Kuba macht mal wieder Probleme. Lieferschwierigkeiten. Eine politische Sache. Wie so oft in den vergangenen Jahrzehnten, in denen Urs Portmann geschäftlich mit dem Land zu tun hatte. Erinnerungen werden wach, an „damals auf Kuba“.

Bild: Brumm, Benjamin

88 Jahre alt sei der Kubaner gewesen, der etwas zur Portmanns Übersetzerin murmelte und ihn, den Gast aus der fernen Schweiz, mit Verwunderung anschaute. „Er wollte wissen, warum ich meine Zigarre falsch anzünde und was ich da vorhabe“, erinnert sich Urs Portmann.

Sein Laden befindet sich seit bald 50 Jahren in Rufweite zu Konstanz

Heute, viele Jahre später, weiß er, was den alten Kubaner störte: „Niemals darf die Zigarre in Berührung mit der Flamme kommen“, verrät das Händler-Urgestein in seinem Laden in Kreuzlingen, wenige Meter vom Emmishofer Zoll entfernt.

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Hier gingen und gehen seit der Eröffnung 1970 auch viele Konstanzer ein und aus. Wobei auf der gegenüberliegenden Seite der nahen Grenze das Portmann‚sche Einzugsgebiet noch lange nicht endet, doch dazu später mehr und zurück zum richtigen Anzünden von Zigarren, zurück zu Portmanns Leidenschaft. Werde die Zigarre direkt angebrannt, sei das Aroma augenblicklich zerstört.

Heute raucht Portmann höchstens noch eine Zigarre am Tag

„Tabak ist eine der empfindlichsten Pflanzen der Welt“, sagt Portmann. Zwischen den Händen glimmt keine dicke Zigarre, sondern ein dünner Zigarillo – nicht der letzte an diesem Morgen.

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Der Espresso ist bereits ausgetrunken. „Heute rauche ich höchstens noch eine Zigarre am Tag, für sie braucht man den richtigen Moment, die richtige Stimmung.“ Wer sich bereits gestresst eine anzünde, habe davon nichts. „Zigaretten sind Sucht-, Zigarren sind Genussmittel.“

Das Produkt ist zu wertvoll, mitunter auch zu teuer: In Portmanns Geschäft finden sich – im öffentlich zugänglichen Bereich – Kisten zum Preis von 500 Franken und mehr für 25 Stück.

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Im Lagerraum schlummern noch ganz andere Werte

Einige Stammkunden – darunter Prominenz dies- und jenseits des Kontinents sowie der moderne Geldadel der Wüstenstaaten – haben hier ihre Privatfächer, eine Art Zigarren-Schließfach.

Namen nennt Urs Portmann nicht, „aber Sie kennen diese Leute“. Einstige Bundeskanzler, Sportstars, Wirtschaftsbosse, Fernsehprominenz. „Vergessen Sie es, ich halte dicht“, insistiert Portmann auf Nachfragen, ob er denn nicht wenigstens einen kleinen Hinweis geben wolle. Harald Juhnke nennt er dann doch. Der Schauspieler sei zu Lebzeiten gerne im Laden gewesen. „Er wollte seine Ruhe haben, hat sich hier beraten lassen, einen Kaffee – vielleicht auch einen Cognac – getrunken.“

Manche Zigarren lagern Jahre bei ihm

Was nach Geheimniskrämerei klingt, gehört zur Portmann‚schen Philosophie und werde von Kunden als Vertraulichkeit und Freundlichkeit geschätzt – ob mit oder ohne klangvollen Namen. Jene, die eines der Privatfächer im Keller besetzen, melden sich hin und wieder. Ein interessantes Produkt komme auf den Markt. „Dann bestellen wir das und es kommt in sein Fach. Manchmal wird es erst Jahre später abgeholt.“

Moment, Jahre? „Zigarren sind wie guter Wein: je älter, desto besser“, erklärt Urs Portmann. Vorausgesetzt sie würden richtig gelagert, und Urs Portmann behauptet von sich: „Bei der Lagerung von Zigarren sind wir weltweit führend.“

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Zig Klimaanlagen und Raumbefeuchter bestätigen an diesem Hochsommertag Portmanns Aussagen eher als die hohen Auszeichnungen, die er von Tabak- oder Zigarrenverbänden aus seiner beruflichen Zweitheimat Kuba – ein Foto vom jungen Fidel Castro an der Wand zeugt davon – eingeheimst habe.

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Kunden sind nicht einfach nur Kunden, sondern Gäste

Ökobilanz? Energiekosten? Gesundheitliche Gefahren durch das Rauchen? Im wenige Quadratmeter großen Portmann‚schen Geschäft geht es um andere Themen. Um Genuss und darum, den Kunden nicht Kunden, sondern Gast sein zu lassen, wie Urs Portmann es ausdrückt.

Wie an diesem Morgen schüttelt er noch immer regelmäßig Hände von Stammkunden, Grüezi hier, hoi dort. „Wie geht‘s? Gut schaust du aus, was macht die Frau?“ Neben Zigarren und anderen Tabakwaren gehören zum Sortiment auch Pfeifen und – logisch, aber etwas klischeehaft – Schweizer Schokolade.

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Vor fast sechs Jahren hat Urs Portmann sich zurückgezogen und seinen Söhnen Marc und Thomas, der eine zweite Filiale in St. Gallen leitet, das Feld überlassen. „Ich werde alt, es war Zeit für die Rente“, sagt Portmann, doch man sieht ihm an: Ganz aufhören wird er wohl nie.

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Heute jedenfalls hat er noch viel zu sagen

Was hält er, der in Kreuzlingen aufgewachsen ist, davon, dass seine Landsleute an manchen Tagen in Scharen nach Konstanz verschwinden? Halb so wild, Einkaufstourismus kenne er schon immer – einmal in die eine, einmal in die andere Richtung. „Die Zeiten ändern sich, aber sie sind immer schön, auch jetzt“, denkt Portmann über das Leben als Händler.

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Es gebe politische Entscheidungen, die er nachvollziehen könne. Zum Beispiel, dass es in Deutschland – zumindest noch – möglich ist, als Schweizer die Mehrwertsteuer auch bei Kleinstbeiträgen zurückzuerhalten „und damit Beamte fürs Stempeln abkommandiert werden“; dass andersherum die Regel gilt: unter 300 Franken Einkaufswert gibt es keine Steuer zurück. „Und selbst darum mussten wir lange kämpfen“, sagt Portmann. Vorher lag die Grenze bei 500 Franken.

Andererseits habe er vom Einkaufstourismus eine gewisse Zeit indirekt profitiert. „Viele Zürcher oder Luzerner haben bei der Fahrt nach Konstanz bei uns einen Zwischenstopp eingelegt“, erinnert er sich an die Hochphase des sogenannten Frankenschocks 2015. Vergangen seien diese Zeiten.

In Konstanz kennt Urs Portmann sich aus – und hat seine ganz eigene Meinung

„Wer will sich schon noch in diesen Verkehr quälen in der Konstanzer Innenstadt und gefühlt einmal um die Stadt fahren, weil am Döbele ein Kreisel gesperrt ist?“, fragt Portmann. Er bestätigt das Umdenken in der Schweiz, was Konstanzer Einzelhändler bereits als Bedrohung für die Umsätze der kommenden Jahre wahrnehmen.

Portmann kennt sich aus mit dem Geschehen in der Nachbarstadt, die er als „früher interessant und heute wunderschön“ bezeichnet. Verkehr? „Hat Konstanz noch nie in den Griff bekommen.“ Das künftige Einkaufszentrum Cano in Singen? „Eine echte Bedrohung für Konstanzer Händler.“ Das mögliche Ende des Seenachtfests? „Ein traurige Zerstörung von Tradition.“

Europa gelebt, bevor es den Begriff überhaupt gab

Kritik am Verhalten seiner Landsleute auf den Straßen? „In Teilen berechtigt, einige haben ihre guten Manieren vergessen.“ Das Verhältnis zwischen Konstanzern und Kreuzlingern?

Jetzt blitzen Portmanns Augen auf: „Wir haben Europa bereits gelebt, da hat noch niemand über diese Redewendung nachgedacht.“ Der Standort seines Geschäfts ist Sinnbild hierfür. „Am Ende der Schweiz, am Ende von Deutschland“, fasst der Zigarrenhändler zusammen, der auch als Rentner nicht am Ende ist.