Jonathan Hale hat an der Uni Konstanz Informatik studiert. Wie ein Informatiker sieht er trotzdem nicht aus. Kein Schlabber-Shirt, keine Brille und erst recht keine Heavy-Metal-Mähne. Der junge Mann trägt ein weißes Hemd. Er ist modisch frisiert, schlank und glattrasiert. Und – sehr zur Freude des Interviewers – macht Jonathan Hale einen Kaffee, der so manchen Barista vor Neid erblassen ließe. „Kaffee hat eine besondere Bedeutung für Vhite Rabbit“, sagt der 24-Jährige gleich zu Beginn des Gesprächstermins.

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Vhite Rabbit ist ein Start-Up, das Hale im Sommer 2018 zusammen mit seinem Freund Florian Iskici gegründet hat. Ins Deutsche übersetzt bedeutet der Name „Weißes Kaninchen“ – eine Anlehnung an Lewis Carrolls Kinderbuchklassiker „Alice im Wunderland“, in dem die Protagonistin einem weißbepelzten Langohr folgt. Hinab in den Kaninchenbau, hinein ins Wunderland.

„Das passt: Auch wir wollen Menschen in magische Welten führen“, sagt Hale und schmunzelt. Ebenfalls kein Zufall: das „V“ am Anfang von Vhite Rabbit. Schließlich ist das Unternehmen auf die Erschaffung einer Virtuellen Realität spezialisiert – und die wird wie Vhite Rabbit mit VR abgekürzt.

Brille auf und los

So weit so durchdacht. Aber, was hat das alles mit Kaffee zu tun? Zur Erklärung reicht Jonathan Hale die Virtual-Reality-Brille, die er griffbereit auf seinem Schreibtisch platziert hat. Setzt man sich das schwarze Ungetüm auf die Nase, fühlt man sich zunächst an das Innere eines konventionellen Kaninchenbaus erinnert – alles ist hier ziemlich düster.

Bereit für den Start: Sobald Jonathan Hale seine Virtual-Reality-Brille aufsetzt, eröffnet sich vor ihm das Innere eines Kaffeehauses. Espresso-Maschine, Tassen und Siebträger kann der Spieler in Echtzeit bewegen.
Bereit für den Start: Sobald Jonathan Hale seine Virtual-Reality-Brille aufsetzt, eröffnet sich vor ihm das Innere eines Kaffeehauses. Espresso-Maschine, Tassen und Siebträger kann der Spieler in Echtzeit bewegen. | Bild: Schottmüller, Daniel

Aktiviert man allerdings den an eine Fernbedienung erinnernden schwarzen Controller, taucht vor dem Auge des Brillenträgers ein Kaffeehaus-Tresen auf. Links die Kasse, rechts eine Auslage mit Donuts und gegenüber eine Kundin, die deutlich hörbar einen Espresso bestellt. Willkommen im Wunderland!

So sieht das Startmenü des Spiels aus.
So sieht das Startmenü des Spiels aus. | Bild: Vhite Rabbit

Viel Zeit, um sich zurückzulehnen und den detailreich animierten Laden in Augenschein zu nehmen bleibt allerdings nicht. In der rechten oberen Ecke des Sichtfelds ploppt eine Uhr auf, die diktiert, wie viel Zeit bleibt, um den Kundenwunsch zu erfüllen. Also ran an die Espressomaschine, die sich mithilfe zweier schwarzer Controller bedienen lässt.

Bei der Steuerung des Spiels kommen die Controller zum Einsatz, die Hale in den Händen hält. Nur wer die richtigen Bewegungen in einer bestimmten Zeit erledigt, kann seine virtuelle Kunden glücklich machen.
Bei der Steuerung des Spiels kommen die Controller zum Einsatz, die Hale in den Händen hält. Nur wer die richtigen Bewegungen in einer bestimmten Zeit erledigt, kann seine virtuelle Kunden glücklich machen. | Bild: Schottmüller, Daniel

Da der SÜDKURIER-Redakteur in den darauf folgenden Minuten noch so seine Probleme hat, Tasse, Siebträger und Einschaltknopf in der richtigen Reihenfolge und Geschwindigkeit zu aktivieren, zeigt Hale, wie es richtig geht. Mit einigen geschickten Bewegungen schafft er es einen Espresso zu zaubern, der sich vor dem eingangs servierten realen Kaffee nicht zu verstecken braucht.

Voila: Wenn alles gut läuft, steht am Ende ein Tässchen Espresso zum Verzehr bereit.
Voila: Wenn alles gut läuft, steht am Ende ein Tässchen Espresso zum Verzehr bereit. | Bild: Vhite Rabbit

Vier Monate lang haben Hale, sein Mitgründer und die fünf befreundeten Studenten, die Vhite Rabbit in ihrer Freizeit unterstützen, an dem Spiel Barista Express gearbeitet. „Zunächst gilt es Zeichnungen anzufertigen, die dann in dreidimensionale Modelle umgesetzt werden“, erklärt Hale den Entstehungsprozess. Das Projekt ist Teil einer größeren Spieleplattform, die er als „Moonshot-Projekt“ beschreibt – eine visionäre Idee, die aber noch kein Geld einbringt.

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Um das Start-Up finanziell über Wasser zu halten, erledigt man finanziell lukrativere Auftragsarbeiten. Eines davon setzt Vhite Rabbit gerade mit einem Reutlinger Reha-Unternehmen um. „Es geht darum halbseitig gelähmten Menschen, zum Beispiel nach einem Schlaganfall, zu helfen“, sagt der junge Gründer.

Die Idee: Nach dem Aufsetzen der VR-Brille erscheinen vor dem Auge des Patienten zwei Hände, die einen Rahmen umfassen. Innerhalb des Rahmens taucht eine Kugel auf, die durch ausbalancieren in die Mitte des Rahmens gebracht werden soll. „Das Gehirn des Patienten nimmt wahr, dass auch die eigentlich gelähmte Hand virtuell in Bewegung ist“, beschreibt Hale weiter. Diese Phantom-Bewegung wiederum wirke sich erwiesenermaßen positiv auf den Heilungsprozess aus.

Militärtraining und eine schaumige Überraschung

Hale sieht neben der Medizin noch weitere Felder, in denen sich VR-Technologie effektiv einsetzen lässt. So verwende das Militär schon seit den Siebzigern entsprechende Brillen, um sich auf Einsätze vorzubereiten. Der 24-Jährige kann sich auch vorstellen, dass Firmen in Zukunft darauf verzichten, größere Ausstellungsstücke an Messeständen zu präsentieren. „Stattdessen kann man dem Kunden einen virtuellen Produkteinblick bieten.“

Jonathan Hale hat noch viele Ideen: Sein neues Projekt hat statt mit Kaffee mit Bier zu tun.
Jonathan Hale hat noch viele Ideen: Sein neues Projekt hat statt mit Kaffee mit Bier zu tun. | Bild: Schottmüller, Daniel

Die Möglichkeiten von VR-Technologien sieht Hale noch lange nicht ausgeschöpft. Auf das spielerische Element seiner Arbeit möchte er aber auch in Zukunft nicht verzichten. Das zeigt die Nachfolge-Idee von Barista Express: „Gerade arbeiten wir an einem sich selbst füllenden virtuellen Bierglas!“