizismus ab- und dem Protestantismus zugewandt hat.

Prominente Gäste (von links): Erzbischof Hermann Schäufele, Ministerpräsident Kurt Georg Kiesinger, Kardinal Franz König (Wien) und Innenminister Hans Filbinger.
Prominente Gäste (von links): Erzbischof Hermann Schäufele, Ministerpräsident Kurt Georg Kiesinger, Kardinal Franz König (Wien) und Innenminister Hans Filbinger. | Bild: Bild: Sk-Archiv Finke

Die Konzilfeierlichkeiten selbst hat Brummer vor allem als großen, ernsthaften Anlass mit vielen hunderten Besuchern in Erinnerung. Es war damals in erster Linie ein kirchliches Ereignis, die Ökumene war längst nicht so weit wie heute, weshalb das Miteinander von katholischer und evangelischer Kirche gerade bei der Planung des Jubiläums schwierig gewesen sein soll. Vor allem an der Person Jan Hus haben sich noch viele Diskussionen festgemacht. Ein so breites und differenziertes Programm wie es das 600. Konziljubiläum bietet, suchte man damals noch vergeblich. Immerhin – das Rosgartenmuseum beteiligte sich mit einer Ausstellung. Nach Berichten aus dem SÜDKURIER sollen rund 10 000 Besucher die Schau gesehen haben. Aber ein Bezug zur Gegenwart, ein Brückenschlag zum heute blieb Seltenheit.

Während die Kirche also weitgehend im Juli des Ereignisses gedachte, zog die Stadt erst im November nach. Das lag vor allem an zwei Dingen: die Kirche wollte ihren Leuten ermöglichen, an den Herbstsitzungen des Zweiten Vatikanischen Konzils teilzunehmen und die Stadt wollte mit der Erinnerung eben exakt 550 Jahre nach Eröffnung des historischen Konzils im November 1414 beginnen. Das Programm startete denn auch am 1. November 1964 mit dem Vortrag „Die weltgeschichtliche Bedeutung des Konstanzer Konzils“ im Oberen Konzilsaal. Es folgten ein Barockschauspiel, weitere Vorträge, ein „feierlicher Gottesdienst“, sowie ein festliches Konzert. Die Chorvereinigung Bodan-Badenia, der Kammerchor Konstanz und das Bodensee-Symphonie-Orchester (die heutige Südwestdeutsche Philharmonie) spielten Ludwig van Beethoven und die Friedensmesse von Franz Philipp. Und das war es dann auch schon am allgemein zugänglichen Programm. Zur Wahrheit gehört freilich auch: Das Interesse an der Beschäftigung mit dem sperrigen Konzilthema war damals einfach noch geringer ausgeprägt als es im Vorfeld des 600.Jubiläums war.

Szenen der 550-Jahrfeier des Konstanzer Konzils aus dem Jahr 1964.
Szenen der 550-Jahrfeier des Konstanzer Konzils aus dem Jahr 1964. | Bild: Verlag Friedr. Stadler – Bildarchiv, Konstanz

Wer sich dennoch die Mühe macht, die Akten zum Thema im Stadtarchiv zu lesen, der wird mit mancheiner Perle belohnt. So ist akribisch festgehalten, was geistliche Würdenträger auf einer Schiffsfahrt mit der MS Konstanz am 12. Juli 1964 zu essen bekamen. Sie konnten wählen zwischen Menüs mit „Bodenseekretzer filetiert“, „Kalbsrahmbraten, Blumenkohl polnisch, Petersilienkartoffeln“ oder Geflügelsalat „Beatrice“.

Die Speisen kamen von der Bahnhofsgaststätte und kosteten je nach Menü zwischen 9 und 10,50 Mark. Apropos Kosten: Ebenfalls aus den Akten des Stadtarchivs wird ersichtlich, dass noch bis kurz vor Beginn der Feierlichkeiten im Gemeinderat ums Geld gestritten wurde. Erst im September 1964 wurden 32 000 Mark bewilligt. Zum Vergleich – das städtische Budget für das 600.Jubiläum liegt bei sechs Millionen Euro.

Szenen der 550-Jahrfeier des Konstanzer Konzils aus dem Jahr 1964.
Szenen der 550-Jahrfeier des Konstanzer Konzils aus dem Jahr 1964. | Bild: Verlag Friedr. Stadler – Bildarchiv, Konstanz

"Geschichte steht immer im Bezug zur Gegenwart"

Ruth Bader (43) ist die Cheforganisatorin des 600. Konziljubiläums. 2011 wurde sie zur Geschäftsführerin eines städtischen Eigenbetriebs gewählt
 

Frau Bader, konnten Sie bei der Vorbereitung der 600-Jahrfeier etwas von der 550-Jahrfeier lernen?

Bereits 2009, also ganz am Anfang der Vorbereitung für das aktuelle Jubiläum haben wir uns die Unterlagen der 550-Jahrfeier genau angeschaut. Manche Diskussionen haben uns an unser eigenes Ringen um die angemessene Form des Jubiläums erinnert. Aber in den Festwochen 1964 war für verschiedene Ereignisse und Persönlichkeiten kein Raum, wie zum Beispiel die Papstwahl, Hieronymus von Prag, die Rolle der Gelehrten, der kulturelle Austausch der Konzilgäste oder auch ein Blick auf die Konstanzer als Gastgeber. Wir haben sehr schnell gemerkt, dass wir mit dem Jubiläum 2014 bis 2018 die einmalige Chance haben, sehr viele unterschiedliche Geschichten vom Konstanzer Konzil zu erzählen, die im Lauf der Jahrhunderte in Vergessenheit geraten sind, die uns aber heute immer noch interesseieren.
 



Welches Bild des Konzils war damals bestimmend? Welches ist es heute?

Vor 50 Jahren tagte das Zweite Vatikanische Konzil und verhandelte Fragen der Ökumene. Auch das Konstanzer Konzil 550 Jahre zuvor galt als Reformkonzil, daher lag es nahe, die beiden Kirchenversammlungen miteinander zu vergleichen. Im Zentrum stand das Konzil als kirchliches Ringen um Lösungen aktueller Fragestellungen. Das Konzil als Kirchenereignis interessiert uns heute nur noch bedingt. Statt dessen beeindruckt uns der unbedingte Wille der Konzilsväter zur Lösungsfindung: Im Dialog wurde in Konstanz über Jahre hinweg um die Einheit der Kirche gerungen und nach gemeinsamen Lösungen gesucht – obwohl die selben Verhandlungsparteien außerhalb von Konstanz in Kriege und Konflikte verwickelt waren. Die Vielzahl der Teilnehmer beeindruckt uns, ebenso, dass sie aus allen Himmelsrichtungen nach Konstanz reisten. Unser Blick auf das Konstanzer Konzil ist heute von der Idee des geeinten Europas und von der Suche nach der verbindenden europäischen Geschichte geprägt.

Ist die Erinnerung an das Konzil auch jeweils von der Gegenwart abhängig, die sich erinnert? Mit anderen Worten: erinnert sich jede Zeit anders an ein historisches Ereignis?

Geschichte steht immer im Bezug zur Gegenwart, unser Blick auf vergangene Zeiten ist gar nicht möglich ohne Einfluss der Gegenwart. Der Umgang mit Geschichte verrät mehr über uns heute als über das vergangene Ereignis. Aber auch das Erinnern verändert sich mit der Zeit: Heute wollen wir nicht nur „Verstehen“ und „Gedenken“, sondern wir wollen „Erleben“ und „Teilhaben“. Daher braucht das aktuelle Konziljubiläum auch Angebote wie inszenierte Stadtführungen oder Mittelalterfeste. Heute fragen wir auch nach der Relevanz unseres Erinnerns, daher ist der Bezug zur Gegenwart immer wichtiger.

Was wünschten Sie sich, wird man in 50 Jahren über das 600. Konziljubiläum sagen?

2065 wird eine Journalistin anlässlich der 26. Verleihung des Konstanzer Konzilspreises feststellen, dass das Konziljubiläum 2014 bis 2018 die Erinnerung an das Konstanzer Konzil verändert hat: Statt den Fokus ausschließlich auf die kirchlichen Entscheidungen und das tragische Schicksal von Jan Hus zu richten, steht nun insbesondere der friedliche Dialog der europäischen Teilnehmer sowie der kulturelle und wissenschaftliche Austausch für das Konstanzer Konzil. Der größte Kongress des Mittelalters ist nun selbstverständlicher Teil der Stadtgeschichte. Vielleicht hatte die Journalistin ja als Kind bei der Kinderakademie Konzilstadt Konstanz teilgenommen und Konzilsgeschichte erlebt.



Was haben Sie noch in diesem Jahr geplant?

Wir haben noch einiges vor dieses Jahr: Die vier Konzerte von „Europäische Avantgarde um 1400“ lassen osmanische, byzantinische, russisch-orthodoxe und flämische Kompositionen aus Konzilzeiten erklingen; die „Illuminationen“ laden zu nächtlichen Erkundungstouren druch die Altstadt ein; die Kinderakademie Konzilstadt Konstanz veranstaltet eine große Mittelalter-Olympiade und bei den „Konstanzer Kontroversen“ diskutieren Anette Schavan und Michael Schmidt Salomon über „gottlos glücklich?“. Und es gibt noch viel mehr…

Fragen: Michael Lünstroth