Die Stadt tut viel, um dem steigenden Bedarf an U3-Plätzen nachzukommen – und doch reicht es nicht: 277 Eltern sind dieses Jahr in der ersten Vergaberunde für einen städtischen Kita-Platz leer ausgegangen. Wer Glück hat, rutscht in der dritten Vergaberunde nach, die derzeit läuft. Wesentlich verändert habe sich die Zahl der unterversorgten Kinder bis jetzt allerdings nicht wesentlich, erklärt das städtische Jugendamt auf Anfrage.

In der Kinderbetreuung ist deshalb neben den kommunalen, freien und kirchlichen Einrichtungen die Tagespflege eine wichtige Säule. Zwar hat sich die Zahl der Tagesmütter und -väter nicht wesentlich verändert, etwa 80 aktive Tageseltern gibt es derzeit in Konstanz.

Dennoch konnte die Zahl der Betreuungsplätze erhöht werden – denn die Tagesmütter und -väter betreuen zunehmend mehrere Kinder. "Dies ist im Sinne der Eltern und wird durch die Stadt besonders gefördert", so das Jugendamt. Was heißt das in der Praxis?

Kleiner und familiärer als in der Kita

Morgens, halb 11 in Allmannsdorf. In einer Wohnung im ersten Stock ist Hochbetrieb. In der Küche köchelt das Mittagessen, im Zimmer gegenüber spielt Soteria Fuchs auf dem Sofa mit Moneiba, nebenan spielen Theodor und Paulina mit Sabrina Monteleone.

Bild: Scherrer, Aurelia

Fünf Kinder, zwei Tagesmütter, eine große Wohnung mit Terrasse und Garten: Das sind die Konstanzer Wiesenkinder. Eine sogenannte Großtagespflege.

Dahinter verbirgt sich ein sehr persönliches Konzept: Mindestens zwei Tagesväter oder -mütter wie Sabrina Monteleone und Soteria Fuchs tun sich zusammen, mieten geeignete Räume an und betreuen zusammen bis zu sieben Kinder. Alles kleiner und familiärer als in einer Kita, aber dennoch eine Gruppe. Einrichtungen wie diese haben immer mehr Zulauf, auch in Konstanz.

"Wenn Sie nicht Vollzeit arbeiten, stehen die Chancen schlecht"

Vor ein paar Stunden hat Sarah Hodapp-Jaeger ihren Sohn Felix vorbeigebracht. "Für uns war die Tagespflege hier ein Glückstreffer", sagt sie.

Bild: Scherrer, Aurelia

Denn Hodapp-Jaeger kennt die Situation, keinen Krippenplatz zu bekommen, nur zu gut. Schon bei ihrem ersten, heute neunjährigen Sohn bekam sie damals eine Absage. Und auch bei Felix, mittlerweile drei Jahre alt, habe es geheißen: "Wenn Sie nicht hundert Prozent arbeiten, stehen die Chancen schlecht". Hodapp-Jaeger wollte wieder mit 75 Prozent einsteigen, gab ihre drei Wunsch-Kitas an und setzte bei der Frage, ob es im Zweifel auch eine andere Kita sein darf, vorsichtshalber noch das Kreuzchen. "Im Endeffekt ist man ja froh, irgendwas zu haben", sagt sie.

Trotzdem erhielt sie die Absage, hoffte auf das Nachrückverfahren. "Anfang Juli saß ich immer noch da und wusste nicht, ob ich einen Platz bekomme." Eine Tagesmutter als Alternative? "Da war ich skeptisch", sagt Hodapp-Jaeger. "Und hatte auch Vorbehalte: Ich wollte mein Kind nicht bei irgendeiner Frau abgeben, die das vielleicht nur wegen des Geldes macht." Als Freunde ihr von der Großtagespflege in Allmannsdorf erzählten, schaute sie sich doch mal um. Ein paar Wochen später meldete sie Felix bei Soteria Fuchs (links) und Sabrina Monteleone (rechts) an.

Bild: Scherrer, Aurelia

"Ich fand die Wiesenkinder toll, aber am Anfang habe ich mich schon ein wenig geärgert", erinnert sich Hodapp-Jaeger. Denn die Großtagespflege ist in diesem Fall teurer als eine Kita. 200 Euro im Monat zahlt Familie Hodapp-Jaeger an das Jugendamt – der reguläre Satz für die Tagespflege. Und noch einmal rund 200 Euro zahlte bis vor Kurzem an die Wiesenkinder – für 30 Stunden Betreuung in der Woche.

Als Felix zwei Jahre alt wurde, hätte sie für ihn zwar einen Kita-Platz bekommen, entschied sich aber, zu bleiben und zahlt für die Qualität gerne etwas mehr. "Das wollte ich auch für Felix nicht. Er hatte ja schon seine Bezugsperson gefunden."

Die Bezugsperson ist immer da

Das Konzept einer Großtagespflege, sagt Hodapp-Jäger, passe gut für ihren Sohn. "Er kommt nicht morgens in die Betreuung und seine Bezugsperson hat gerade zwei Wochen Urlaub". Es sei wie eine Familie, in einer großen Wohnung, die viel Platz zum Spielen bietet.

Bild: Scherrer, Aurelia

Hinzu kommt, dass die Betreuungszeiten aus ihrer Sicht flexibler sind als in einer Kita. In einer Tagespflege gibt es keine generellen Öffnungszeiten. Die Betreuungszeit wird mit allen Eltern individuell abgestimmt. Und auch da sei man flexibel: "Ich kann am Abend kurz eine Whatsapp schreiben und fragen, ob ich Felix morgen außerhalb der vereinbarten Betreuungszeit bringen kann, wenn ich einen wichtigen Termin habe", sagt Hodapp-Jaeger. Gerade erwartet sie ihr drittes Kind. Wo wird sie es später betreuen lassen? "Ich würde schon gerne wieder zu den Wiesenkindern."

Bild: Scherrer, Aurelia

Ob das klappt, ist allerdings unsicher. Eltern wie Sarah Hodapp-Jäger, die nur einen Teilzeit-Platz brauchen und wollen, dürften künftig auch in der Großtagespflegestelle schlechte Karten haben. Denn Sabrina Monteleone und Soteria Fuchs sehen sich nun gezwungen, künftig fast nur noch Vollzeit-Plätze anzubieten. "Wir machen den Job gerne, aber auch wir müssen wirtschaftlich rechnen", sagt Soteria Fuchs.

5,50 Euro pro Stunde und Kind

Grund ist eine neue städtische Förderrichtlinie. Das Jugendamt bezuschusst die Tagespflege seit 1. Juli nur noch, wenn die Eltern nicht extra oben drauf zahlen. Das klingt erst einmal nach einer guten Nachricht. Auch Sarah Hodapp-Jaeger zahlt seither keine Extra-Beiträge mehr. Für die Tagesmütter aber heißt das: Sie verdienen noch weniger als vorher.

Denn ihre Rechnung ist folgende: Für ein Kind unter drei Jahren bekommen sie vom Land je Stunde 5,50 Euro – und das mit allen Risiken und Abzügen der Selbstständigkeit. Oben drauf kommen die freiwilligen städtischen Zuschüsse, die an die Betreuungszeiten geknüpft sind. Die beiden Tagesmütter müssen zwar nicht alle Kinder immer ganztags betreuen – das liegt in ihrer eigenen Entscheidung.

Aber für die Tagesmütter lohnt es sich wenn überhaupt nur noch, Kinder aufzunehmen, die mindestens 30 Stunden die Woche betreut werden müssen, da dann die Förderung vom Jugendamt höher ist. "Dies entspricht dem Bedarf, der von den Eltern in unserem Fachbereich angemeldet wird", so das Jugendamt.

"Wir mussten 80 Prozent der Eltern-Anfragen ablehnen", sagt Soteria Fuchs. Andere Eltern stocken im Job extra auf, um einen Betreuungsplatz zu bekommen. Auch Sarah Hodapp-Jager sagt: "Das Konzept Tagespflege ist ja eigentlich ein anderes. Nämlich weniger und intensivere Betreuung als in einer staatlichen Kita."

"Eltern schätzen die Flexibilität"

Das sieht auch Soteria Fuchs so: "Es ist genau diese Flexibilität, die die Eltern schätzen". Fuchs engagiert sich auch politisch in der Freien Grünen Liste und hoffte wie andere Tageseltern auf eine Erhöhung des Sockelbeitrags. Dem kommt das Land nun immerhin entgegen. Das Kultusministerium hat vor Kurzem zugesagt, dass selbstständige Tagespflegepersonen in Baden-Württemberg künftig einen Euro mehr pro Kind und Stunde verdienen.

Und auch die Stadt Konstanz will in einem Punkt nachbessern: "Wir arbeiten an einer Lösung und Aufnahme der Tagespflege in die zentrale Vormerkung". Denn genau das hatte auch Sarah Hodapp-Jaeger bemängelt: "Ich wusste gar nicht, welche Angebote es alles gibt".

Fünf Fakten zur Kindertagespflege

  1. Fünf sogennannte Großtagespflegen gibt es derzeit in Konstanz. Schließen sich zwei Tagesmütter oder -väter zusammen, dürfen sie zusammen bis zu neun Kinder betreuen.
  2. Die meisten Tagesmütter und -väter haben sich auf die U3-betreuung spezialisiert. Theoretisch dürften sie aber Kinder bis zu einem Alter von 14 Jahren betreuen und selbst entscheiden, wie viele Kinder aus verschiedenen Altersgruppen sie betreuen wollen.
  3. Maximal 90 Prozent Mietkostenzuschuss oder bis zu 1000 Euro bekommen Tageseltern, die extra Räume angemietet haben. Die Bedingung: Die Betreuung ist Vollzeit an fünf Werktagen und mit maximaler Belegungszahl.
  4. Die Stadt Konstanz zahlte 2017 rund 35.500 Euro an Mietkostenzuschüssen für Großtagespflegestellen.
  5. Eine vom Landesverband Kindertagespflege Baden-Württemberg in Auftrag gegebene Studie belegte vor Kurzem: je flexibler eine Tagesmutter arbeitet – in dem sie zum Beispiel schon sehr früh ihre Türen öffnet oder bis spät in die Nacht betreut – desto geringer fällt unterm Strich die Entlohnung dafür aus. In der Regel arbeiten Tageseltern unter dem Mindestlohn.