Eben schien das Boot noch weit entfernt. Da legt es schon an. Niemand springt aufs Deck und fängt an, mit Tauen zu hantieren. Denn es senkt sich mit einem leisen Surren eine Rampe, ferngesteuert vom Kapitän. Fahrgäste steigen aus, neue Passagiere steigen ein. Wieder das leise Surren, die Rampe hebt sich, das Schiff legt ab und steuert die nächste Haltestelle dieser Buslinie auf dem Wasser an.

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Zukunftsmusik für Konstanz, wo die Diskussion über einen Wasserbus vom Petershauser Seerhein-Ufer in die Innenstadt neue Fahrt aufnimmt? Nein. Das ist Wirklichkeit in Hamburg. Alle 15 Minuten verbinden Boote wesentliche Punkte an der Elbe miteinander. Landungsbrücken, Museumshafen Övelgönne, Finkenwerder. Linie 62, an Bord sind routinierte Einheimische ebenso wie aufgeregte Touristen. Und eine einzige Person, die das alles managt. Ein Kapitän, bis zu 250 Fahrgäste und viel Übung im Navigieren zwischen 400 Meter langen Super-Containerschiffen, Touristenbooten und Krananlagen.

Die Hamburger Wasserbusse verfügen über automatische Rampen für das Zu- und Aussteigen. Auch deshalb sind keine zusätzlichen Matrosen als Bordpersonal erforderlich.
Die Hamburger Wasserbusse verfügen über automatische Rampen für das Zu- und Aussteigen. Auch deshalb sind keine zusätzlichen Matrosen als Bordpersonal erforderlich. | Bild: Rau, Jörg-Peter

Die Konstanzer Delegation, die sich unter Leitung von Stadtwerke-Geschäftsführer Norbert Reuter und Oberbürgermeister Uli Burchardt diese hanseatische Version des Wasserbusses anschaut, kommt aus dem Staunen kaum heraus. Sie kommt aus einer Welt mit Regelungen, die mit der Hamburger Realität nicht viel zu tun hat.

Für den Katamaran zwischen Konstanz und Friedrichshafen haben die Behörden vorgeschrieben, dass immer zwei ausgebildete Kapitäne an Bord sein müssen. Auf dem im Vergleich zur Elbe beschaulichen Seerhein gilt ein Tempolimit von zehn Kilometern pro Stunde. Der Bau eines einfachen Anlegestegs setzt eine mehrjährige Planung voraus, an dessen Ende ein Benutzungsverbot in der Abenddämmerung, in der Nacht, in der Morgendämmerung und in den Wintermonaten steht.

Gut genutzt: Rund acht Millionen Passagiere nutzen jedes Jahre die Wasserbusse der Hamburger Reederei Hadag. Zum Vergleich: Konstanz kommt auf allen Linien des Roten Arnold zusammen im gleichen Zeitraum auf rund 13 Millionen Busfahrgäste.
Gut genutzt: Rund acht Millionen Passagiere nutzen jedes Jahre die Wasserbusse der Hamburger Reederei Hadag. Zum Vergleich: Konstanz kommt auf allen Linien des Roten Arnold zusammen im gleichen Zeitraum auf rund 13 Millionen Busfahrgäste. | Bild: Rau, Jörg-Peter

Und wie machen sie es in Hamburg? Dass als Hilfs- und notfalls Rettungskraft nicht einmal ein Matrose an Bord sein muss, verwundert nicht nur die Geschäftsführung und die Aufsichtsratsmitglieder der Stadtwerke Konstanz.

Egal, ob die Flut im Hamburger Hafen gerade auf- oder abläuft, egal, ob mal wieder eine steife Brise weht: Der Kapitän drückt sein Boot zum Anlegen mit dem Bugstrahlruder an eine breite Gummileiste, das muss für das Ein- und Aussteigen reichen. Und trotzdem erzielen die Wasserbusse auf der Elbe keinen Gewinn. 52 Prozent beträgt der Kostendeckungsgrad der Reederei Hadag, erfahren die Gäste vom Bodensee, der Rest sind wie auch sonst im öffentlichen Nahverkehr Zuschüsse.

Die nächste Generation: Neue Wasserbusse im Hamburg fassen bis zu 400 Passagiere. Hier ist ein Neubau zu sehen, der auf der Pella Sietas Werft kurz vor der Fertigstellung steht – bei dem gleichen Unternehmen, das auch das 14. Fährschiff für die Linie Konstanz-Meersburg baut. Der Wasserbus für Hamburg kostet nach Angaben der Werft rund vier Millionen Euro.
Die nächste Generation: Neue Wasserbusse im Hamburg fassen bis zu 400 Passagiere. Hier ist ein Neubau zu sehen, der auf der Pella Sietas Werft kurz vor der Fertigstellung steht – bei dem gleichen Unternehmen, das auch das 14. Fährschiff für die Linie Konstanz-Meersburg baut. Der Wasserbus für Hamburg kostet nach Angaben der Werft rund vier Millionen Euro. | Bild: Rau, Jörg-Peter

Klar wird aber auch auch: Als leistungsfähiges Verkehrsmittel sind die Wasserbusse in Hamburg erfolgreich, weil auf ihnen der gleiche Tarif gilt wie sonst in der Stadt. Mit allen Fahrscheinen kann man auch über die Elbe schippern. Und der Takt ist attraktiv, von morgens bis abends wartet niemand mehr als eine knappe Viertelstunde.

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Um auf dem Seerhein so etwas hinzubekommen, wären neben günstigen sonstigen Rahmenbedingungen mindestens zwei Boote erforderlich. Die für Hamburg kosten übrigens rund vier Millionen Euro – diesen Preis hat die Pella Sietas Werft laut ihrer Geschäftsführerin Natallia Dean für einen neuen Wasserbus aufgerufen, der am Hamburger Stadtrand kurz vor der Fertigestellung steht.

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Das Boot an der Haltestelle Finkenwerder ist unterdessen klar für die Rückfahrt. "Zurückbleiben", warnt eine automatische Ansage. Die Rampe klappt nach oben, der Bus legt ab. Nicht gemächlich, sondern flott fährt es zurück in Richtung Innenstadt. So flott, dass nicht nur die Manöver der "Reichenau" am Steg des Bodenseeforums zuhause in Konstanz etwas langsam wirken – nein, es wirkt so, dass das ganze Thema Wasserbus in Konstanz irgendwie nicht besonders schnell vorankommt.

Wasserbusse: Wie sie funktionieren und wie die Perspektiven für Konstanz aussehen

  • Das Wasser als Transportweg: Personennahverkehr mit Personenfähren gibt es in vielen Städten weltweit. Nicht nur in Hamburg und Venedig gibt es schwimmende Busse. Auch Stockholm auf den vielen Schären der Ostsee setzt eben U-Bahn und Bussen auch Linien auf dem Wasser ein. Berlin, Tokyo und Südholland setzten ebenfalls Wasserbusse ein, Köln plant derzeit eine Einführung. Und auch Konstanz hatte einst eine Fährverbindung über den Rhein, die dann durch die Fahrradbrücke abgelöst wurde.
  • Die Versuche in Konstanz: Fast zehn Jahre, nachdem die SPD im Gemeinderat das Thema Wasserbus erstmals aufgebracht hat, gab es diesen Sommer einen Probebetrieb mit einer Linie zwischen dem Bodenseeforum mit seinem Großparkplatz und dem Hafen in der Innenstadt. Allerdings verkehrten die "Reichenau" der Bodensee-Schiffsbetriebe nur samstags, und der Fahrplan mit 13 Minuten Fahrzeit und knappen Zeiten zum Ein- und Aussteigen erwies sich als zu knapp.
  • Die Zukunftsideen: Die Stadt will weiter an der Wasserbus-Idee festhalten. Das war ein Grund für eine Exkusion von Experten und Stadtwerke-Aufsichtsräten nach Hamburg, wo es seit Jahrzehnten gute Erfahrungen gibt. Das Ziel ist, dass zwei Elektroboote ganzjährig die Linie vom Bodenseeforum in die Stadt bedienen, möglicherweise mit einem Zwischenhalt am Pulvertum am Rand der Niederburg. Allerdings ist noch nicht klar, wie das finanziert wird: Die Stadtwerke erwarten einen Zuschuss von der Stadt, denn sie gehen nicht davon aus, dass der Betrieb schon zu Beginn seine Kosten deckt – zumal, wenn die Benutzung des Schiffs nicht teurer sein soll als eine Fahrt mit dem Bus auf der Straße.