Nur eine kleine weiß-braune Kappe ist zu sehen. Ganz leicht schimmert sie durch das braue, gelbe und rote Laub, das auf dem Waldboden liegt. Uwe Winkler geht zielstrebig vom Weg ab, bückt sich und dreht sanft einen Pilz aus der Erde.

„Wir haben dieses Jahr ein extrem gutes Pilzjahr“, sagt er freudig und streckt einen Pilz in die Höhe. „Hier haben wir sogar ein recht seltenes Exemplar für unsere Region. Das ist ein Amethystblättriger Klumpfuß“, meint Winkler, Pilzsachverständiger für den Bereich Bodanrück und Kreuzlingen.

Redakteurin Kerstin Steinert ist mit dem Pilzsachverständigen Uwe Winkler im Dettinger Wald unterwegs. Überall sprießen die Pilze aus der Erde. Im Vordergrund ist der Schopftintling zu sehen, hinten der Spechttinling.
Redakteurin Kerstin Steinert ist mit dem Pilzsachverständigen Uwe Winkler im Dettinger Wald unterwegs. Überall sprießen die Pilze aus der Erde. Im Vordergrund ist der Schopftintling zu sehen, hinten der Spechttinling. | Bild: Oliver Hanser

Pilze wachsen überall – und länger als man denkt

Winkler ist fast jeden Tag in den Wäldern rund um den Bodensee unterwegs. Diesmal durchforstet er den Wald bei Dettingen. „Eigentlich findet man überall Pilze„, sagt er. Eine schlechte Nachricht für Hobbysammler gibt es trotzdem. Die eine Stelle, wo zum Beispiel nur Steinpilze oder Pfifferlinge (ohne ihre giftige Doppelgänger) wachsen, wachsen, gebe es bei uns nicht.

„Bei uns in der Region haben wir eine extreme Artenvielfalt“, behauptet er. Im Schwarzwald sieht die Sache aber schon anders aus. „Dort wachsen die Speisepilze gerne Mal in großer Zahl dicht beieinander“, sagt der Pilz-Experte.

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Schmackhafte Pilze findet er trotzdem immer. Auch wenn die Saison für die beliebtesten Speisepilze so gut wie vorbei sei, finde man doch immer noch ein paar Leckerbissen – wie den Parasol. Und Tatsache: Im Dickicht des Waldes strahlt ihm ein großer Parasol entgegen. Diese seien auch relativ leicht zu finden.

Sie haben einen großen weißen Schirm, der auf dem bunten Wald Boden fast schon leuchtet. „Viele schneiden den Stil ab und panieren den Schirm wie ein Schnitzel“, sagt Winkler. Doch Vorsicht! Es besteht Verwechslungsgefahr mit einigen giftigen Schirmlingen. Deshalb sollte man keine Pilze unter zehn Zentimetern mitnehmen und auf den verschiebbaren Stielring des Parasols achten.

Der Parasol ist ziemlich groß und sehr schmackhaft. Der Schirm des Pilzes kann paniert werden wie ein Schnitzel.
Der Parasol ist ziemlich groß und sehr schmackhaft. Der Schirm des Pilzes kann paniert werden wie ein Schnitzel. | Bild: Uwe Winkler

Wer unsicher ist, sollte keine selbst gesammelten Pilze essen

Der Pilzexperte rät: Wenn man sich nicht ganz sicher ist, welchen Pilz man gepflückt hat, sollte man ihn auf keinen Fall essen oder zumindest zur Pilzkontrolle bringen. „Mich haben schon Pilzsammler angerufen und gesagt, dass sie einen Pilz gegessen haben und erst hinterher im Internet gesehen haben, dass er giftig sei. Ein klarer Fall von falscher Reihenfolge“, gibt der Experte zu bedenken. Das sei purer Leichtsinn und könne im Extremfall tödlich enden.

Video: Hanser, Oliver

Um einen Pilz sicher identifizieren zu können, sollte man drei bis fünf eindeutige Merkmale bestimmen können. „Das geht bei den meisten Arten“, erklärt Winkler. Nicht nur das Aussehen kann dabei Hinweise geben, sondern auch der Geschmack und Geruch. Geschmacksproben sind aber nur etwas für Kenner und sollten nur bei Gattungen durchgeführt werden, die man kennt und bei denen es keine stark giftigen Pilze gibt.

„Bittere Pilze oder scharfe Pilze sind dann keinesfalls essbar“, erklärt der Pilzkenner. Manche Pilze haben auch einen ganz speziellen Geruch, wie der Anis-Champignon. Dieser rieche – wenig überraschend – leicht nach Anis.

Der Anis-Champignon ist leicht zu identifizieren. Er riecht leicht nach dem Gewürz.
Der Anis-Champignon ist leicht zu identifizieren. Er riecht leicht nach dem Gewürz. | Bild: Oliver Hanser

Apps fürs Smartphone können eine Hilfe sein, bergen aber auch Gefahren

Eine Hilfe bei der Erkennung von Pilzen können Apps für das Smartphone sein. „Ich selbst benutze Pilz-Apps als Namensdatenbank. Für Anfänger machen dieses Apps Sinn, zum Beispiel als Ersatz für ein Pilzbuch“, sagt Winkler und fügt gleich ein großes Aber dahinter. „Die Bestimmung mit der Kamera ist mit großer Vorsicht zu genießen. Die Ergebnisse können zu gefährlichen Verwechselungen führen“, sagt er.

Trotzdem: Probieren geht über studieren. Der nächste Pilz am Wegesrand wird mit der Pilz-App gescannt. Nach ein paar Sekunden spukt die App einen Namen aus: Austernseitling. „Oh, weit daneben“, meint der Experte. Es sei der Klumpfuß – nicht essbar. Fatal, denn die App hat einen Speisepilz identifiziert.

Mit Apps fürs Smartphone kann man mittlerweile mitten im Wald Pilze bestimmen. Leider liegt die App nicht immer richtig. Das ist kein essbarer Austernseitling, sondern ein giftiger Klumpfuß.
Mit Apps fürs Smartphone kann man mittlerweile mitten im Wald Pilze bestimmen. Leider liegt die App nicht immer richtig. Das ist kein essbarer Austernseitling, sondern ein giftiger Klumpfuß. | Bild: Oliver Hanser

Eine Frau Hund läuft an Winkler vorbei und wirft einen Blick in sein Körbchen mit den Pilzen. „Da ist das Mittagessen gesichert“, sagt sie und läuft weiter. Winkler ärgert sich. „Das ist eine Katastrophe. Das ist wieder typisch.“ Warum? „Wenn jemand das Wort Pilze hört, denkt er immer gleich ans Essen. Aber Pilze sind so viel mehr!“, verteidigt er die Gewächse.

„Sie sind die Gesundheitspolizei, Müllabfuhr und Verbündeten der Bäume. Sie sind einfach faszinierend“, sagt der Pilzexperte. Zusätzlich schmeckten einige von ihnen halt noch sehr gut.