„Auch in Zukunft muss nicht jeder von uns Autos bauen können. Aber wir brauchen alle den Führerschein.“ Mit diesem Bild beschreibt Claudius Marx, Hauptgeschäftsführer der Industrie- und Handelskammer (IHK) Hochrhein-Bodensee, die nötigen Fähigkeiten der Zukunft. Und er nimmt gleichzeitig eine große Angst von den Menschen: Zwar gehören technische Kompetenzen in zehn Jahren noch mehr zum Basiswissen als heute. Doch nicht jeder von uns wird zum Programmierer werden müssen. Vielmehr erfahren die Soft Skills, die „weichen“ oder persönlichen Fähigkeiten, einen neuen Aufschwung.

Das bestätigt Alina Wolf von der Zentralen Studienberatung der Hochschule Konstanz für Technik, Wirtschaft und Gestaltung (HTWG). „Laut einer aktuellen Linkedin-Studie werden in zehn Jahren funktionsübergreifende Kompetenzen, Verhandlungs- und Mitarbeiterführung von höchster Bedeutung sein. Auch interkulturelle Kompetenz ist dann stärker gefragt“, so Wolf. Gesucht werden also zunehmend Mitarbeiter, die gut kommunizieren können – mit ihren Kollegen, mit Akteuren außerhalb des Unternehmens und über Sprachgrenzen hinweg. Wer dazu noch Daten analysieren und interpretieren kann, ist ein Gewinner der Zukunft.

Was genau sind aber funktionsübergreifende Kompetenzen, die laut der Studie am stärksten an Bedeutung gewinnen werden? Sabine Schimmel, Bildungsexpertin bei der Konstanzer Handwerkskammer, nennt als Beispiel prozessorientiertes Denken. „Das wird neben der Medienkompetenz eine Schlüsselqualifikation der Zukunft sein“, so Schimmel. „Der Arbeitnehmer darf nicht mehr nur einzelne Arbeitsschritte im Blick haben, sondern muss das große Ganze betrachten und sich vermehrt mit anderen vernetzen, die an demselben Projekt arbeiten.“

Das Stichwort, das alles andere überlagert, lautet Digitalisierung. Dass wir schon längst mitten in diesem Prozess stecken, ist unbestritten. Doch selbst Experten wissen nicht genau, wohin die Entwicklung noch führen wird. Die Folgen sind aber durchaus erkennbar. Claudius Marx erklärt: „Digitalisierung bedeutet, dass neben der realen Welt ein komplettes digitales Abbild davon entsteht, wir haben also zwei parallele Welten. Unsere Berufe verlagern sich immer mehr ins Digitale, Beispiel Lagerarbeiter. Heute fahren sie noch mit einem richtigen Gabelstapler durch Hallen und holen Ware aus Regalen. In wenigen Jahren bedienen Lagerlogistiker nur noch einen Computer, ein Roboter holt automatisch das Gewünschte heraus.“ Schon heute müssten Piloten nicht mehr im Flugzeug sitzen, sagt Marx, der selbst einen Pilotenschein besitzt. Technisch sei es möglich, die Flieger vom Boden aus zu steuern. Einzig das mangelnde Vertrauen der Passagiere verhindere den Einsatz dieser Technik. Überhaupt, das Vertrauen: Werte gewinnen wieder an Bedeutung, da ist sich Claudius Marx sicher: „Es wird eine Gegenbewegung zur Digitalisierung geben: die Renaissance der Menschlichkeit.

Denn am Ende der Kette, und sei sie auch noch so technisch, stehen ja wieder Menschen. Vertrauen, Zuwendung und Verantwortung lassen sich nicht digitalisieren.“ Auch hierfür hat der Experte ein Beispiel: „Selbst im Jahr 2030 möchte im Restaurant niemand ein Gericht per Tablet bestellen und vom Fließband an den Tisch gebracht bekommen. Wir gehen essen, weil wir wollen, dass sich jemand um uns kümmert.“

Auf die Ausbildung haben die skizzierten Entwicklungen erheblichen Einfluss. Mit dem Fortschritt mitzuhalten, ist die größte Herausforderung. Sie gelingt, aber nur mit Verzögerung. „Im gymnasialen Physikbuch meiner Kinder wird noch die Glühbirne erklärt“, sagt Marx und lacht. Auch die Ausbildungsverordnungen in Industrie und Handwerk werden nicht ständig geändert, einige haben 15 Jahre lang Bestand. Und selbst wenn ganz neue Berufe entstehen, mahlen die Mühlen langsam. Marx erzählt: „Wir haben die Ausbildung zum Kaufmann oder Kauffrau im E-Commerce geschaffen, ausgerichtet auf digitale Geschäftsmodelle. Inhaltlich steht das Ganze. Doch die Ministerien müssen noch grünes Licht geben, so dass diese Ausbildung erst im August 2018 gewählt werden kann.“ Von der ersten Idee bis zum Start dauert es somit zwei bis drei Jahre.

Das gute alte Berichtsheft muss künftig online geführt werden, Azubis und Ausbilder benötigen eine bundesweit einheitliche Plattform für den Austausch. Das alles gibt es noch nicht. Zumindest im Bereich von Dominik Anthöfer, Lehrmeister Sanitär/Heizung/Klima für die Handwerkskammer Konstanz, geht es mit großen Schritten voran: „Wir von der Singener Bildungsakademie haben uns auf ein Förderprogramm des Bundeswirtschaftsministeriums zur Digitalisierung beworben und einen Großteil des Fördertopfs abgeräumt“, so Anthöfer. Damit wurde neue Technik angeschafft. Anthöfer ist überzeugt von diesem Weg: „Der handwerkliche Anteil an unserem Beruf geht noch weiter zurück. Der reine Hauptschüler wird in unserer Sparte bald ausgedient haben.“ Hier widerspricht Marx: „Ich würde die Haupt- oder Werkrealschüler nicht unterschätzen! Die Trennlinie verläuft eher zwischen Alt und Jung.“ Auch Marina Seeberger, Geschäftsführerin der Konstanzer Firma Fuchs Haustechnik, hält nichts davon, rein auf EDV-Kenntnisse zu setzen: „Meine Mitarbeiter heute sowie in der Zukunft müssen vor allem gute Handwerker sein. Die Digitalisierung verlegt keine Leitung in die Wand.“

Die Berufsbilder verändern sich

  • Die Studie: In einer repräsentativen Studie hat das Kontaktnetzwerk Linkedin deutsche Vorstände und Personalverantwortliche befragt, welche Fähigkeiten heute und in zehn Jahren am gefragtesten sein werden. 87 Prozent der Umfrageteilnehmer geben an, dass die Fähigkeit zur Datenanalyse aktuell „sehr wichtig“ oder „eher wichtig“ sei. Dass diese Kompetenz in zehn Jahren entscheidend ist, glauben sogar 91 Prozent von ihnen. Das Wissensmanagement liegt derzeit mit 82 Prozent auf dem zweiten Platz; in zehn Jahren sehen die Befragten diese Kompetenz mit 93 Prozent auf dem Spitzenplatz. Die größten Sprünge machen Unternehmensführung (von 50 auf 73 Prozent), allgemeine Digitalkompetenz (von 53 auf 69 Prozent) sowie Programmierkenntnisse (von 32 auf 48 Prozent). Entscheidungsfähigkeit, öffentliches Sprechen und Kreativität verlieren an Bedeutung, vermuten die Umfrageteilnehmer.
  • Die Ausbildung bei der Handwerkskammer: Laut Sabine Schimmel, Bildungsexpertin bei der Konstanzer Handwerkskammer, gibt es 130 Handwerksberufe in Deutschland. Im Zuständigkeitsbereich der Konstanzer Kammer (Landkreise Konstanz, Rottweil, Tuttlingen, Waldshut und Schwarzwald-Baar) unterschrieben Lehrlinge in 83 dieser Berufe in diesem Jahr einen Ausbildungsvertrag. In den vergangenen Jahren habe sich die Zahl der Ausbildungsberufe kaum verändert, und das werde auch in Zukunft eher nicht passieren, sagt Sabine Schimmel. Vielmehr verändern sich bestehende Berufsbilder. Zwei Beispiele: Der Land- und Baumaschinenmechaniker heißt jetzt Land- und Baumaschinenmechatroniker. Und für den Kraftfahrzeug-Mechatroniker gibt es den neuen Schwerpunkt System- und Hochvolttechnik für die Wartung von Autos mit Elektro- oder Hybridantrieb. Im Kreis Konstanz wählten nur zwei Azubis aus Singen diesen neuen Schwerpunkt.
  • Die Ausbildung bei der IHK: Im Landkreis Konstanz bildet die Industrie- und Handelskammer Hochrhein-Bodensee in 106 Berufen aus. In unserer Region sind die Ausbildungsberufe im Handel und im Transportgewerbe stark vertreten. Auch der relativ neue Beruf Kaufmann für Büromanagement wird laut IHK sehr gut angenommen. Ausbildungen, bei denen die Lehrlinge in Internaten wohnen oder zur Schule sehr weit fahren müssen, werden unbeliebter. Die Zahl der Neueintragungen im Landkreis Konstanz ist sehr stabil: Pro Jahr beginnen zwischen 1200 und 1300 junge Menschen eine Ausbildung in einem IHK-Beruf.

Kirsten Schlüter