Wer kann sich das heute schon noch vorstellen? 44 Jahre in einem Betrieb zu arbeiten? In Zeiten des Job-Nomadentums, in denen es vollkommen normal ist, alle vier bis fünf Jahre den Arbeitsplatz zu wechseln, sind solche Dinosaurier-Arbeitsverhältnisse längst aus der Mode gekommen. Trotzdem gibt es sie noch. Beispiel Stadtarchiv Konstanz. Zum 31. Oktober scheidet Michael Kuthe hier aus – nach eben jenen unglaublichen 44 Jahren. 1972 hat er hat als Archivinspektor begonnen, jetzt geht der 68-Jährige als Archivamtmann. 1972, nur noch mal zur Erinnerung, das war das Jahr von Olympia in München, der deutsche Bundeskanzler hieß Willy Brandt, in den USA bestimmte die Watergate-Affäre die politischen Debatten und ein gewisser James Last führte monatelang die Albumcharts an.

Für Michael Kuthe ist es kein einfacher Ausstieg: "Ich habe meine Arbeit immer gemocht, hatte schon immer ein großes Interesse an Schriftlichkeit und Geschichte", sagt er im Gespräch mit dem SÜDKURIER. Das ist auch der Grund, weshalb er erst jetzt und nicht schon vor drei Jahren in den verdienten Ruhetstand geht. Sein Faible für Literatur, Bücher und Akten, sei ihm gewissermaßen auch in die Wiege gelegt worden: "Mein Vater war Pfarrer, meine Mutter stammte aus einer Adelsfamilie, schon von daher gab es da eine gewisse Nähe", erklärt der 68-Jährige. Seine Heimat war das schwäbische Göppingen, 1966 begann er seine Ausbildung in Stuttgart und Marburg. Dass er am Ende in Konstanz gelandet ist, bezeichnet Kuthe als "glücklichen Umstand".

Wer Michael Kuthe an seinem Arbeitsplatz im Konstanzer Stadtarchiv trifft, der könnte auch erst einmal einen falschen Eindruck bekommen. Sein Schreibtisch ist, nun ja, das Gegenteil von akkurat geordent, er sieht eher voll beladen aus – mit allerlei Schriftstücken, Werkzeugen und Büchern. Kuthe winkt ab: "Was für Sie vielleicht unordentlich wirkt, hat tatsächlich ein System. Diese ganzen Dinge brauche ich über den Tag verteilt. Ich habe mir hier meine eigene Ordnung geschaffen", sagt der 68-Jährige. Für die Arbeit in einem Stadtarchiv braucht man vor allem eins – Geduld. "Einer Akte können Sie nichts abzwingen. Einerseits. Andererseits können Sie sich auch nie so tief auf sämtliche Details einlassen. Wer Wort für Wort liest, der ist im Archiv verloren, es geht immer um einen Art Überblickslesen", erklärt der erfahrene Archivamtmann. Schaut man die nüchternen Zahlen an, dann kann man das schnell nachvollziehen. Alleine das Stadtarchiv Konstanz verfügt über 4000 laufende Meter Papier, es gibt zusätzlich 30.000 Büchertitel und 1000 Postkarten. Da kann man schnell den Überblick verlieren, wenn man sich in den Tiefen der Details verheddert.

Akribie ist noch so ein anderes Wort, das fällt, wenn der gebürtige Göppinger über seine Arbeit spricht. In Kuthes Revier muss man sehr genau arbeiten. Was er mag – in die Tiefen des Archivs hinabsteigen und Quellen suchen und finden. In Räumen mit meterhoch bestückten Altenregalen fühlt er sich wohl. Was er besonders mag – Quellen zu finden, die man schon längst für verloren hielt. Und die dann im allerbesten Fall auch noch eine Lücke in der bislang bekannten Geschichte schließen. Kuthe selbst hat etliche Quellen für das Stadtarchiv neu erschlossen. Das waren selten die ganz großen Sensationen, aber trotzdem doch so etwas wie Mosaiksteine in der Geschichte der Stadt

Fragt man Michael Kuthe, was so ein Stadtarchivar eigentlich den ganzen Tag macht, dann hat er dafür ein ganz anschauliches Bild parat: "Im Grunde ist es so", sagt Kuthe, "wir Archivare stellen die Bausteine zur Verfügung aus denen die Historiker ihre Werke bauen." Vielleicht sind sie am ehesten so etwas wie Dienstleister der Gegenwart oder Botschafter der Vergangenheit. Aber am Ende gehe es immer darum, eine schriftliche Vergangenheit, eine bestimmte Quelle zu erschließen und zur Verfügung zu stellen, findet Kuthe. Über die Jahre hat er längst eine sinnliche Beziehung zum Papier entwickelt. Ein Beispiel: Ein 500 Jahre altes Dokument in den Händen zu halten, ist für ihn immer noch ein besonderer Moment. Der Geruch, die Haptik, ornamentale Details: Es lehrt ihn nicht Ehrfurcht, aber vielleicht doch ein bisschen Demut. Aus Respekt vor dem Alter.

Am 31. Oktober endet nun Kuthes Zeit im Stadtarchiv. Er wird nochmal durch die Gänge schlendern, vielleicht hier und da eine Akte streifen. Dann beginnt ein neuer Lebensabschnitt. "Ich werde mich an die ganze Freizeit erst gewöhnen müssen", sagt er und grinst.

Von Beruf Stadtarchivar

Die Ausbildungszeit zum Archivar ist je nach angestrebtem Abschluss verschieden: Beamtenanwärter für den gehobenen Dienst beginnen ihre dreijährige Ausbildung nach dem Abitur und verdienen einen Grundbetrag von rund 1600 Euro im Monat. Voraussetzungen für den höheren Beamten-Dienst sind ein abgeschlossenes Studium und eine Promotion, für gewöhnlich in Geschichtswissenschaft. (lün)

Jetzt wieder verfügbar: die Digitale Zeitung mit dem neuen iPad und 0 €* Zuzahlung

*SÜDKURIER Digital inkl. Digitaler Zeitung und unbegrenztem Zugang zu allen Inhalten und Services auf SÜDKURIER Online für 34,99 €/Monat und ein iPad 10,2“ (32 GB, WiFi) für 0 €. Mindestlaufzeit 24 Monate. Das Angebot ist gültig bis zum 12.07.2020 und gilt nur, solange der Vorrat reicht. Ein Angebot der SÜDKURIER GmbH, Medienhaus, Max-Stromeyer-Straße 178, 78467 Konstanz.