Als Ernst Zülle diesen Satz sagt, brandet Applaus auf: "Wir wollen die Kleingärten nicht vertreiben." Den anwesenden Kleingärtnern ist die Entspannung anzusehen. Soeben hatte ihnen der Bau-Stadtrat Kreuzlingen die Garantie gegeben, dass sie weiterhin ihr Gemüse auf Konstanzer Eigentum und auf Schweizer Hoheitsgebiet anbauen dürfen. Damit ist eine lange Hängepartie zu Ende.

Seit mehr als eineinhalb Jahren waren die Kleingärtner im Töbeli oder Döbeli, wie das Döbele auf Schweizer Seite heißt, im Unklaren. Mit ihnen hatte niemand über Ideen gesprochen, was mit dem Areal geschehen soll. Sie waren erst durch Aussagen von Lokalpolitikern in Medien aufgeschreckt. Es war Ernst Zülle selbst, der einst die Aufregung um das Töbeli nicht nachvollziehen konnte, zumal die Pläne seit Langem bekannt seien. Und es war seine Stadtratskollegin Dorena Raggenbass, die sich damit zitieren ließ, dass ein Ausbau der Sportplätze im Töbeli nicht ohne Umsiedlung von Kleingärten und Reduktion von Landwirtschaftsflächen gehen werde. Die Kleingärtner fühlten sich durch anschließendes Schweigen erst recht allein gelassen. Zwar sorgte eine Gemeinderatssitzung im April 2015 für etwas Beruhigung. Doch die Sorgen um ihre Parzellen waren nicht ausgeräumt, zumal ein Antrag der SPD scheiterte, einen Bestandsschutz für alle heutigen Nutzungen auf dem Areal festzuschreiben.

Es sollte die SPD sein, die mit einer Informationsveranstaltung am Mittwochabend Transparenz herstellte. Transparenz, nachdem sich die Gemeinderäte von Konstanz und Kreuzlingen kürzlich zu einem Austausch hinter verschlossenen Türen über die Zukunft des Geländes getroffen hatten – und anschließend wieder Schweigen herrschte. Weil es sich "um eine reine Informationsveranstaltung über den derzeitigen Stand der Arbeitsphase" gehandelt habe und keine Ergebnisse vorlägen, erklärte die Stadtverwaltung am Donnerstag auf Anfrage. Vertreter des Rathauses waren bei dem SPD-Termin nicht dabei, aus Zeitgründen, wie es weiter hieß.

36 Kleingartenanlagen, weniger als einst befürchtet, hätten zur Disposition gestanden, erklärte Ruedi Wolfender, Leiter des Amtes Gesellschaft und Liegenschaften bei der Stadt Kreuzlingen. Eine Verlagerung der Parzellen hätte in Verbindung mit einer Maximallösung gestanden. Konstanz und Kreuzlingen arbeiten seit geraumer Zeit an einer gemeinsamen städtebaulichen Entwicklung. Beide Kommunen melden ihre Bedürfnisse an. So wünscht sich Kreuzlingen, Sportstätten zu konzentrieren. Zur Diskussion stand, drei Fußballplätze des FC Kreuzlingen von Klein Venedig ins Töbeli zum AS Calcio zu verlegen. Dafür hätten Parzellen umziehen müssen, ans andere Ende der Stadt. Gegen diese Überlegungen habe es beim gemeinsamen Treffen "große Widerstände des Konstanzer Gemeinderats gegeben", blickte Bau-Stadtrat (ähnlich Baubürgermeister) Ernst Zülle zurück, und: "Wir müssen die Planungen korrigieren.

" Überlegt werde nun, ob die drei Plätze des FC Kreuzlingen, der ohnehin nicht ins Töbeli wollte, in den Osten Kreuzlingens (Seezelg) ziehen, ebenso die Tennishalle. Ziel ist, ein frei geräumtes Klein Venedig beiderseits der Grenze neu zu gestalten. Hierfür gibt es aus einem Wettbewerb (Europan) einen ersten Entwurf, der unter anderem Wohnen, einen großen Platz und einen die Städte verbindenden Steg vorsieht. Zudem ist eine S-Bahn zwischen Münsterlingen und Allensbach vorgesehen. Was auch immer kommen soll, ob im Töbeli oder auf Klein Venedig, in Kreuzlingen hat das Volk das letzte Wort.

Beim Töbeli gibt es weitere Begehrlichkeiten. Konstanz wünscht sich ein Naherholungsgebiet für seine Bürger, hierfür müsste ein Übergang zwischen dem Stadtteil und dem Areal, über die Grenzbachstraße hinweg, geschaffen werden. Bei allen Gedanken müsse berücksichtigt werden, dass das Töbeli bei Hochwasser der angrenzenden Bäche als Überlauffläche diene. Zudem bestehe die Möglichkeit, so Vertreter der Kreuzlinger Verwaltung, dass zum Ausbau des Hochwasserschutzes wenige Kleingärten innerhalb der Anlage umziehen müssten. Die Schweizer Seite, genauer gesagt der AC Calcio, hat über seine zwei bisherigen Spielfelder hinaus Platzbedarf. Eine der Überlegungen ist, aus einem Naturrasen- einen intensiver bespielbaren Kunstrasenplatz zu machen; und ein weiteres Feld auf einer landwirtschaftlichen Fläche zu errichten.

Auslaufende Verträge

Bei dem SPD-Termin wurde deutlich, dass "es sehr viele Interessen und Betroffene" gibt, sagte der Konstanzer Fraktionsvorsitzende Jürgen Ruff in seiner Ansprache vor den zahlreichen Zuhörern. Eben jener AS Calcio hat es als Betroffener besonders eilig. Die Mietverträge des Fußballclubs – von 400 Mitgliedern ist laut Vizepräsident Daniele Scardino ein Viertel aus Konstanz – laufen noch in diesem Jahr aus. Der Verein wünscht sich von der Stadt Konstanz, genauer gesagt von der Spitalstiftung als Eigentümerin des Geländes, einen Anschlussvertrag über weitere 33 Jahre, damit es mit der Cluberweiterung weitergehen kann. Bei allen Gedankenspielen und Plänen über die Zukunft des Töbeli und des Agglomerationsprogramms, "ist dies für uns spielentscheidend", sagte Ernst Zülle. "Es wird ganz schwierig für uns, wenn die Verträge nicht verlängert werden", ergänzte Ruedi Wolfender. Daran hänge die Gestaltung des Areals.

Konstanz betrachtet die Dinge wohl von der anderen Seite. Auf die Frage, ob Konstanz dem AS Calcio eine Zusage über eine Vertragsverlängerung geben kann, heißt es aus dem Presseamt: "Nein, da derzeit noch keine Planung vorliegt. Vertragsangelegenheiten sind der letzte Schritt der Arbeiten, nachdem die Planung erarbeitet und vom Gemeinderat beschlossen wurde." Es scheint die nächste Hängepartie eingeläutet zu sein, nachdem die Kleingärtner nun aufatmen können. "Ich nehme Sie beim Wort, dass die 36 Gärten nicht umziehen müssen", sagte Anne Kern. Den bejubelten Satz von Ernst Zülle hat sich Schriftführerin der Gartenfreunde Döbeli gut gemerkt.

Das Gebiet

Ähnlich wie beim Tägermoos ist das Döbele ein Sonderfall. Das Gebiet erstreckt sich über die Grenze hinweg, ist Konstanzer Eigentum, liegt aber auf Schweizer Hoheitsgebiet. Kreuzlingen hat die Planungshoheit inne. Ohne Konstanz geht es aber nicht. Deshalb sitzen bei Verhandlungen Vertreter beider Seiten am Tisch. Im Töbeli gibt es etliche Kleingartenanlagen, viele davon gepachtet von Konstanzern aus dem Paradies. Der Gemeinderat hat im vergangenen Jahr einen Beschluss gefasst, wonach ein Verkauf des Geländes an die Schweiz keine Option ist, ebenso nicht die Verlagerung der Bodenseearena von Klein Venedig. (phz)