Frau Simon, Frau Deike-Münstermann, am 8. März ist Weltfrauentag. Warum ist es Ihrer Meinung nach wichtig, dass es ihn gibt?

Sandra Simon: Der Weltfrauentag ist ein historisch gewachsener Tag, den es schon seit über 100 Jahren gibt und er hat nicht die gleiche Relevanz wie etwa der Tag der Jogginghose. Dieser Tag ist zum einen wichtig, um uns daran zu erinnern, wie sich die Situation bis heute verbessert hat. Zum anderen aber natürlich auch, um in Zukunft darauf aufmerksam zu machen, dass es eben immer noch Länder oder Bereiche gibt, in denen Frauen noch lange nicht gleichberechtigt sind.

Antina Deike-Münstermann: Der Weltfrauentag ist in Deutschland nach 100 Jahren nicht mehr so wichtig wie früher. Wichtig ist aber, eine gemeinsame Stimme, grenzübergreifend, also international für Frauen zu schaffen, um für die Frauen etwas zu erreichen, die diese Rechte heute noch nicht haben. Es gibt ein Zitat von Alice Schwarzer, die sagt so etwas wie „Lasst uns diesen Weltfrauentag doch endlich abschaffen und 365 Tage für Gleichberechtigung zwischen Mann und Frau arbeiten“. Ich finde das ein schönes Zitat, weil es nicht darum geht, einmal im Jahr kurz daran zu denken, sondern, an diesem Thema ständig dran zu bleiben.

Was kann ich als einzelne Frau machen, wenn ich etwas für Gleichberechtigung tun möchte? Und welche Möglichkeiten haben Männer?

Antina Deike-Münstermann: Das Erste, was mir bei der Frage einfällt, ist, Zivilcourage zu zeigen, den Mut zu haben, Missstände laut auszusprechen. Zu sagen „Das finde ich nicht in Ordnung“. Einer Organisation beizutreten ist eine andere Möglichkeit, um gemeinschaftlich besser auftreten zu können. In einer Gemeinschaft bekommt die eigene Stimme mehr Relevanz.

Sandra Simon: Als Mann sollte man das Bewusstsein haben, in welcher Lebenssituation eine Frau steht. Ich finde, das fängt im Privaten an, als Partner, als Familienvater und als männlicher aber auch weiblicher Arbeitgeber. Arbeitgeber müssen sich bewusst machen, zahle ich den gleichen Lohn oder räume ich ihnen Möglichkeiten ein, Familie und Beruf unter einen Hut zu bringen. Das ist für viele von uns ein wichtiges Thema, denn nach wie vor stecken bei einer gemeinschaftlichen Familienplanung eher die Frauen zurück.

Antina Deike-Münstermann: Wer Kinder hat, sollte dieses Bewusstsein von Gleichberechtigung auch leben und an die Kinder weitergeben. Eine Familie ist eine Gemeinschaft und wenn ein Mann heute der Meinung ist, dass sich von Anfang an die Frau um Haushalt und Kindererziehung kümmern muss, stimmt etwas nicht.

Ist Feminismus heute in Deutschland noch wichtig?

Antina Deike-Münstermann: Das Erste, was ich sagen will, ist, dass wir keine Feministinnen sind. Der Feminismus ist in unserer Gesellschaft ziemlich verpönt, das Wort „Feminismus“ hat auch etwas von Radikalität. Wichtig ist uns die ehrlich gelebte Gleichberechtigung zwischen Mann und Frau. Wir wollen die gleichen Rechte wie Männer und Soroptimist International arbeitet daran, dass diese Diskrepanz kleiner wird und dass das in den Köpfen ankommt. Selbstbewusste Frauen sind nichts Schlimmes. Selbstbewusste Frauen sind in unserer Gesellschaft etwas Positives und Männer können davon profitieren, wenn Frauen selbstbewusst im Leben stehen.

Gerade in Bezug auf #metoo: Sind wir in einer Zeit des Wandels angekommen?

Antina Deike-Münstermann: Ich finde es erschütternd, wie sich derzeit unsere Gesellschaft ins Konservative verschiebt. Frauen müssen selbstbewusst sein und lernen, „Nein“ zu sagen. Nur, warum haben diese Frauen 10, 20 Jahre nichts gesagt? Nehmen wir hier jegliche Form der sexuellen Gewalt heraus, und gehen auf das Thema sexuelle Belästigung ein. Je selbstbewusster ein Mensch ist, desto eher sagt er „Nein“, wenn er etwas nicht will. Schweigen und Wegsehen ist hier das größte Problem. Und dass jetzt Kunstwerke in England abgehängt werden, weil nackte Frauen drauf abgebildet sind oder das spanische Gedicht an der Alice Salomon Hochschule in Berlin übermalt wird: Werden wir jetzt alle wieder prüde – wie im 19. Jahrhundert?

Sandra Simon: Es gibt so viele Bereiche der Kunst, in denen eine Frau auch mal erotisch dargestellt wird, als Skulptur etwa. Aber deswegen ist es ja keine Erniedrigung der Frau.

Antina Deike-Münstermann: Kunst zu sabotieren, die zum Beispiel erotische Motive zeigt oder von Persönlichkeiten geschaffen wurde, die sich nicht adäquat verhalten haben, wäre eine Katastrophe für unsere Freiheit – denn wer entscheidet, wer adäquat lebt? Und wer entscheidet, welches Bild, welche Skulptur oder welches Gedicht anstößig sind? Frauen wollen auch als Frauen wahrgenommen werden. Und letztendlich ist dieses Spiel zwischen Mann und Frau etwas ganz Wunderbares. Ein Flirt, eine Berührung, ein Annähern, ein Blick – ist das schon sexuelle Belästigung? Ich bin der Meinung, nein!

Soroptimist International Konstanz zeigt am Weltfrauentag in diesem Jahr den Film „Die göttliche Ordnung“. Weil der Anlass passt oder als Anstoß, mehr über seinen Hintergrund nachzudenken?

Sandra Simon: Wir zeigen den Film im Zusammenhang mit 100 Jahren Frauenwahlrecht in Deutschland. Der Film ist ein Symbol, denn dieses Recht, dass Frauen wählen dürfen, gibt es in der Schweiz erst seit relativ kurzer Zeit. Weltweit gibt es viele Länder, in denen Frauen nicht machen dürfen, was für uns in Deutschland längst selbstverständlich ist.

Antina Deike-Münstermann: Der Film erzählt ja von der Schweizer Situation. Wenn man ihn in Flensburg zeigt, hätte er eine ganz andere Relevanz als bei uns hier in Konstanz. Wir leben hier Haus an Haus mit den Schweizern. Dass der Film erst 2017 erschienen und noch nicht so bekannt ist, hat dabei natürlich auch eine Rolle gespielt. Wir haben ihn uns vorab in einer bunt gemischten Frauengruppe angeschaut und viel gelacht, waren aber auch betroffen oder erstaunt, zumindest die jüngeren. Junge Menschen wissen heute gar nicht, welche Probleme Frauen vor 40, 50 Jahren hatten und wie hart sie für die Rechte kämpfen mussten, auf denen wir uns ausruhen.

Fragen: Laura Marinovic