Konstanz Kochkurs über offenem Feuer: In der Steinzeit wurde auch gut gegessen

Der Oberdorfer Steinzeit-Experte Herbert Gieß zeigt in einem Kochkurs, wie früher Essen zubereitet wurde. Das führt zu manch einem Aha-Erlebnis – und schmeckt.

Zurück in die Steinzeit versetzt fühlen sich alle, die den Pfahlbau-Experten Herbert Gieß in Oberdorf besuchen. Wer hat schon ein kleines nachgebildetes Pfahlbauhäuschen im Garten stehen? Gieß natürlich. Seit seiner Kindheit sammelt er am Bodenseeufer Funde aus längst vergangenen Zeiten. Die Pfahlbauzeit ist seine Leidenschaft und für die Dingelsdorfer ein Geschenk, denn sein großer Fundus ist der Grundstock für die kleine, feine Pfahlbauaustellung im Dingelsdorfer Rathaus. Nicht nur das: "Mit meiner Sammlung daheim können wir hundert Ausstellungen machen", schmunzelt Herbert Gieß. Dies ist auch das Ziel, denn "es ist wichtig, dass wir jedes Jahr etwas Neues bieten, denn nur so bleibt unser Museum interessant", sagt der Fachmann, dem es ein Herzensanliegen ist, Kinder und Erwachsene vom Leben in der Steinzeit zu begeistern. Die lebendige Wissensvermittlung ist ihm wichtig, weshalb er als Mitglied der Freunde und Förderer der Dingelsdorfer Pfahlbauaustellung immer wieder Workshops anbietet, wie beispielsweise Steinzeitkochen.

Das große Lagerfeuer lodert bereits. Herbert Gieß lässt die Kinder nicht aus den Augen – allen voran seinen Sohn Erik (6). Dann wendet er sich den Erwachsenen zu, die sich für den außergewöhnlichen Kochkurs entschieden haben, denn bei Gieß heißt es: anpacken und mit nachgebildeten Steinzeitwerkzeugen und Zutaten, die es schon in der Pfahlbauzeit gab, ein Menü zuzubereiten. Experimentelle Archäologie heißt hier das Stichwort. Die Mitglieder des Fördervereins machen gerne mit und lernen dabei nicht nur das Feuerschlagen, das anfangs sehr viel Zeit und noch mehr Geduld erfordert.

Auch Herbert Gieß selbst, der wahrlich über einen reichhaltigen Wissensschatz verfügt, hat zuweilen Aha-Erlebnisse. Es war ihm lange ein Rätsel, warum die Tontöpfe, die zum Kochen verwendet wurden, dreifarbig sind. Erst, als die Vereinsmitglieder mit einem Replikat experimentierten, erfuhren sie des Rätsels Lösung: "Das Essen kocht über und brennt an", stellt Herbert Gieß fest.

Die Steinzeitmenschen waren die ersten Bauern. "Sie hatten Rinder, Schafe, Ziegen, Schweine und damit Fleisch und Milch", erläutert Elisabeth von Gleichenstein, Leiterin des Dingelsdorfer Pfahlbaumuseums. "Sie haben aber nur zaghaft in die eigenen Bestände eingegriffen", ergänzt Herbert Gieß. Dafür aber sei alles, was sie gefunden haben, im Kochtopf gelandet, angefangen von Kräutern bis hin zu Fröschen. Getreide wurde seinerzeit auch angebaut, wobei Elisabeth von Gleichenstein die Urgetreide, die heute wieder en vogue sind, darunter Emmer und Einkorn, anspricht. Gerste, Nacktweizen, Hülsenfrüchte, Wurzelgemüse, wilde Karotten standen damals ebenfalls auf der Zutatenliste.

Doch genug der Worte – Herbert Gieß will Taten sehen. Barbara Brdiczka hat sich für die Zubereitung des Desserts entschieden: Quark mit frischen Beeren. Für das Schlagen des Quarks bekommt sie einen Steinzeit-Quirl in die Hände gedrückt. "Ein Fichtenast mit kleinen Ästchen ist der Schneebesen", erklärt Herbert Gieß und meint: "Damit geht's ganz schnell." Von wegen! Barbara Brdiczka müht sich. Gieß schüttelt den Kopf: "Warum nimmst Du nicht etwas Milch?" "Hab mich nicht getraut: Du bist doch der Chefkoch", meint die freiwillige Küchenhilfe, die sofort feststellt: Wenn die Mischung stimmt, dann geht's auch mit dem Steinzeit-Schneebesen ruckzuck.

Mit dem Steinzeitbesen – einem Fichtenast – bereitet Barbara Brdiczka die Quarkspeise zu.
Mit dem Steinzeitbesen – einem Fichtenast – bereitet Barbara Brdiczka die Quarkspeise zu.

Derweil schauen die Dettinger Sylvia und Franz Madl skeptisch auf die Feuersteinklingen, mit denen sie Karotten klein schneiden sollen. Beinahe zögerlich gestaltet sich der erste Versuch, der umgehend in großem Staunen gipfelt. "Das ist ja der Hammer! Der Stein ist messerscharf", entfährt es Franz Madl. Sylvia Madl wollte all das unbedingt einmal selbst ausprobieren. "Immer wenn ich in der Ortsverwaltung bin, schaue ich mal ins Pfahlbaumuseum rein. Es ist bewundernswert, was man alles am See finden kann, wenn man mit offenen Augen durch die Landschaft geht", würdigt sie die Sammelleistung von Herbert Gieß. Der Abend wird gekrönt von einem lukullischen Mahl, das ohne Geschmacksverstärker und chemische Zusatzstoffe hervorragend mundet und gesund ist. "Herbert Gieß ist jemand, der Begeisterung vermitteln kann", sagt Christoph Zorn, der sich schon auf die nächste Aktion freut.

Der Schein trügt: Die Feuersteinmesser sind wider Erwarten sehr scharf.
Der Schein trügt: Die Feuersteinmesser sind wider Erwarten sehr scharf.
Hochkonzentriert und vorsichtig schnippeln (von links) Marthe, Kim und Ella Möhren und Kräuter mit Feuersteinmessern klein.
Hochkonzentriert und vorsichtig schnippeln (von links) Marthe, Kim und Ella Möhren und Kräuter mit Feuersteinmessern klein.

Pfahlbau-Museum im Rathaus

  • Die Entstehung: Bereits im Jahr 2009 wurde der Förderverein für die Dingelsdorfer Pfahlbau-Ausstellung gegründet. Im Vorstand sind Bürger sowie Fachleute der Archäologie und des Museumswesens vertreten. Die wissenschaftliche Beratung wird durch das Landesamt für Denkmalpflege geleistet. Im Juni 2011 hat die Unesco-Welterbekommission die frühen Pfahlbausiedlungen rund um die Alpen als grenzüberschreitendes Unesco-Welterbe in seine Liste aufgenommen. Im Oktober 2011 wurde das kleine Museum in Dingelsdorf eröffnet.
  • Die Öffnungszeiten: Das Museum im Dingelsdorfer Rathaus, Rathausplatz 1, ist montags bis freitags von 8 bis 12 Uhr, mittwochs von 14 bis 16.30 Uhr sowie jeden ersten Sonntag im Monat von 14 bis 16 geöffnet. Der Eintritt ist kostenlos. Die nächste öffentliche Führung gestaltet Dieter Brdiczka am Sonntag, 3. September, von 14 bis 16 Uhr.
  • Die Aktionen: Für Gruppen und Schulklassen bietet der Förderverein Führungen und Workshops an. Information und Anmeldung unter Tel. (07533) 52 95, E-Mail: info@pfahlbau-dingelsdorf.de. Auf der Homepage unter der Adresse www.pfahlbau-dingelsdorf.de gibt es weitere Informationen, ebenfalls in der neuen App der Stadtwerke Konstanz: Mein Konstanz (mehr dazu im Internet unter www.meinkonstanzapp.de). (as)

Ihre Meinung ist uns wichtig
Historische Momente
Neu aus diesem Ressort
Gewinnspiel
Konstanz
Konstanz
Konstanz
Konstanz
Konstanz
Die besten Themen
Kommentare (0)
    Jetzt kommentieren