In George Taboris Stück „Mein Kampf“ von 1987 kümmert sich der Jude Schlomo Herzl im Jahr 1900 um den heruntergekommenen Adolf Hitler. Heute würde man sagen: Er coacht den verkrachten Künstler, weil er als gläubiger Mensch auch diesen hasserfüllten Rassisten zu lieben versucht. Der schwadroniert von künftiger Größe: „Ich will geschrumpfte Leute um mich haben, in Reih und Glied.“

Solcher Größenwahn ist aktuell, nimmt doch die Sehnsucht nach „Führern“ in Europa wieder zu. Was bisher über die – angeblich aus organisatorischen Gründen an Hitlers Geburtstag startende – Konstanzer Inszenierung bekannt geworden ist, lässt vermuten, dass uns das Theater an den Hitler in uns allen erinnern will.

Ist diese Gratwanderung nötig?

Mit einem Aufmerksamkeitsheischer gerät diese Inszenierung allerdings in Gefahr, ihre Zuschauer zu rechtlich und geschichtspolitisch problematischen Verhaltensweisen zu animieren: Judensterne und Hakenkreuze sind wie keine anderen Symbole der deutschen Geschichte kontaminiert. Zurecht steht ihre Verwendung – von wenigen Ausnahmen (Wissenschaft, Kunst) abgesehen – unter Strafe.

Der Paragraph 86 a des Strafgesetzbuches beschreibt ein „abstraktes Gefährdungsdelikt“, das heißt: Weder muss der Täter dieses Delikts dem Symbol inhaltlich zustimmen noch muss davon eine konkrete Gefahr für die Rechtsordnung ausgehen. Es reicht, dass ein objektiver Betrachter den Eindruck gewinnt, die Träger des Zeichens könnten sich mit der NS-Zeit identifizieren.

Das Theater, das solche Symbole vorrätig hält und verteilt, und die Zuschauer, könnten sich strafbar machen. Ist diese Gratwanderung nötig? Seit Protest laut wird, weicht das Theater zurück: „Davidstern“ und Hakenkreuz sollen nur freiwillig angesteckt werden. Gleichzeitig wird der „teils fragwürdige Umgang unserer Gesellschaft mit der Vieldeutigkeit nationalsozialistischer Symbole und Zitate“ beklagt: Ein psychologisch schönes Beispiel der Verkehrung von Ursache und Wirkung.

Für Zusammenhalt mit den toten, jüdischen Mitbürgern ist es zu spät

Wirklich fragwürdig ist die von der Jüdischen Gemeinde befürchtete Schmähung der fortwirkenden Menschenwürde der Opfer des Nationalsozialismus. Das Theater entgegnete, die beiden Symbole seien „ein notwendiger Teil des Kunstwerks.“ Zu welchem Zweck? Die Verantwortlichen erklären: „Das Tragen des Davidsterns ist eine positive Geste der Solidarität mit den Opfern von nationalsozialistischer Gewaltherrschaft, Fanatismus und Faschismus.“

Solidarität unterstreicht, laut Wikipedia-Lexikon, „den Zusammenhalt zwischen gleichgesinnten oder gleichgestellten Individuen und Gruppen“. Für unseren Zusammenhalt mit den toten Juden ist es etwas zu spät: Unsere Eltern und Großeltern haben sie ausgeplündert, umgebracht oder nur weggeschaut.

So könnte es im Theater zu absurden Szenen kommen: Der Enkel eines Konstanzer NS-„Arisierers“ sitzt mit Davidstern am Revers vor der Bühne und fühlt sich sehr solidarisch mit den Opfern seines Großvaters. Der Enkel des beraubten und verschleppten Juden wird auf diese Solidarität pfeifen, denn sein Opa wurde 1942 in Auschwitz ins Gas geschickt.

Falsche Mittel wurden gewählt

Mit dem fortwirkenden Trauma auch der nachfolgenden jüdischen Generation und mit dem historischen Leid sollte kein missverständliches Theater-Spiel getrieben werden – auch wenn die Aktion mit forcierten Mitteln das Gute will.

Heutige Solidarität mit ausgebeuteten, verfolgten und vom Tode bedrohten Menschen braucht die Symbole der Nazizeit nicht. Nötig sind Einsicht in unsere häufig wirtschaftlich oder geopolitisch motivierte Kumpanei mit Unrechtssystemen, Bekennermut und eigenes Handeln, dort, wo wir etwas verändern können.